Deutsche Bischöfe Brand in Moria ist "Katastrophe mit Ansage"

09.09.2020

Mit Bestürzung und Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik hat die Deutsche Bischofskonferenz auf den Brand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Mittelmeerinsel Lesbos reagiert.

Rauchschwaden hängen am Mittwoch, 9. September, nach dem nächtlichen Brand über dem Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos.
Rauchschwaden hängen am Mittwoch, 9. September, nach dem nächtlichen Brand über dem Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. © imago images/ZUMA Wire

Bonn – Die Nachricht vom Brand in Moria dürfe niemanden, der in Politik und Kirche Verantwortung trägt, gleichgültig lassen, erklärte der Flüchtlingsbischof Stefan Heße am Mittwoch in Bonn. "In die Betroffenheit über das Elend der Schutzsuchenden mischt sich die Bestürzung über das politische Versagen", so der Erzbischof von Hamburg weiter. "Man muss es wohl so offen sagen: Es handelt sich um eine Katastrophe mit Ansage. Die mit dem Flüchtlingslager Moria verfolgte Politik der Abschreckung geht auf Kosten der Menschlichkeit."

Schon seit Langem sei die Situation der Schutzsuchenden auf den ägäischen Inseln und vor allem im überfüllten Lager Moria unerträglich gewesen, betonte Heße. "Deshalb gab es aus Kirche und Zivilgesellschaft immer wieder deutliche Appelle, die humanitäre Krise an den EU-Außengrenzen zu überwinden und für eine menschenwürdige Aufnahme der Schutzsuchenden zu sorgen."

"Passiert ist wenig"

Die Bilanz sei ernüchternd, so der Flüchtlingsbischof. "Allen Appellen, Initiativen und Warnungen zum Trotz: Passiert ist bislang erschreckend wenig. Sicherlich hat die Bundesregierung zwischenzeitlich einigen alleinreisenden Kindern und Jugendlichen sowie behandlungsbedürftigen Kindern und deren Familien die Einreise ermöglicht. Doch insgesamt betrachtet war dies nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein."

Das grundlegende Problem des Hotspots Moria sei nicht angegangen worden, beklagte der Erzbischof. "Stattdessen gab und gibt es auf Ebene der Bundesregierung und der EU-Kommission sogar das Bestreben, das gescheiterte Hotspot-System auszuweiten und künftig nahezu alle Asylverfahren an den Außengrenzen durchzuführen. Davor kann angesichts der Situation auf den griechischen Inseln nur gewarnt werden."

Menschenwürdige Aufnahme

Europa müsse alles daransetzen, "die bestehende humanitäre Krise zu überwinden, statt potenziell neue Krisenherde zu entfachen", forderte Heße. "Mehr denn je stehen Deutschland und Europa in der Pflicht, die desaströsen Verhältnisse auf Lesbos zu beenden und Schutzsuchenden eine menschenwürdige Aufnahme zu ermöglichen. Gefordert ist der politische Wille, eine Lösung im Geist der europäischen Solidarität zu finden, das heißt: eine gerechte Verantwortungsteilung zwischen den EU-Staaten bei der Aufnahme von Schutzsuchenden."

Eindringlich rief Heße dazu auf, die bisherigen politischen Blockaden zu überwinden. "Wenn nicht alle Mitgliedstaaten dazu bereit sind, muss eine humanitäre Koalition der Willigen vorangehen. Europa kann es sich nicht länger erlauben, die Augen zu verschließen."

In der Nacht zum Mittwoch brannten große Teile des griechischen Camps nieder. In dem Lager lebten zuletzt rund 12.000 Menschen. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Flucht & Asyl

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