50 Jahre Rätearbeit Blick über den Tellerrand

06.04.2019

Zum 50-jährigen Bestehen der katholischen Räte erzählen Ehrenamtliche von ihrem Engagement. Anita Thiel vom Ebersberger Dekanatsrat ruft die Laiengremien dazu auf, auch im Auge zu behalten, was in der politischen Gemeinde gerade Thema ist und was die Menschen bewegt.

Anita Thiel ist stellvertretende Vorsitzende des Dekanatsrats Ebersberg.
Anita Thiel ist stellvertretende Vorsitzende des Dekanatsrats Ebersberg. © privat

Welche Funktion haben Sie in der Rätestruktur?

Anita Thiel: Ich bin seit 2010 im Pfarrgemeinderat (PGR), seit 2014 auch als Vorsitzende und somit bin ich auch Mitglied im Pfarrverbandsrat und Gast bei der Kirchenverwaltung (KV). Mit der Zeit habe ich ausgehend von dem, was man als eher durchschnittlich engagierte Ehrenamtliche (Kommunionvorbereitung und ähnliches) an der Oberfläche mitbekommt, einen immer tiefergehenden Einblick ins Pfarreileben sowie dessen Strukturen und Organisation bekommen.

Welche Entwicklung stellen Sie fest?

Thiel: Mir kommt es so vor, als würden sich immer mehr Aufgaben auf Laien verlagern. Kein Wunder, wenn die Hauptamtlichen immer weniger werden, gleichzeitig aber die Verwaltungsaufgaben zunehmen. Einen sinnvollen Schritt, hier entgegenzuwirken, sehe ich in der Möglichkeit, Verwaltungsleitungen für größere Pfarreinheiten einzustellen und somit die Seelsorger zu entlasten. Wenn diese dann wieder mehr Zeit und Energie für Liturgie und Seelsorge haben, kommt das auch den PGRs und KVs zugute. Erstere können sich gemeinsam mit dem Pfarrer wieder auf die Stärkung der spirituellen und liturgischen Angebote und das Gemeindeleben konzentrieren. Letztere haben eine kompetente Verwaltungsfachkraft an ihrer Seite.

Was verbinden Sie mit der nachkonziliaren Zeit?

Thiel: Ich kenne die vorkonziliare Zeit hauptsächlich aus Erzählungen meiner Großmutter. Im Vergleich dazu haben wir als Christen heute viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten, Glauben individueller zu erfahren und zu leben.

Wie hat sich das Selbstbewusstsein der Räte verändert?

Thiel: PGR und KV treten heute stärker in Erscheinung, betreiben zum Beispiel Öffentlichkeitsarbeit. Gerade die hohen Wahlbeteiligungen bei PGR- und KV-Wahlen, die in allgemeiner Briefwahl durchgeführt werden, zeigen auch, dass das Interesse der Katholiken an den Räten vorhanden ist. Und zwar auch außerhalb der regelmäßigen Kirchgängerschaft.

Welche Themen sollten aktuell durch die Räte bearbeitet werden?

Thiel: Das kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem, was vor Ort gerade notwendig und aktuell ist. Wichtig ist für mich auch der Blick über den Tellerrand hinaus auf das, was in der politischen oder evangelischen Gemeinde gerade los ist und die Menschen bewegt.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Thiel: Bei uns vor Ort steht die langersehnte Kirchenrenovierung an. Darauf wird sich in nächster Zeit ein Großteil der Ressourcen konzentrieren.

Sind Sie froh, jetzt Engagierte zu sein und nicht vor 50 Jahren?

Thiel: Die Zeit des Konzils und kurz danach war sicher eine besonders spannende, weil sich vieles im Umbruch befand. Ich bin froh, dass ich heute auf die Errungenschaften dieser Zeit einfach zugreifen kann und bin dankbar, vieles, was heute an demokratischen Prozessen und Mitsprache möglich ist, nicht mehr erarbeiten zu müssen. Aber auch in Zukunft wird es – gerade für uns Frauen – noch vieles geben, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

In dieser Serie berichten anlässlich des 50-jährigen Bestehens der katholischen Rätearbeit jede Woche Ehrenamtliche über ihr Engagement.


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