Zum Schulstart Bildung ist ein lebenslanges Abenteuer

11.09.2018

Das neue Schuljahr beginnt. Im Erzbistum München und Freising gibt es 23 Schulen in kirchlicher Trägerschaft. Doch warum engagiert sich die Kirche eigentlich so intensiv im Bildungsbereich?

Das neue Schuljahr ist gestartet: Im Erzbistum München und Freising gibt es 23 Schulen in kirchlicher Trägerschaft.
Das neue Schuljahr ist gestartet: Im Erzbistum München und Freising gibt es 23 Schulen in kirchlicher Trägerschaft. © Kzenon - stock.adobe.com

München – Die Sommerferien sind zu Ende und ein neues Schuljahr, ein neues Kita-Jahr beginnt – und das prägt auch unseren kirchlichen Arbeitsrhythmus in ganz auffälliger Weise, weil sich Kirche intensiv im Bildungsbereich engagiert. Warum eigentlich? Muss das wirklich sein, dass die Kirche eigene Schulen betreibt, die Trägerschaft sehr vieler Kitas übernommen hat, sich mit eigenem Personal im schulischen Religionsunterricht engagiert und eine breite Angebotspalette in der außerschulischen Bildung anbietet? – Ja, das muss so sein! Das Christentum ist zutiefst eine Bildungsreligion, weshalb Bildung zu den Kernaufgaben der Kirche gehört. Dabei geht es um Wissen, Erkenntnis – das Zueinander von Glaube und Vernunft, das Ringen darum prägen das Christentum in einmaliger Weise. Dabei geht es aber auch darum, immer mehr so zu werden, wie Gott uns geschaffen hat, jeden Einzelnen als sein Bild und in einmaliger Weise – ein Abenteuer, das uns das ganze Leben begleitet und nie endet.

Christliches Profil

Es kommt also nicht von ungefähr, dass die Kirche in unserem Land auf eine reiche Schul- und Bildungstradition zurückblicken kann, angefangen von den Klosterschulen im Mittelalter über die weit gespannten Bildungsnetze, die von den großen Schulorden im Zeitalter von Reformation und Gegenreformation geschaffen wurden, bis hin zu weiteren Neuaufbrüchen nach der Säkularisation. Die große Bedeutung gerade der katholischen Frauenorden für die Ermöglichung von Bildung für Mädchen und junge Frauen kann dabei gar nicht deutlich genug betont werden – ohne die katholischen Frauenorden hätten Mädchen über viele Jahrhunderte keine oder nur sehr geringe Bildungsmöglichkeiten gehabt.

Katholische Schulen (allgemeinbildend)

In Trägerschaft der Erzdiözese: 23 Schulen (1 Grundschule, 14 Realschulen, 5 Gymnasien, 3 Fachoberschulen) mit knapp 12.000 Schülerinnen und Schülern
In Ordensträgerschaft: 4 (1 Grundschule, 3 Gymnasien)
In Trägerschaft einer Stiftung: 3 (1 FOS, 1 Kolleg, 1 Gymnasium)
In den zurückliegenden Jahren wurden die drei Fachoberschulen (FOS) neu gegründet:
Erzbischöfliche Franz-von-Assisi-FOS in Freilassing (FOS und FOS 13)
Erzbischöfliche St. Irmengard-FOS in Garmisch-Partenkirchen (FOS)
Erzbischöfliche Vinzenz von Paul-FOS in Markt Indersdorf
Geplant ist die Gründung von zwei weiteren Grundschulen:
Erzbischöfliche Franziskus-Grundschule in Haidhausen (Kirchenliches Zentrum) – Schulbeginn September 2019
Erzbischöfliche Ursulinen-Grundschule in Landshut (Schulbeginn September 2020 oder 2021)

Und heute? Wo es den Orden nicht mehr möglich war, ihre Schulen selbst weiter zu betreiben, hat die Erzdiözese in den zurückliegenden etwa 30 Jahren diese Schulträgerschaften übernommen. Damit wurden diese wichtigen kirchlichen Bildungsorte erhalten, die Erzdiözese hat aber mehr als nur Gebäude und Institution der Schulen übernommen, nämlich ein großes Erbe, eine große Verantwortung und den Auftrag, das kirchliche Schulwesen gut in die Zukunft zu führen. Aber wie?

Zu einem großen Teil ist auch eine katholische Schule zuallererst eine Schule: Es gibt die gleichen Fächer wie an der vergleichbaren staatlichen Schule, Lehrplan, Schulbücher, Abschlussprüfungen sind die gleichen. Das Bildungsverständnis jedoch muss sich unterscheiden, es muss erkennbar ein christliches sein! Durch das christliche Profil, die katholische Prägung unserer Schulen unterscheiden wir uns positiv von anderen Schulen.

Ordinariatsdirektorin Dr. Sandra Krump
Ordinariatsdirektorin Dr. Sandra Krump © privat

Das Beziehungsdreieck

In drei Eckpunkten kann man dieses pädagogische Konzept beschreiben: Persönlichkeitsentfaltung, Erziehung zum sozialen Engagement, zum Leben in Gemeinschaft und religiöse Erziehung. Diese Eckpunkte sind nicht willkürlich gewählt, sondern bilden ein Beziehungsdreieck, das die grundlegenden Beziehungen nach dem christlichen Gottes- und Menschenbild darstellt: Persönlichkeitsentfaltung: „Ich“, der einzelne Mensch, von Gott als sein Ebenbild geschaffen, mit Talenten und Begabungen ausgestattet, auch mit Schwächen, einmalig und von Gott gewollt. Diesem Menschen, unseren Schülerinnen und Schülern, wollen wir ermöglichen, die in ihnen angelegten Talente und Begabungen zu entfalten, zu dem zu werden, was in ihnen angelegt ist. Dies muss jedoch klar von der Tendenz zur Selbstoptimierung unterschieden werden, die häufig in Zwängen endet. Uns geht es um Freiheit und Entfaltung.

Katholischer Religionsunterricht in der Erzdiözese

Findet statt an über 1.200 öffentlichen und privaten Grund-, Mittel-, Förder-, Realschulen, Gymnasien und beruflichen Schulen. Mehr als 3.400 Lehrkräfte unterrichten Katholische Religionslehre, davon 530 Religionslehrkräfte im Kirchendienst und 170 Mitarbeiterinnen im pastoralen Dienst; die kirchlichen Lehrkräfte sind vor allem an Grund-, Mittel- und Förderschulen eingesetzt.

Zum „Ich“ tritt das „Du“ hinzu. Der zweite, ebenso notwendige Eckpunkt der Erziehung zum Engagement für die Gemeinschaft sorgt für die Balance zwischen der Orientierung am Wohl des Einzelnen und dem Gemeinwohl. Der „Nächste“ ist eine zentrale Denkkategorie für das christliche Menschenbild, für alles christlich motivierte Handeln. Persönlichkeitsentfaltung und Erziehung zum sozialen Engagement, die Orientierung am „Ich“ und am „Du“ sind zwei Eckpunkte, die sich die Waage halten, die den tragfähigen Grund unseres pädagogischen Handelns bilden.

Tritt als dritter Eckpunkt die religiöse Erziehung, die Erziehung zu einem christlich geprägten Leben, die Offenheit für die Gottesfrage dazu, dann schließt sich das Dreieck: Zur Basis aus „Ich“ und „Du“ tritt „Gott“ als Spitze des Dreiecks hinzu. Auch das ist eine fundamentale Konstante des christlichen Menschen- und Gottesbildes: dass der Mensch fähig ist, sich nach Gott auszurichten, auf Gott zu suchen, Gottes Anruf zu antworten – und dass unsere Pädagogik dazu beitragen soll, unseren Schülerinnen und Schülern das zu ermöglichen.

Große Vielfalt – eine Grundlage

Mit diesen drei Eckpunkten, Persönlichkeitsentfaltung, Erziehung zum sozialen Engagement und zum Leben in Gemeinschaft, religiöse Erziehung hat man in wenigen Worten ein Erziehungskonzept umrissen, das die Umsetzung einer zentralen Weisung der Bibel darstellt: „Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit allen Deinen Kräften, und Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ (vgl. Mt 22,37–39)

Jede einzelne unserer Schulen kann viele konkrete Beispiele, Projekte, Maßnahmen und Konzepte vorweisen, die zeigen, wie diese drei Eckpunkte im Schulalltag realisiert werden, wie sie gelebt werden – je nach Tradition und den Möglichkeiten des Schulstandorts verschieden, geprägt durch die Persönlichkeiten der Lehrkräfte, durch die unterschiedlichen Ideen – es gibt eine große Vielfalt an den Schulen, die Grundlage dafür aber ist die gleiche.

Katholische Kitas in der Erzdiözese

Krippen, Kindergärten und Horte: 36 in diözesaner und knapp 400 in pfarrlicher Trägerschaft. Weitere Trägerschaften durch Caritas, Orden, katholische Vereine. Circa 47.000 betreute Kinder in allen katholischen Einrichtungen zusammen.

Das Bild von Gott und Mensch, der darauf bezogene kirchliche Bildungsansatz durchziehen in Abwandlungen unser gesamtes kirchliches Bildungswesen. Über die Tätigkeit in den eigenen, kirchlichen Bildungseinrichtungen hinaus stellt der katholische Religionsunterricht an kirchlichen, privaten und staatlichen Schulen eine weitere zentrale Säule der Erfüllung unseres Bildungsauftrags dar. Noch selten in der Geschichte war die Notwendigkeit einer fundierten religiösen Bildung so hoch, wie in unserer Zeit. Der Religionsunterricht leistet hier einen außerordentlichen Beitrag, denn in der religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft kommt man nur zurecht, wenn man eine reflektierte eigene Identität in Religions- und Weltanschauungsfragen ausgebildet hat – ohne die Dialog und Toleranz nicht möglich ist. „Identität“ ist zu einem großen Schlagwort unserer Zeit geworden. Man gewinnt sie aber nicht durch schnell getroffene Entscheidungen, sondern echte Identität bildet sich über viele Jahre, wächst und reift, braucht die intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung mit den großen Fragen und den Antworten der Religion darauf: Was ist der Mensch? Warum bin ich auf der Welt? Gibt es Gott? Warum gibt es Leid auf der Welt? Was kommt nach dem Tod? Was ist der Weg zum wahren Glück?

Katholische Erwachsenenbildung

Katholische Bildungswerke sind in allen Landkreisen auf dem Gebiet der Erzdiözese vertreten. Die Stiftung Bildungszentrum in Freising ist mit ihrem Angebot diözesanweit tätig. Pro Jahr gibt es über 23.000 Bildungsveranstaltungen mit fast einer halben Million Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei den Mitgliedseinrichtungen der KEB in der Erzdiözese München und Freising.

Bildung im christlichen Verständnis endet nicht mit der Schulzeit, so wichtig und prägend diese Zeit auch im Leben eines Menschen ist. Es gibt ein „Davor“ – die Jahre der frühen Kindheit in der Familie und in der Kita – und es gibt ein „Danach“ – die Jahre der Ausbildung und des Studiums, der Familiengründung, der Berufstätigkeit bis hin zur nachberuflichen Phase. In allen Lebensphasen stellt sich jedem von uns immer neu die Aufgabe der Bildung im christlichen Sinn. „Sich zu bilden“ ist Gabe und Aufgabe, die tief im christlichen Verständnis von Gott und Mensch verwurzelt ist, ein lebenslanges Abenteuer, das wir mit kirchlichen Bildungsangeboten begleiten. (Dr. Sandra Krump, Ordinariatsdirektorin und leitet das Ressort Bildung im Erzbischöflichen Ordinariat München.)


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