Ausstellung über „Geburt in der Bibel“ Biblische Leihmütter und das Christkind im Gerümpel

22.12.2018

Die Bibelwelt Salzburg zeigt passend zur Weihnachtszeit eine Ausstellung über das Kinderkriegen in der Heiligen Schrift und macht klar, dass der Stall von Bethlehem keine Idylle war.

Weihnachten anders gedacht: Eine Christkind-Figur aus Peru zwischen Wohlstandsmüll.
Weihnachten anders gedacht: Eine Christkind-Figur aus Peru zwischen Wohlstandsmüll. © Bibelwelt Salzburg

Salzburg – Ein dunkler Gang mündet in einen schummerig erleuchteten Raum. Ganz deutlich ist ein dumpfes Pochen zu hören. So nimmt ein noch nicht geborenes Kind den Herzschlag seiner Mutter wahr. Pfarrer Heinrich Wagner hat mit diesem Ausstellungsraum eine Gebärmutter nachahmen lassen. Das hat der Inspirator und Mitgründer der Salzburger Bibelwelt natürlich bewusst getan. Denn das biblische Wort „Rächäm“, Gebärmutter, wird im Hebräischen genauso geschrieben wie der Begriff Erbarmen. Die beiden Ausdrücke sind also nahezu deckungsgleich. „Wir haben hier ein sehr weibliches Gottesbild“, erklärt Pfarrer Wagner, „denn in Gottes Erbarmen kann sich der Gläubige wie in einer Gebärmutter geborgen fühlen“. Solche Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Erforschung der Heiligen Schrift will die Bibelwelt für die Besucher übersetzen und erlebbar machen. Zur Weihnachtszeit und zum 200jährigen Jubiläum des weltberühmten Liedes setzt sie mit der Ausstellung „Stille Nacht? Geburt in der Bibel“ einen besonderen und auch eigenwilligen Akzent.
Entbindung war Lebensgefahr für Mutter und Kind
Acht Stationen sind es, die während der kommenden Monate in die ständige Schau eingebaut sind. „Man kann sich hier wirklich überraschen lassen“, sagt ein Mann, der gerade durch die Bibelwelt schlendert. Besonders berührt hat es ihn, den Herzschlag zu hören und sich vorzustellen „wie das war, als ich einmal im Leib meiner Mutter gewesen bin“. Ein paar Meter weiter macht ein griechischer Buchstabe auf sich aufmerksam: Das Omega-Zeichen war im antiken Mittelmeerraum ein beliebtes Schutzamulett. Der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet sollte ein Unglück bei der Geburt ausschließen. Denn eine Entbindung bedeutete Lebensgefahr für Mutter und Kind. Gleichzeitig verknüpft das Omega-Zeichen das Geheimnis des Lebens mit dem des Todes. Die Ausstellung zeigt dazu das Bild einer historischen Grabanlage bei Jerusalem.

Audio

Zum Nachhören

Beitrag im Münchner Kirchenradio über die Ausstellung in der Salzburger Bibelwelt

Das hebräische Wort für Erbarmen und Gebärmutter im griechischen Omegazeichen.
Das hebräische Wort für Erbarmen und Gebärmutter im griechischen Omegazeichen. © Bibelwelt Salzburg

Omega-Zeichen steht für Anfang und Ende des Lebens
Dort sind Omega-Zeichen in den Stein gemeißelt, in die die Toten vor der endgültigen Bestattung hineingebettet wurden. Die Deutung liegt nahe, dass der Tod mit der Geburt vergleichbar ist, als Eintritt in eine neue Welt. Solche Zusammenhänge erläutert dem Besucher der Ausstellung ein Audioguide. Das Erzählen und Zuhören ist ein wesentlicher Teil des Bibelwelt-Konzepts. Das macht schon das überdimensionale große Ohr deutlich, das vor der Eingangstür einen Blickfang bildet. Pfarrer Wagner hat zur Ausstellung Hörführer für unterschiedliche Gruppen aufwändig produzieren lassen. Es gibt Versionen für Erwachsene, Jugendliche und Kinder „Normalerweise kommt man mit diesem Thema ja nicht so in Berührung“, erzählt ein Besucher, dem die Vielfalt der Ausstellung besonders gefällt: „Das geht vom Hörerlebnis bis hin zum historischen Aspekt, was Schwangerschaft und Geburt in biblischer Zeit bedeutet haben.“ So war eine Entbindung im Alten Orient räumlich vom sonstigen häuslichen Bereich getrennt, die Frauen kamen in einem Zelt, einer Laube auf dem Dach oder im Garten nieder und die Männer blieben in der Regel außen vor. Die antike Medizin kannte auch eigene Gebärstühle. In der Ausstellung ist ein nachgebautes Modell zu sehen.
Kinder sind Leben
Wichtig waren natürlich erfahrene Hebammen. Das Buch Exodus nennt sogar zwei mit Namen: Pua und Schifra. Mit Hilfe einer listigen Ausrede umgehen sie den Befehl des Pharaos, die neugeborenen Knaben der Hebräerinnen unmittelbar nach der Entbindung umzubringen. Kinder waren für die Israeliten das kostbarste Gut einer Familie. „Frauen, die keine Kinder bekamen, hatten im Alter keine Versorgung, wurden zu Bettlerinnen und waren geächtet“, erklärt Pfarrer Wagner. Schließlich war der Bestand der Familienlinie gefährdet, wenn sie keine Nachkommen zur Welt brachten. In einer eigenen Station zeigt die Sonderausstellung der Bibelwelt, zu welchen Mitteln verzweifelte Frauen griffen, wenn sie unfruchtbar waren, wie Abrahams Frau Sara. Höchstpersönlich führt sie ihrem Mann die Sklavin Hagar zu. „Das ist ja wie Leihmutterschaft heute“, sagt eine Besucherin, die gerade vor der Texttafel steht. Hagar bekommt einen Sohn, Ismael. Sara wird aber eifersüchtig und als sie selbst doch noch ein Kind bekommt, erreicht sie, dass Hagar und Ismael wortwörtlich in die Wüste geschickt werden, wo ihnen der sichere Tod droht, den nur das Eingreifen Gottes verhindert.„Biologisch geht alles, aber psychologisch funktioniert es nicht, wie man an diesem biblischen Beispiel sieht“, sagt Pfarrer Wagner. Es ist Jahrtausende alt und trotzdem hochaktuell, weil es Leihmutterschaft auch heute gibt, wenn auch mit anderen medizinischen Mitteln. Solche aktuellen Bezüge zur Gegenwart will die Bibelwelt den Besuchern nahebringen, Fragen aufwerfen und nachdenklich machen.

Der Knabe im lockigen Haar. Eine Inszenierung in der Salzburger Bibelwelt.
Der Knabe im lockigen Haar. Eine Inszenierung in der Salzburger Bibelwelt. © Bibelwelt

Eine Autofelge als Krippe
Das gilt natürlich auch für die berühmteste Geburt, von der die Heilige Schrift erzählt, im „Stall“ von Bethlehem. Pfarrer Wagner führt in einen abgedunkelten, höhlenartigen Raum. Im einer Ecke fällt sogleich, hell erleuchtet, eine Krippe ins Auge. Der „holde Knabe im lockigen Haar“, wie es in „Stille Nacht“ heißt, liegt dort auf einer bestickten Altardecke, umgeben von Gipsengeln und Kerzen, über ihm hängen Christbaumkugeln und Glocken. Er ist blond und hellhäutig. „So kann Jesus als Kind aus dem Mittelmeerraum eigentlich nicht ausgesehen haben“, sagt Pfarrer Wagner und führt in die entgegen gesetzte Ecke der nachempfundenen Bethlehemer Geburtsgrotte. Finster ist es dort und jede Menge Gerümpel aufgetürmt: ein alter Plastikstuhl, eine Holzpalette, ein Betonrohr. Zwischen die Speichen eines Fahrrads hindurch ist ein ganz anderes Jesuskind zu sehen. Es kommt aus Peru und liegt auf einer Autofelge, wie in einem Elendsviertel. Das inszenierte Bild macht deutlich, warum hinter dem Ausstellungstitel „Stille Nacht“ ein großes Fragezeichen steht. Die Idylle soll zurechtgerückt oder zumindest ergänzt werden. Das steht im Zentrum dieser ungewöhnlichen Ausstellung, die keine spektakulären Kunstschätze bietet, aber deutlich macht, dass Gott den Menschen leibhaftig mit Haut und Haar nahe sein will und Erbarmen mit ihnen hat.

Die Ausstellung „Stille Nacht? Geburt in der Bibel“ ist außer dienstags und mittwochs täglich bis 18.00 Uhr geöffnet. Zu sehen ist sie in der Elisabethkirche. Dort ist die Bibelwelt Salzburg untergebracht, die ungefähr zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt liegt. Weitere Informationen hier.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Advent Weihnachten

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