Bibel-Auslegung Bibelgespräch in der Buchhandlung Michaelsbund

19.02.2020

Warum wird ein Text wie beispielsweise der Zug durchs Schilfmeer in der Bibel immer wieder neu erzählt? Weihbischof Bernhard Haßlberger sprach darüber in der Buchhandlung Michaelsbund.

Weihbischof Bernhard Haßlberger in der Buchhandlung Michaelsbund © Kiderle © Kiderle

München - „Was sich in den Geschichten der Bibel immer durchzieht: Der Handelnde ist Gott, der sein Volk rettet und in die Freiheit führt!“ Mit diesen Worten eröffnete Weihbischof Bernhard Haßlberger einen Gesprächsabend in der Buchhandlung Michaelsbund, der innerhalb der Veranstaltungsreihe „Bibel ganz anders…“ die Erzählung vom Zug des Volkes Israel durch das Schilfmeer betrachtete (Exodus 14, 10-29). „Erzählen heißt deuten“ lautete das Thema des Abends, zu dem die Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising eingeladen hatte.

Geschichte stammt von zwei Erzählern

Haßlberger, ein promovierter Alttestamentler, stellte den biblischen Text zunächst in den historischen Kontext und betonte, dass man etwa 500 vor Christus alle bisher mündlich überlieferten Texte aus der eigenen Geschichte gesammelt habe. So komme es, dass in Kapitel 14 des Buches Exodus zwei Berichte miteinander verschränkt werden „wie ein Zopf“. Der erste Erzähler habe ganz offensichtlich Ortskenntnis von den Bitterseen zwischen Ägypten und der Wüste Sinai, und berichtet, wie es ungefähr war: „Jemand wie Mose, der die Wege durch diese Sümpfe weiß, der kommt durch – ein Streitwagen aber nicht!“ Die Botschaft laute somit: „Schaut auf eure Geschichte! Habt ihr nicht immer erfahren, dass Gott rettet?“

Genau so gehe es auch uns heute, wenn wir uns nach einem Tiefschlag fragen, wie wir wieder auf die Füße kommen, so Haßlberger. Gerade in Trauerzeiten helfe es uns, zu bedenken: „Was habe ich denn schon mit Gott erfahren?“ Genau so schaue auch Israel am Abgrund immer zurück um festzustellen: Da hat uns Gott gerettet.

Im Unterschied zum Schilfmeer spricht im zweiten Bericht des gleichen Buches ein anderer Erzähler. Dieser benennt Wasser, das „rechts und links von ihnen wie eine Mauer stand“. Wasser sei hier eine elementare Bedrohung, ein alptraumhaftes Symbol der Vernichtung. „Aber wir gehen den Weg durch diese Gefährdung hindurch, weil Gott uns rettet“, so die Botschaft dieser Erzählung.

Haßlberger erinnerte in diesem Zusammenhang an die ständige Bedrohung des Volkes Israel: „Schon in biblischen Zeiten hatte Israel keine Chance auf dieses Land, weil die Gefahr, zwischen mächtigen Reichen zerrieben zu werden, stets präsent war – aber es kommt durch, weil Gott zu seinem Volk steht.“

Gottvertrauen weitergeben

Unter den Zuhörern, die zu diesem biblischen Erzähl-Abend gekommen waren, rührte sich leises Unbehagen, weil in dieser Lesung aus der Osternacht Gott zwar rettet, aber die Ägypter „niedergemacht werden“. Haßlberger erläuterte daraufhin die Perspektive des Erzählenden: „Man kann solch einen Text nicht vom Fernsehsessel aus anschauen. Dieses kleine Volk ringt ums Überleben, und eine gewisse Schadenfreude ist nachvollziehbar.“ Mit Jesus habe man allerdings einen neuen, großen Schritt gemacht, denn er habe sich von der Sichtweise seines Volkes abgenabelt: „Er ist Pazifist, würde man heute sagen.“

Auf die Frage, was mit dem über Generationen weitergegebenen Gottvertrauen geschehen sei in den Gaskammern der Shoa, verwies Haßlberger auf die Klagepsalmen: „Die ringen mit Gott und hadern mit ihm. Die treten in einen offiziellen Rechtsstreit mit ihm – das trauen wir uns gar nicht; aber das wäre eigentlich wichtig. Da spürt man die Kraft des Glaubens!“

Claudia Pfrang, Direktorin der Stiftung Bildungszentrum, verwies abschließend auf die Weg- und Erzählgemeinschaft, die Identität stifte und in schwierigen Zeiten den Einzelnen aufrecht halte. Deshalb, so Haßlberger, komme es darauf an, dass wir eine Sonntagslesung darauf befragen: „Was bedeutet das für mein Leben?“ Und dass wir die gewonnene Erkenntnis einbauen in ein Schatzkästchen, damit wir in „trockenen“ Zeiten davon zehren können. (Annette Krauß)


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