Berufsintegrationsklasse der Armen Schulschwestern Bildung als bewährtes Mittel

11.11.2016

Die Berufsintegrationsklasse der Armen Schulschwestern bietet geflüchteten Frauen die Möglichkeit, in nur zwei Jahren einen Schulabschluss zu erwerben. Auch Religion ist Teil des Lehrplans.

Neben Mathematik und Deutsch wird bei den Armen Schulschwestern auch viel praktisch gelehrt und gelernt. © privat

München – Das Wort „Lampenfieber“ kennen sie noch nicht. Trotzdem finden die Schülerinnen der Berufsintegrationsklasse einen Weg, ihre Gefühle vor der Präsentation des Projekts auszudrücken: „Mein Herz tut weh!“ 19 junge Frauen erzählen Freunden, Spendern und Interessierten in ihrem Unterrichtsraum im Münchner Stadtteil Au von sich und ihrer Klasse. Sie zeigen die Flaggen ihrer Heimatländer Afghanistan, Iran, Eritrea, Nigeria, Irak, Syrien und Palästina und halten stolz Turnbeutel und Handtaschen hoch, die sie in der Schule genäht haben. Die Aufregung war grundlos – obwohl sie noch nicht lange Deutsch lernen, beherrschen sie die Grundlagen schon gut.

Verschiedenheit ist Reichtum

Schulleiterin Schwester Gisela Hörmann beschreibt, wie es zu dem Modellversuch kam. Mit Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen hätten die Schwestern ein zunehmendes Unbehagen gespürt. „Ein paar Spenden genügen da nicht, diese Situation muss angepackt werden“, diagnostiziert die Ordensfrau. „Wir haben uns gefragt: Was würde unsere Gründerin tun?“ Die Antwort lautete: Bildung. Die Gründerin der Armen Schulschwestern, die selige Maria Theresia von Jesu Gerhardinger, setzte sich besonders für die Förderung von Frauen und Mädchen ein. Entstanden ist daher eine Berufsintegrationsklasse für geflüchtete Frauen, die in zwei Jahren den Erwerb eines Abschlusses an der Mittelschule ermöglicht und auf die Berufsfachschule vorbereiten soll. Die beiden beruflichen Schulen der Armen Schulschwestern, die Fachakademie für Sozialpädagogik und die Berufsfachschule für Ernährung und Versorgung, arbeiten für das Projekt zusammen. Neben Deutsch, Mathematik und Landeskunde stehen praktische Fächer wie handwerkliches Gestalten oder auch Kochen auf dem Programm. Auch Religion ist Teil des Lehrplans. Wenngleich die Schülerinnen ganz unterschiedlichen Religionen angehören, stellt das für Schwester Gisela kein Problem dar. Christliche Traditionen würden genauso thematisiert wie etwa das islamische Opferfest. „Verschiedenheit kann ein Reichtum sein“, ist die engagierte Ordensfrau überzeugt. Das sollen die jungen Frauen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch erfahren.

„Jedes ist das beste“

Fayza gehört zu den muslimischen Schülerinnen. Ein Kopftuch umspielt locker das hübsche Gesicht der 17-jährigen Afghanin. Auf die Frage, welches Fach ihr am besten gefalle, sagt sie: „Jedes ist das beste.“ Da ihr Vater Lehrer ist, wurde sie zu Hause unterrichtet. Ihre afghanischen Klassenkameradinnen Sima und Zahra sind dagegen mehrere Jahre zur Schule gegangen. Diesen unterschiedlichen Voraussetzungen gerecht zu werden, ist eine Herausforderung – wie die Sprachbarriere. Hat etwa eine Schülerin, deren afghanische oder pakistanische Muttersprache Paschtu ist, im Unterricht die Bedeutung eines deutschen Wortes verstanden, heißt das noch nicht, dass sie diese Erkenntnis ihren Klassenkameradinnen erklären kann, die das persische Dari sprechen. Schwester Gabriele berichtet lachend von den Anfängen im Nähunterricht: „Wir haben einfach genäht, ohne großen Hintergrund. Und es ging! Alle Nähmaschinen funktionieren noch.“ Am schwierigsten finden die Schülerinnen Mathe und Deutsch, wobei Sima und Zahra richtigstellen: „Wir können Mathe – aber nicht auf Deutsch.“

Seit Unterrichtsbeginn am ersten September profitieren auch die Schulschwestern selbst von den neuen Schülerinnen. „Die tun uns allen so gut!“, fasst Schwester Gisela zusammen. Jeden Tag lerne sie etwas Neues. Vor allem: langsam zu sprechen. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass die jungen Frauen in Deutschland bleiben dürfen und das Programm trotz ihrer oft traumatischen Fluchterfahrung durchhalten. Dabei sollen sie spüren, dass sie willkommen sind: „Ich kann nicht verhindern, dass es Fremdenfeindlichkeit in Deutschland gibt. Aber ich kann verhindern, dass es das Einzige ist, was die Mädchen erfahren.“ (Theresia Lipp)


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