Bildungsreihe zu Gast im "Lesetraum" Bibel im Buchladen

08.04.2019

Dass auch inmitten von Bilderbüchern harte Worte fallen können und warum Journalisten manchmal Propheten sind, erfuhren die Besucher der Reihe "Bibel ganz anders", die in der Buchhandlung "Lesetraum" des Sankt Michaelsbundes zu Gast war.

Friedrich Bernack von der Stiftung Bildungszentrum (von links) gestaltete mit Regina Heinritz und Stefan Eß vom Sankt Michaelsbund den „prophetischen“ Abend. © Kiderle

München – Natalya Bosak (34) hat sogar Ballettkarten sausen lassen, als ihre ehemalige Dozentin Blanka Jerabek (80) sie eingeladen hat, mit ihr zu „Bibel ganz anders“ zu gehen. Die junge Ukrainerin und die emeritierte tschechische Professorin an der Ukrainischen Freien Universität München haben schon einige Termine der Reihe besucht, die unter anderem bei einem Uhrmacher und im Museum zu Gast war (wir berichteten). Heute gefällt den beiden Frauen das Ambiente besonders gut, denn zwischen bunten Büchern, kleinen Geschenken und fröhlichen Postkarten ist die Reihe im „Lesetraum“ zu Gast, der Buchhandlung des Sankt Michaelsbundes (SMB) in der Herzog-Wilhelm-Straße.

„Wahrheitssager“

Friedrich Bernack, stellvertretender Direktor der veranstaltenden Stiftung Bildungszentrum, möchte hier Texte von Amos, eines der ältesten biblischen Propheten, in Beziehung zur visionären Kraft von Büchern und modernen Medien setzen. Schwere Kost ist es, die Regina Heinritz, Leiterin des Lesetraums, und Stefan Eß, geschäftsführender SMB-Direktor, vortragen – in schönem Kontrast zu „Henri, der mutige Angsthase“ oder „Felix fährt Eisenbahn“: den Titeln der Bilderbücher hinter ihnen im Regal.

„Weil ihr den Schwachen zerstampft, Kornzinslast von ihm rafft: baut nur Häuser aus Quadern – wohnen drin werdet ihr nicht (…) Denn ich weiß: Eurer Frevel sind viel, und stark eure Fehle! Ihr – des Gerechten Bedränger, Vertuschungsgeldnehmer, ihr beugt die Armen im Tor“, lesen sie vor.

Unruhestifter

Propheten seien „Wahrheitssager“, erläutert Theologe Bernack, prangerten die Mächtigen an. Allerdings müsse man zwischen „Berufungspropheten“ unterscheiden wie Amos und „Berufspropheten“, die im Dienste der Herrscher standen und diesen oft nach dem Mund redeten. Nicht so Amos, der die Frauen der Reichen als Kühe bezeichnet und mit Feuer und Wirbelwind den Untergang des Nordreichs Israels voraussagt – und Recht behält.

Die Teilnehmer sind beeindruckt von der Aktualität der Texte: Nicht nur „Vertuschungsgeldnehmer“ gibt es heute noch. Die verwendete Bibelübersetzung von Fridolin Stier verleiht Amos’ Worten zusätzlich Nachdruck. Bernack zitiert aus Stiers Tagebuch: Die Bibel diene nicht nur als „Steinbruch zu glaubender Wahrheiten“, sie sei „Unruhe stiftend, drängend auf Wandlung“.

Moderne Propheten in der Medienbranche

„Wer sind die heutigen Propheten?“, fragt ein Besucher, „die mahnenden Wissenschaftler, der Club of Rome?“ Vielleicht auch die Medien, wie Eß beweist, als er das katholische Medienhaus Sankt Michaelsbund vorstellt. Es sei durchaus möglich, „dass Gott auch durch unsere Mitarbeiter sprechen kann“, ergänzt er augenzwinkernd. 1901 ging der SMB als „Katholischer Preßverein“ aus einer Volksbildungsbewegung hervor. In der Zeit des Nationalsozialismus habe die heutige Münchner Kirchenzeitung (MK) nur zwischen den Zeilen prophetisch das Regime kritisieren können. Heute noch brächten die SMB-Redaktionen von der MK über Kirchenradio und Fernsehen bis zu mk-online und der SMB-Verlag den Menschen eine frohe Botschaft. Heinritz und Eß erzählen auch von der Leseförderung in den bayernweit mehr als 1.000 Mitglieds-Büchereien des SMB und im Lesetraum.

Noch lange unterhalten sich die Besucher dort bei Brot und Wein. Josef (86) und Hildegard (85) Helmberger etwa diskutieren mit Bernack, ob man Glauben – selbst mit prophetischster Rede – überhaupt weitergeben könne oder er vielmehr Geschenk sei. Auch die Professorin – zwei ihrer Söhne arbeiten selbst als Journalistsen – und ihre frühere Studentin lassen die zukunftsweisenden Worte des Abends nachwirken.

Der nächste Termin von „Bibel ganz anders“ findet am Dienstag, 7. Mai, um 18.30 Uhr in der Baumschule Bischweiler, Sachsenstraße 8, in München statt. Unter dem Motto „Süßer als Wein ist deine Zärtlichkeit“ (Hld 1,1) geht es um das Hohe Lied der Liebe, einer Sammlung von Liebeslyrik voll von Bildern aus der Natur – vorgetragen von einem Schauspielerpaar in einem blühenden Garten. Näheres unter www.stiftung-bildungszentrum.de.

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de


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