Kinderschutz und Schutzauftrag in Kitas Blaue Flecke und nichts zu Essen…

11.01.2017

Kinder haben in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Doch in der Bundesrepublik stirbt jeden dritten Tag ein Kind an den Folgen von Misshandlung oder Vernachlässigung.

Kinderschutz - ein wichtiges Anliegen - auch oder gerade in den Kitas © Yvonne Bogdanski, fotolia.com

München – Blaue Flecke oder Ausschlag am ganzen Körper – die Fälle der Kindeswohlgefährdung steigen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt an. Im Jahr 2015 war ein Plus von 4,2% gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Dies zeige, so die Einschätzung, jedoch nicht unbedingt einen tatsächlichen Anstieg der Gewalt, sondern eine Sensibilisierung für das Thema in der Gesellschaft, die postitiv sei. Während der Großteil der Gefährdungen von Polizei, Gericht oder Staatsanwaltschaft an die Jugendämter gemeldet werden, nehmen auch Schulen und Kindertageseinrichtungen hier eine wichtige Rolle ein. Immerhin 12,4 % der Meldungen der Kindeswohlgefährdungen kamen 2015 über solche Einrichtungen. Wenn Erzieher und Kinderpfleger eine Gefährdung des Kindeswohls vermuten, müssen sie handeln. Das schreibt das Gesetz seit 2005 im § 8a SGB VIII Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung vor. In Bayern ist dieser auch in BayKiBiK, dem Bayerisches Gesetz zur Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Kindergärten, anderen Kindertageseinrichtungen und in Tagespflege, integriert und alle Kitas haben Schutzvereinbarungen.

Gutes Bewusstsein für das Thema

Vera Reuter-Bronner gibt beim Caritas Institut für Bildung Schulungen zum Thema „Schutzauftrag“. Sie stellt fest, dass es mittlerweile unter Fachkräften ein gesundes Bewusstsein für das Thema gibt. Pädagogen, die in ihren Kursen sagen, so etwas käme in ihrer Einrichtung nicht vor, seien selten geworden. In den Fortbildungen geht es um die Grundlagen der Kindeswohlgefährdung, die Gefährdungseinschätzung und das Vorgehen. Im Fall von körperlicher Gewalt, deren Folgen man direkt sehe, sei die Einschätzung für Pädagogen meist recht eindeutig, bei Vernachlässigung, sei es oft schwieriger, so Reuter-Bronner. Dabei nimmt genau diese stark zu, Laut Angaben des Statistischen Bundesamts, lag in 63,7 % der Fälle von Kindeswohlgefährdung eine Vernachlässigung vor.Besonders betroffen sind davon Kleinkinder unter 3 Jahren. Für Fach- und Hilfekräfte in den Kitas eine oft schwierige Situation. Ist das Kind mit einer schweren Windeldermatitis, das oft mit dreckiger Kleidung in die Krippe kommt, ein Opfer von Vernachlässigung oder nicht. Die Einordnung ist hier sicher schwierig und nicht immer eindeutig zu treffen, so Vera Reuter-Bronnern. . Eine wichtige Rolle spiele dabei die "insoweit erfahrene Fachkraft", die von einer Kita hinzugezogen werden muss. Die insoweit erfahrene Fachkraft ist in Deutschland die Bezeichnung für die beratende Person im Jugendhilfegefüge zur Einschätzung des Gefährdungsrisikos im Kontext einer vermuteten Kindeswohlgefährdung. Diese muss laut § 8a durch Träger der Jugendhilfe bei der Gefährdungseinschätzung für ein Kind immer beratend hinzugezogen werden. Sie unterstützt das Team, unterstützt und überprüft dessen Einschätzung. Bestätigt sie die Kindeswohlgefährdung, ist der nächste Schritt eine Einladung der Eltern. In einem offenen, nicht vorwurfsvollen Gespräch mit ihnen, würden Hilfsmaßnahmen besprochen und es werde geklärt, ob eine Einschaltung des Jugendsamts notwendig und sinnvoll sei, so Reuter-Bronner. Ihrer Erfahrung nach sei es jedoch oft möglich in enger Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Stellen Hilfe für die Kinder zu finden, ohne dass eine Anzeige beim Jugendamt notwendig werde.

Schutzkonzepte in den Kitas

Während das Thema Kindeswohlgefährdung mittlerweile in den Kitas gut verankert sei, sieht die Fachfrau dringenden Handlungsbedarf, was die Schutzkonzepte innerhalb der Kita angeht. Konkret also die Gefährdung des Kindeswohls durch das pädagogische Fachpersonal. Hier mache sie die Erfahrung, dass Sportvereine, Musikschulen oder Pfarrjugenden mittlerweile vielen Kitas voraus seien, was beispielsweise das Einfordern von Führungszeugnissen von Mitarbeitern und genaue Regeln zum Umgang mit den Kindern angehe. So hat sich im Oktober vergangenen Jahres eine Erzieherin aus dem südlichen Landkreis Augsburg wegen rabiater Erziehungsmethoden vor Gericht verantworten müssen. Die 26-Jährige stand vor dem Amtsgericht Augsburg, sie hat laut Anklage mehrere Krippenkinder gewaltsam zum gemeinsamen Essen gezwungen. Fälle wie dieser zeigen, dass ein Schutzkonzept wichtig sei, erklärt Reuter-Bronner.

In jeder Kindertageseinrichtung solle es auch genaue Regeln und Rahmenbedingungen zu Themen wie Wickeln, Morgenkreis und eben Essenssituation in den verschiedenen Gruppen geben. Werden solche Situationen innerhalb einer Einrichtung unterschiedliche gehandhabt, sei das nicht nur für die Kinder bei einem Gruppenwechsel schwierig, sondern auch für das Team, damit ein Schutzkonzept umgesetzt werden kann. Das habe nichts mit Vereinheitlichung und starren Regeln zu tun, sagt Vera Reuter-Bronner. Ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang sei auch die Förderung des Selbstbewusstseins und der Resilienz des Kindes – Kinder stark zu machen sei ein entscheidender Baustein zur Gewaltprävention.

Es lohne sich, diese Punkte als Einrichtung regelmäßig wieder genau in den Blickpunkt zu nehmen und zu überprüfen, ob alle diese Punkte umsetzen. Das habe nicht mit Misstrauen gegenüber von Kollegen oder auch Eltern zu tun, sondern sei entscheidend, um zum Wohle der Kinder zu arbeiten, sagt die Fachfrau. (Stefanie Schmid)

Kitaradio ist die Infosendung für Eltern und Erzieher im Münchner Kirchenradio! Dort werden katholische Standpunkte zu unterschiedlichen Themenbereichen von Erziehung und Bildung aufgegriffen und über Fragen religiöser Werteerziehung gesprochen. Das Kita-Radio hören Sie immer Dienstag, Donnerstag und Samstag 15-16 Uhr und am Dienstag, Mittwoch und Freitag auch zwischen 6 -7 Uhr im Münchner Kirchenradio. Auch hier können Sie die Sendung nachhören.


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