Abtei Praglia Besuch im größten Benediktinerkonvent Italiens

23.09.2020

Kunstgefüllte Basilika, Klosterladen bekannt für Kosmetika, Nuklearphysiker als Abt - Die Abtei Praglia, in der Nähe von Padua, hat so manche Überraschung zu bieten.

Abtei Praglia von außen
Mitten im Grünen liegt die Abtei Praglia. © Altmann

Das imposante Bauwerk sieht man schon aus weiter Ferne. Es liegt wunderschön eingebettet in einer grünen Landschaft. Ringsum Maisfelder und sanfte Hänge. Wer sich der Abtei Praglia nähert, ist fasziniert von diesem malerischen Standort. Von der Landstraße biegt man ab in einen schmalen Asphaltweg, der vorbeiführt an Weinhängen und einer großen Kellerei. Durch einen breiten Torbogen gelangt man in das Innere der weitläufigen Klosteranlage.

Die zur Gemeinde Teolo gehörende, im elften Jahrhundert gegründete Abtei Praglia befindet sich am Fuß der Euganeischen Hügel, ungefähr 15 Kilometer von Padua entfernt. Der Name Praglia, ursprünglich „Pratalea“, ist abgeleitet vom italienischen Begriff „prato“ (Wiese). Dieser Name ist nach wie vor sehr zutreffend, da die Klosteranlage von Wiesen und Feldern umgeben ist. Im Hochmittelalter waren die Mönche die größten Grundbesitzer der Region.

Freskenreiche Basilika

Die Abtei wuchs im Laufe der Jahrhunderte, der Baukomplex dehnte sich aus. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts bewohnten Benediktinermönche das Kloster, 1806 mussten sie es im Rahmen der Säkularisation verlassen. Erst ein knappes Jahrhundert später, nämlich 1904, wurde Praglia erneut von Benediktinern bevölkert.

Gleich hinter dem Hauptportal zur Klosteranlage führen linker Hand breite Treppenstufen hinauf zur Klosterkirche, einer dreischiffigen Basilika mit kreuzförmigem Grundriss. Am späten Nachmittag ist während der Woche kaum jemand in diesem Gotteshaus, so dass man in Ruhe die wunderschönen Fresken und Gemälde bewundern kann. Letztere stammen zum Teil aus dem Umfeld von Paolo Veronese. Das Kruzifix über dem Hochaltar ist das älteste Stück in der Kirche, es wurde in der Giotto-Werkstatt geschaffen.

Betörende Düfte

Lebhafter geht es im Klostershop zu. Die Abtei Praglia ist bekannt für ihre Kosmetikprodukte, darunter Crèmes, Shampoos, Badezusätze, Seifen. Die Kosmetika wurden von Mönchen in Praglia entwickelt und werden heute noch zum großen Teil im Kloster hergestellt. Padre Giustino Pege, ein studierter Chemiker, hat immer wieder neue Kreationen geschaffen und so das Sortiment vergrößert. Inzwischen ist er Abt des Benediktinerklosters Noci in Apulien. Dort kann er seiner Leidenschaft nicht mehr frönen, sondern muss sich Führungsaufgaben widmen.

Wenn man den Klosterladen betritt, wird man betört von den vielen Düften und weiß zunächst kaum, wohin man sein Auge richten soll. Überall gibt es reizvolle Angebote. Neben den erwähnten Kosmetika, die man seit einiger Zeit auch online bestellen kann, sind es beispielsweise Kräutertees, Kräuterbonbons und Kräuterkissen. Sie sind alle aus Pflanzen des klostereigenen Kräutergartens hergestellt. Neben einem Büchersortiment aus dem klostereigenen Verlag betrachtet man als Besucher erstaunt das umfangreiche Weinangebot. Die Benediktiner besitzen weitläufige Weinanbauflächen in der Umgebung und produzieren hochwertige Weine. Rund 38.000 Flaschen sind es im Jahr. Die edlen Tropfen werden auch an Restaurants und Weinläden geliefert. Kein Wunder, dass bei einem solchen Angebot die Kasse klingelt und Padre Antonio lächelnd hinter der Verkaufstheke steht. Der Laden ist so gut wie immer von zahlreichen Kunden bevölkert.

Von der Physik zum Glauben

Links vom Eingang zum Klosterladen befindet sich die Klosterpforte. Ich bin mit Stefano Visintin verabredet, der im März 2019 zum neuen Abt von Praglia gewählt wurde. Ich muss eine Weile im Besucherzimmer warten, bevor Abt Stefano zur Pforte kommt, die Klosteranlage ist groß. Wir gehen durch einen malerischen Kreuzgang. Lange Gänge führen uns an zahlreichen Türen vorbei, in manchen Raum kann man einen Blick werfen und erspäht antike Möbel und Gemälde.

Abt Stefano führt mich in einen hohen Raum mit zahlreichen Fenstern. Der Wind streift durch das Zimmer, so dass man die Hitze nicht so spürt. Der Ordensmann ist 1989 in Praglia eingetreten, war dann fünf Jahre in dieser Abtei, bevor er zum Studium an die Benediktineruniversität Sant’Anselmo in Rom ging. „Ich habe in Triest Nuklearphysik studiert“, erzählt der 60-Jährige, „dort in der Nähe bin ich aufgewachsen. Für meine Promotion habe ich in einer internationalen Forschungsgruppe gearbeitet, in das die Universitäten Triest, Padua und Rochester/USA involviert waren. Aber schon die letzte Zeit an der Universität habe ich mich mit dem Gedanken getragen, meinem Leben etwas Profunderem zu widmen als dem Komplex der Nuklearphysik. Auf dem Weg des Glaubens wollte ich meinen Horizont erweitern. Mit 29 Jahren bin ich dann ins Kloster eingetreten. Das Leben als Ordensmann bot mir mehr Zeit für meine Studien und hat mir neue Horizonte eröffnet. Viel mehr noch, als ich es zu Beginn meines Ordenslebens erwartet hätte. Ich habe mich entschlossen, in ein benediktinisches Kloster einzutreten, weil ich bei diesem Orden am ehesten die Möglichkeit sah, neue Erfahrungen zu sammeln und meinen intellektuellen Horizont zu erweitern. Natürlich hätte ich auch Jesuit werden können, aber die Benediktiner haben mich mehr angesprochen.“

Neues Amt

Nach dem Abschluss des Studiums in Sant’Anselmo kam Visintin nur für kurze Zeit nach Praglia zurück, um dann erneut nach Rom zu gehen. Insgesamt 19 Jahre blieb der Ordensmann in Sant’Anselmo. Zunächst als Professor für Theologie, dann als Dekan, danach als Vize-Rektor und schließlich als Rektor. Nach der Wahl zum Abt musste er diese Position rasch aufgeben: „Ich habe mich mit neuen Verantwortlichkeiten konfrontiert gefühlt. Ich war es zwar gewohnt, Führungsaufgaben wahrzunehmen, da ich zehn Jahre lang Rektor von Sant’Anselmo gewesen bin. Zwar sind die Basisaufgaben des Leadership hier wie da gleich, aber jede Position hat dann noch individuelle Anforderungen. Hier in Praglia geht es um viele Dinge: beispielsweise jeden einzelnen Mitbruder anzuhören, die Wirtschaftsunternehmen, die Pfarrei.“

Als Abt muss er sich nun mehr existentiellen als intellektuellen Fragen widmen, wie der Ordensmann es beschreibt. Nach der Wahl war er sich zunächst nicht so sicher, ob er allen Anforderungen dieser Position gewachsen sein würde. „Ich hatte mich ja nicht um dieses Amt beworben. Aber dann habe ich gedacht, dass ich meiner Kommunität dienen muss, wenn ich zum Abt gewählt werde, und meine Aufgaben, so gut ich kann, erfüllen muss.“

Größter Konvent aller Ordensgemeinschaften in Italien

42 Mönche und zwei zeitliche Professen gehören dem Konvent von Praglia an, hinzu kommen noch die Oblaten. Die Abtei ist damit der größte benediktinische Konvent Italiens und übrigens auch der größte Konvent aller Ordensgemeinschaften in Italien. Nicht alle Mitbrüder leben hier. Manche sind auch in den Niederlassungen, beispielsweise in San Giorgio Maggiore in Venedig. Dort gibt es einige Gästezimmer und im Rahmen der Kunst und der Architekturbiennale hin und wieder auch Ausstellungen.

Praglia hat neben den bereits erwähnten Betrieben noch eine Restaurierungswerkstätte für antike Bücher, eine Bibliothek und ein Tagungszentrum. Diese zahlreichen Aktivitäten können die Mönche nicht alleine bewältigen, sondern werden unterstützt durch rund zehn weltliche Mitarbeiter.

Corona Lockdown im Kloster

Im Februar dieses Jahres wurde die Abtei vor eine große Herausforderung gestellt. Praglia liegt wenige Kilometer von der Ortschaft Vó entfernt, die traurige Berühmtheit erlangte, da dort einer der ersten Corona-Infizierten Italiens lebt. „Die Gemeinde Vó, die ja ein Corona-Hotspot war, liegt direkt in unserer Nähe“, erzählt Abt Stefano. „Wir haben Mitarbeiter aus Vó, die mit dem Ausbruch der Pandemie zu Hause bleiben mussten. Zum Glück sind diese nicht erkrankt, auch niemand in unserem Konvent.

Wir haben uns in Zeiten des Lockdowns zurückgezogen und ein strikteres Klosterleben geführt, wie es ja eigentlich in einem ‚richtigen‘ Kloster sein sollte. Das war für uns positiv. Wir haben uns mehr spirituellen Aktivitäten gewidmet – dem Gebet, der Meditation, der Lektüre, dem Gemeinschaftsleben – und unsere Außenaktivitäten eingestellt. Aber uns ging es ja viel besser als den meisten Menschen in Italien. Wir besitzen zehn Hektar Land und hatten viele Bewegungsmöglichkeiten. Negativ in dieser Zeit war, dass wir uns nicht mehr den Menschen draußen widmen konnten, die unseren Beistand suchen. Beispielsweise die Alten und Behinderten, die Pilger. Gottesdienste durften wir nur im Kreis unserer Konventmitglieder feiern. Für verschiedene Menschen draußen war es schwierig, dass sie den direkten Kontakt zu uns nicht halten, nicht beichten, nicht am Gottesdienst teilnehmen konnten. Auch diejenigen, die als Übernachtungsgäste zu uns kommen wollten, durften dies nicht.“

Die Mönche von Praglia stellten fest, dass die Menschen in dieser Phase mehr nach Gott gesucht haben. „Das ist in allen Momenten der Unsicherheit so. Wir möchten alles kontrollieren, und das Virus hat uns gezeigt, dass dies nicht immer möglich ist. Die Menschen kamen mit existentiellen Fragen zu uns“, erzählt Abt Stefano, „jetzt haben wir einen Moment Pause, aber die Fragen bleiben, da die Gefahr des Virus noch nicht gebannt ist. Auch wenn manche Menschen wieder zu ihrem früheren Leben zurückgekehrt sind.“

Gemeinsame Wertebasis

Auch ein anderes Thema, das international in den Fokus gerückt ist, beschäftigt den Abt von Praglia: „Black Lives matter“. „Es gibt diese latente Angst in der Gesellschaft vor dem Fremden. Ich bin in Triest in einem Grenzgebiet aufgewachsen. Ich kenne diese Bedenken. Aber wenn es zu Rassismus wird, so ist das in jedem Fall zu verurteilen. Hier in Italien ist diese Bewegung nicht so groß, weil wir mehr daran gewöhnt sind, Ausländer im Land zu haben. Sant’Anselmo ist beispielsweise eine internationale Universität. Dort ist die Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturkreisen und von anderen Kontinenten völlig normal. Wichtig ist, dass man eine gemeinsame Wertebasis hat. Wer wenig Außenkontakte hat, hat möglicherweise mehr Vorbehalte gegenüber Fremdem.“

Wichtig ist Abt Stefano, den Menschen für die Zukunft Folgendes mit auf den Weg zu geben: „Wir müssen unsere Aufgaben mit Eifer erfüllen und Mitmenschen und Natur mit Achtsamkeit behandeln, ihren Wert erkennen. Wer so lebt, der wird die Hoffnung nicht verlieren.“ (Dr. Petra Altmann, Buchautorin und Journalistin mit Schwerpunkt „Klösterliche Traditionen“)


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