Medium für Kinder Bibelgeschichten im Papiertheater

28.11.2016

Erzieher und Religionspädagogen entdecken immer häufiger ein neues Medium, das beim Erzählen hilft: das Kamishibai. Und nichts ist für Kinder so wertvoll, als Geschichten gut und eindringlich präsentiert zu bekommen.

Japanisches Papiertheater trifft biblische Geschichten - Norbert Kober beim Kamishibai-Training © Sankt Michaelsbund/Bierl

München – „Eigentlich ist es nur ein Holzkasten“, sagt Norbert Kober. Aber einer, der es in sich hat. Kober ist Leiter der Erzählakademie Goldmund und stellt vor zehn Erzieherinnen, Kindergottesdienstleiterinnen und Mamas das Kamishibai vor. Das ist ein japanisches Papiertheater, in dem sich schnell Bilder in einem Holzrahmen auswechseln lassen. Kober bittet seine Zuhörerinnen, für 20 Minuten wieder zu vier- bis achtjährigen Kindern zu werden. Er schnippt mit den Fingern und dann ist die Verwandlung passiert. Die gestandenen Frauen können gar nicht anders, als die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus einer anderen Perspektive zu erleben.

Es sind gerade einmal sieben Bilder, die Norbert Kober braucht, um die Erzählung aus dem Alten Testament hautnah zu schildern. Er fordert sein Publikum auf, die finsteren Mienen von Josephs Brüdern nachzuahmen oder mit der Hand zu zeigen, wie groß der kleine Benjamin gewesen sein könnte. Er fragt nach Blickbeziehungen auf den Darstellungen, etwa zwischen dem Vater Jakob und seinem Liebling Joseph. Die Bilder sind eine Hilfe, mit denen sich der Erzähler einfacher auf seine Zuhörer einlassen und auf sie wirken kann. Dabei hat er die Zahl und die Abfolge der Bilder selbst in der Hand, im Gegensatz zu Bilderbüchern, wo auch die Kinder ein schnelleres Umblättern erwarten. „Der Schwerpunkt beim Kamishibai liegt darauf, dass man an einer Stelle verharren und mit den Zuhörern überlegt, wie es weitergeht“, sagt Kober, der mit wissenschaftlichen Hintergrund die Kunst des mündlichen Erzählens vermittelt.

Hürden beim Erzählen abbauen

„Es ist ein Einstieg in ein dialogisches Erzählen.“ Gerade Menschen, die Angst hätten vor einer Gruppe zu reden, helfe das Kamishibai sehr. Durch die selbst ausgewählten und angeordneten Bilder würden sie sich mehr zutrauen und einen unbefangenen Augenkontakt mit den Zuhörern aufnehmen können. Da nicken einige der Teilnehmerinnen, die das japanische Papiertheater im Kindergarten schon ausprobiert haben, aber durch den Nachmittag, den die Buchhandlung „Lesetraum“ angeboten hat, noch sicherer werden wollen.

Norbert Kober gibt ihnen zwei Grundegeln auf den Weg. Sagen, was man auf dem Bild sieht und einen Kontext herstellen. Auf dem ersten Bild der Josephsgeschichte sind viele Jungen, zwei davon sind noch klein. Bei ihnen steht ein älterer Mann. Zusammen mit der Gruppe werden die Jungen auf dem Bild gezählt. Es sind zwölf. Und der Erzähler erklärt, dass es zwölf Brüder sind, die beiden kleinsten heißen Joseph und Benjamin, der ältere Mann ist der Vater Jakob. Zwei bis drei Stunden braucht eine Erzieherin, um ihre eigene Kamishibai-Geschichte zu entwickeln, schätzt Kober nach seinen Erfahrungen.

Gute Geschichten sind spirituelles Erlebnis

Das probieren die Frauen an diesem Nachmittag auch gleich aus. In kleinen Gruppen entscheiden sie sich für bestimmte Bilder aus den Geschichten-Mappen, bringen sie in eine Reihenfolge, lassen einige Darstellungen weg, um die Geschichte für sich in den Griff zu bekommen. „Da kommt man in ganz andere Beziehung zueinander, wenn man sich dann die Geschichte erzählt“, sagt eine Teilnehmerin. Andere berichten von der besonderen Konzentration und inneren Beteiligung, die sie beim Zuhören und beim eigenen Erzählen gespürt haben. „Für mich war das auch ein Nachmittag für die Seele“, betont eine Erzieherin.

Tatsächlich kann das Kamishibai mehr als nur eine Erzähltechnik sein, glaubt Norbert Kober. „Die Szenen, die aus dem Bild und aus dem Zusammenwirken von Erzähler und Zuhörern entstehen, können ein spirituelles Ereignis sein“. Denn beide würden sich in einer ganz besonderen Weise öffnen. So hat es Kober zumindest immer wieder erlebt. Und er weist darauf hin, dass insbesondere religiöse Verlage dieses Medium für sich entdeckt hätten und zahlreiche biblische Geschichten anbieten. Es mag also etwas dran sein, am besonders intensiven seelischen Erleben beim Kamishibai. Ganz unabhängig davon sieht Norbert Kober im Kamishibai ein perfektes Mittel, um Kindern Geschichten nahezubringen: „Denn das ist kein kleiner Fernseher, der alles übernimmt, sondern es fordert das eigene Erzählvermögen und die eigene Vorstellungskraft.“ (Alois Bierl)

Der Don Bosco Verlag hat mehrere Kamishibais mit biblischen Geschichten herausgebracht. Sie sind im Onlineshop des Sankt Michaelsbunds erhältlich.


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