Serie: Auf eine Fastensuppe mit ... Bloß keine Total-Askese

29.03.2019

Warum er nicht der Mann mit dem Totenkopf unterm Arm ist und was für ihn Verzicht bedeutet, hat Christoph Kürzeder, Direktor des Diözesanmuseums, bei einer Fastensuppe verraten - zu der es beinahe nicht gekommen wäre.

Der Improvisationskunst von Christoph Kürzeder war die delikate Fastensuppe zu verdanken, zu der er sich mit MK-Redakteurin Karin Basso-Ricci traf. © Kiderle

München – Heute steht in der Weinbar Frank keine Suppe auf der Karte, nicht mal die im Internet aufgeführte Fischbouillon. Kurze Aufregung direkt über dem Lokal in der Residenzstraße, in den Münchner Räumen des gerade im Umbau befindlichen Freisinger Diözesanmuseums. Dort wartet schon dessen Direktor Christoph Kürzeder. Was nun? Die Serie heißt nun mal „Auf eine Fastensuppe mit ...“. Aber davon lässt sich der umtriebige Museumsleiter nicht aufhalten. Er verschwindet kurz und schon ist die Sache geregelt: Natürlich bekommen wir Suppe, schließlich hat das Diözesanmuseum in dem stilvoll-modernen Lokal mit Blick auf die Theatinerkirche quasi eine „Flatrate“, so oft, wie man dort is(s)t. Zumindest mit Gästen. „Sonst gehen wir in die Opern-Kantine, aber da gibt's heute sicher keine so gute Fischsuppe“, ergänzt der offensichtliche Gourmet Kürzeder, wie immer bestens gelaunt und beherzt gestikulierend.

Der promovierte Theologe und Volkskundler hat eben nicht nur beruflich einen exquisiten Geschmack, wie er mit vielen erfolgreichen Ausstellungen bewiesen hat, sondern auch privat. Augenscheinlich wird dies mit jedem Löffel der delikat duftenden, von Safran und Tomate dezent rötlich schimmernden Bouillabaisse mit Zander und Erdinger Garnele, die dann gereicht wird. Fisch isst der 53-Jährige viel. „Ich versuche ihn aber ökologisch korrekt einzukaufen“, betont er. Umso mehr in der Fastenzeit, wenn er den Fleischkonsum eingrenze. „Aber ich mache kein Heilfasten mehr“, stellt Kürzeder klar. „In Total-Askese bin ich nicht gut, ich bin nicht der Mann mit dem Totenkopf unterm Arm wie etwa der heilige Franziskus.“

Ein Menü ganz in grün

Kürzeder verzichtet in der Fastenzeit – außer sonntags – lieber auf Alkohol und Süßigkeiten. „Das ist für mich schon ein Verzicht. Ich bekomme gern Schokolade und Pralinen geschenkt, die ich immer gleich teilen muss“, verrät er sehnsüchtig. Bei Einladungen wirke man dann immer etwas lebensfeindlich. „Aber wenn es ein Samstagabend ist, habe ich Glück gehabt.“ Geschickt. „Na, für was samma denn katholisch?“, zwinkert er. Am Gründonnerstag lade er gerne zu sich ein. Dann kocht er ein Menü ganz in grün: „Das ist bei der Nachspeise eine besondere Herausforderung, aber da setze ich auf Götterspeise, die ich dann noch verfeinere.“

Dabei ist Kürzeder kulinarisch eher rustikal geprägt aus seiner Kindheit in einem Weiler nahe Ebersberg: „Ich bin ganz altmodisch aufgewachsen, da gab es freitags immer Mehlspeisen.“ Sehr zu seinem Bedauern, denn er mag es nicht, das Essen mit Süßem zu beginnen. Auch, was das Interesse für die Kirche betrifft, war Kürzeder das „Kuckucksei“ in seiner Familie. „Meine Eltern waren eher besorgt, wenn ich sonntags oft dreimal in den Gottesdienst gegangen bin, weil ich so gerne ministriert habe“, lacht er und gibt zu: „Ich war schon immer ein G'schaftler und nicht dazu geeignet, nur im Gottesvolk zu sitzen.“ Und ergänzt lieber gleich prophylaktisch: „Aber ich bin froh, dass ich im Gottesdienst nicht vorne dranstehe.“

„Ein bisserl visionär sein“

Kürzeder schätzte die Kirche schon damals als „Kulturträger“, die künstlerische Ausstattung der Ebersberger Sebastians-Kirche zum Beispiel, in der er sich engagierte. „Und wir hatten eine sehr gute Kirchenmusik – ich war im Kinder- und Kirchenchor.“ Auch als Jugendgruppenleiter war er aktiv. „Ich bin ein volkskirchlicher Mensch“, analysiert er, „diese positive Prägung gibt mir bis heute die notwendige kirchliche Erdung.“

In den vom Zweiten Vatikanum geprägten 1970er Jahren erlebte er, dass man durch kirchliches Engagement vieles bewirken, „ein bisserl visionär sein“ könne. Doch er schätzte auch viele Formen des alten Ritus wie die Anbetung. Gerade die Fastenzeit steckte für Kürzeder voll starker Zeichen: „Wenn unsere barocke Kirche kahler wurde.“ Oder die Dramaturgie der Karwoche bis zur Kreuzverehrung mit der Berührung des Kreuzes. „Dazu die aussagekräftige Musik, und die Glocken schweigen – das ist schon berührend.“

Große Gefühle

Gerne erinnert sich Kürzeder an die ersten Nachtwachen am Osterfeuer mit der Pfarrjugend. „Man hat Ostern in praktischer, verständlicher Weise nachvollzogen.“ Das fehle heute manchmal. „Ich lehne die Intellektualisierung der Kirche nicht ab, aber selbst, wenn man es irgendwann als inszeniert entlarvt, brauchen wir sinnliche Elemente, sie erfassen den Menschen ganzheitlich – große Gefühle sind nie nur theoretisch.“

Bis heute hat Kürzeder auch die Fresken und Altarbilder von früher vor Augen. „Als Kind, wenn man mit Worten noch nichts anfangen kann, konzentriert man sich auf die Darstellungen. Sonst hätte das böse ausgehen können, weil ich damals schon einen immensen Bewegungsdrang hatte“, ergänzt er schelmisch. Deswegen verspüre der energievolle Museumsdirektor in der Fastenzeit auch keinen Drang, sich mehr als sonst sportlich zu betätigen. Für spirituelle Übungen oder um Fastenpredigten zu besuchen, bleibt ihm hingegen kein Freiraum. Gerade in Advent und Fastenzeit gebe es viel zu tun: „Am 1. Mai haben wir wieder Ausstellungseröffnung in Beuerberg.“

Berührendes Andachtsbild

Früher habe er in der Karwoche gerne Heilige Gräber in Tirol besucht, die bis Ostern mit teils veränderten Kulissen auch die Auferstehung thematisieren. Mit Wehmut erzählt er von seiner eigenen großen Papier-Fastenkrippe, die er immer daheim aufgebaut hat. „Aber ich musste den Keller räumen – und die Krippenlandschaft dran glauben.“

Diese Traditionen zeigten aber, dass gerade die Passion stark durch Bilder geprägt sei. Bei der Erasmus-Grasser-Ausstellung des Diözesanmuseums 2018 etwa sei das Thema stark mit dem Schmerzens-Christus vertreten gewesen: für Kürzeder einer der schönsten Ankäufe des Hauses der vergangenen Jahre und ein sehr berührendes Andachtsbild. „Es ist der Tote, der doch schon wieder oder noch lebendig ist.“

„Welterfassungsversuche“ im Dialog

Laut Kürzeder werden solche Bilder heute wieder besser verstanden, wenn sie nicht auf dogmatischer, sondern auf anthropologischer Ebene vermittelt werden: „weil die Verheißungen nicht mehr laut von der Kanzel gepredigt und widerstandslos geglaubt werden“. Zum Beispiel die Grundfrage „Was ist nach dem Tod?“ habe durch Christus „eine klare, menschliche Gestalt bekommen“. Dafür finde die Kunstgeschichte immer andere Bilder, die viel darüber aussagten, was Menschen hoffen: „Ist es der noch Lebendige am Kreuz, das makellos leidende Lamm oder der grausamst gepeinigte Gottesknecht?“

Junge Künstler setzten sich mit Religion und ihren großen Fragen wieder vermehrt auseinander, stellt der 53-Jährige fest. Er wolle künftig verstärkt Projekte im Diskurs mit Künstlern entwickeln, „Welterfassungsversuche“ in Beziehung setzen. Was das Diözesanmuseum langfristig für Kirche und Gesellschaft sein könne, „aber nicht, um nur zu bewahren und Objekte, die in Kirchen keinen Platz mehr haben, zu konservieren, sondern um Themen zu setzen“: Dazu stellen Kürzeder und sein Team gerade Überlegungen an – gedrängt zwischen vielen Projekten. „Vielleicht ist die spirituelle Übung der Fastenzeit heuer für mich also die Konzentration auf diese wesentlichen Fragen“, schließt er und nippt an dem Espresso, der trotz Fastenzeit sein muss.

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Fastenzeit

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