Verschwörungstheorien und Coronakrise Bischofsappell unter weltkirchlicher Perspektive lesen

11.05.2020

Hohe katholische Würdenträger warnen davor, dass politisch interessierte Kreis die Coronakrise nutzen, um eigene Interessen durchzusetzen. Etliche Formulierungen sind verfehlt, aber nicht das Anliegen.

Manche sehen Schutzmasken als Teil einer politischen Coronaverschwörung. Der Appell katholischer Würdenträger greift tiefer und formuliert ernsthafte Sorgen.
Manche sehen Schutzmasken als Teil einer politischen Coronaverschwörung. Der Appell katholischer Würdenträger greift tiefer und formuliert ernsthafte Sorgen. © Imago

Die Empörung ist groß: katholische Bischöfe und Kardinäle haben einen kritischen Appell zur Corona-Krise veröffentlicht. Der Vorwurf lautet: Damit würden sich Kirchenvertreter an Verschwörungstheorien beteiligen, die bei Populisten und Radikalen gerade Konjunktur haben. Zu den Unterzeichnern gehört auch der Lieblingsgegner vieler deutscher Katholiken, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der immer für steile Thesen und Provokationen gut ist.

Wer den Aufruf aus deutscher Perspektive liest, stößt sich verständlicherweise an einigen martialischen Formulierungen. Etwa der von einer Weltregierung, die die Coronapandemie benutzt, um sich jeder Kontrolle zu entziehen und Vorteile daraus zu schlagen. Das klingt tatsächlich nach den wütenden Wirrköpfen, die sich am vergangenen Wochenende versammelt haben, um gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland zu protestieren.

Weltkirchliche Perspektive

Wer den Aufruf der Bischöfe und Kardinäle jedoch genauer liest und ihn vor allem in eine weltkirchliche Perspektive rückt, wird sich von der empörten Kritik daran etwas absetzen. Erinnert sich noch jemand an die Befürchtungen, dass in China eine vollständige Überwachungsgesellschaft droht und dort die Religionsfreiheit massiv eingeschränkt wird? Zu den Unterzeichnern des Appells gehört auch Kardinal Joseph Zen Ze-kiun aus Hongkong, der aus nächster Nähe erlebt, wie dort vertraglich festgelegte Grundrechte mit Füßen getreten werden. In China ist die friedlich ausgeübte Religionsfreiheit oft genug brutalen und willkürlichen Behördenmaßnahmen ausgeliefert. Die Katholiken treffen diese Maßnahmen noch nicht einmal am härtesten. Muslimische Minderheiten hält die chinesische Regierung etwa in regelrechten Ghettos gefangen. Die Coronakrise kann für solche staatliche Willkür in Zukunft eine prächtige Scheinrechtfertigung liefern: Um das Virus zu bekämpfen ist jede Maßnahme legitim, um die Bevölkerung auf Schritt und Tritt zu kontrollieren. Der Blick muss aber nicht einmal bis in den Fernen Osten schweifen: In Ungarn nutzt die Regierung die Pandemie, um die Rechtsstaatlichkeit noch massiver einzuschränken. Der Aufruf der Bischöfe nennt dergleichen völlig zu Recht „illiberale Maßnahmen“.

Bedenkenswerte Sorgen

Ob die Schließung von Geschäften deshalb durchgesetzt wurde, „um eine Einmischung von fremden Mächten zu begünstigen“, steht auf einem anderen Blatt und klingt tatsächlich krude. Wenn die Bischöfe aber fürchten, dass autoritäre Regime die Coronakrise dazu nutzen, um Grundrechte noch stärker einzuschränken, das ist zumindest bedenkenswert. Ebenso wenn die katholischen Würdenträger dazu mahnen, dass auch bei der Suche nach Impfstoffen ethische Grenzen gelten. Etwa, wenn dazu abgetriebene Föten verwendet werden. Ist es verkehrt, darauf aufmerksam zu machen? Leider schaden die Initiatoren des Appells ihrem eigenen Anliegen, wenn sie dunkel davon raunen, dass hier vermutlich noch schlimmere Regime entstehen "als jene, die unsere Gesellschaft in der jüngeren Vergangenheit entstehen und vergehen sah".

Politische und kirchliche Demokratieforderungen

Der Appell der katholischen Würdenträger fordert aber zu Recht "eine demokratische und ehrliche Debatte" über mögliche politische und rechtsstaatliche Dauerkonsequenzen und -schäden der Coronakrise. Eine solche Debatte sei das beste Gegenmittel gegen die Gefahr "subtiler Formen der Diktatur", schreiben sie. Dem kann ich nur zustimmen. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass einige Initiatoren und Unterzeichner dieses Appells ihre Debattenforderungen auch innerkirchlich ernstnehmen. Und zum Beispiel einen Reformdialog wie den Synodalen Weg in Deutschland nicht von vornherein denunzieren und mit der nationalsozialistischen Machtergreifung vergleichen, wie das Kardinal Müller getan hat. 

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Kommentar im Münchner Kirchenradio zum Nachhören

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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