Sterbende begleiten Brennpunkt des Lebens

17.11.2017

Sie möchte das Schweigen über das Tabu-Thema Sterben und Tod brechen: Bei einer Ringvorlesung in München hat Professor Claudia Bausewein über Spiritualität in der Palliativmedizin gesprochen und gezeigt, wie wichtig in diesem Bereich eine ehrliche Kommunikation ist.

Professor Claudia Bausewein © Klinikum der Universität München

München – Tod, wo sind nun deine Schrecken?“, heißt es in dem bekannten Kirchenlied des Dichters Christian Fürchtegott Gellert. Diese Zeile kommt einem in den Sinn, wenn man Professor Claudia Bausewein über das Lebensende sprechen hört. Obwohl es sich um ein so unangenehmes und tabuisiertes Thema handelt, strahlt die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin am Klinikum der Ludwigs-Maximilian-Universität München bei ihrem Vortrag an der Hochschule für Philosophie eine innere Gelassenheit, beinahe Freude aus, das Schweigen darüber zu brechen.

Die Hochschule der Jesuiten widmet den Themen „Palliative und Spiritual Care“ in diesem Semester eine Ringvorlesung und ehrt damit den bereits verstorbenen Wegbereiter der Hospizbewegung in Deutschland, Pater Reinhold Iblacker. „Spiritualität und Sterbebegleitung in der Praxis der Palliativmedizin“ lautet der Titel von Bauseweins Präsentation. Was kompliziert und abstrakt klingt, macht sie durch ein unerwartetes Bild anschaulich: Im Mittelalter habe man kranke und sterbende Menschen als Lehrer derer bezeichnet, die sie betreuten. Das Leben sei als Reise angesehen worden und das Sterben als Übergang in eine andere Welt. Daher habe gegolten: „Sterbende sind uns ein großes Stück voraus“, erklärt Bausewein.

Das Trösten nicht anderen überlassen

Dieses Verständnis habe auch die Art beeinflusst, mit der mit sterbenden Menschen umgegangen wurde. Eine medizinische Heilung war im Mittelalter selten möglich, dafür hatte das Trösten oberste Priorität. „Unsere moderne Hochleistungsmedizin dagegen vermittelt, dass wir alles und jeden heilen können“, macht die Professorin deutlich. Das Trösten werde anderen überlassen.

Die Ideen des Mittelalters habe die englische Krankenschwester und Ärztin Cicely Saunders aufgegriffen, die für die Entwicklung der Palliativmedizin eine entscheidende Rolle spielte. Das Credo der „Palliative Care“, die sich der Betreuung von Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung verschrieben hat, laute: „Wir Menschen sind nicht nur Körper, sondern es ist immer ein ganzer Mensch dahinter.“

Palliativbetreuung nehme wahr, dass Schmerzen häufig nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, sozial und spirituell sein können. Neben den vielen körperlichen Symptomen spielten bei den Patienten Faktoren wie die Unsicherheit über den Krankheitsverlauf und die Frage nach den Entscheidungen am Lebensende – etwa der gewünschte Sterbeort – eine Rolle.

Bausewein und ihre Kollegen kümmern sich darum, die Symptome zu kontrollieren. Vor allem aber bieten sie eine offene und ehrliche Kommunikation über Tod und Sterben an – natürlich nur, wenn der jeweilige Patient darüber reden möchte. Genau diese Gespräche kämen nämlich häufig zu kurz. „Ärzte tun sich schwer mit den Reaktionen der Patienten“, beschreibt die Medizinerin. Aus Angst, jemand könne in Tränen ausbrechen, würden solche Gespräche vermieden. Dadurch würden die Patienten isoliert, obwohl sie gleichzeitig ahnten, was auf sie zukommt.

Ähnliches beobachtet Bausewein bei Patienten und ihren Familien. Die Angehörigen forderten den Arzt auf, dem Patienten nicht zu sagen, wie ernst es ist. Der Patient wiederum bitte den Arzt, seinen Angehörigen nicht zu sagen, wie krank er ist. „Dadurch machen sich alle etwas vor“, folgert die 52-Jährige. Und stellt klar: „Wenn die Gespräche nicht geführt werden, wird die Möglichkeit genommen, sich mit dem Lebensende auseinanderzusetzen und die verbleibende Zeit zu planen.“

Ärzte als Zuhörer

In der Palliativstation dagegen dürfen die großen Fragen ausgesprochen werden, darunter etwa: „Warum ich? Was habe ich getan?“, aber auch solche rund um das Thema Vergebung, etwa: „Habe ich die Menschen um mich herum genug geliebt?“. Spiritualität dürfe dabei nicht auf Religion verengt werden, denn auch nichtreligiöse Menschen suchten nach dem Sinn des Lebens. Die Herausforderung besteht laut Bausewein darin, dass dies eigentlich keine Fragen seien, die erst am Lebensende zu Wort kommen sollten. Außerdem gebe es häufig keine Antwort darauf. „Aber die Fragen wollen gestellt werden“, ist sie sich sicher. Dabei sei die Rolle der Ärzte und Pflegenden eher die eines Zuhörers. „Ärzte reden immer viel und denken, dann ist es ein gutes Gespräch. Für mich ist es ein gutes Gespräch, wenn die Patienten selbst viel reden und Antworten finden.“ In diesem Ringen um die großen Fragen werde Sterben zum Brennpunkt des Lebens.

Bausewein werde häufig gefragt, wie man eine solche Arbeit aushalten könne. Für sie ist die Arbeit in der Palliativstation jedoch ein Geben und Nehmen. Vor allem bedeutet es ihr viel, die Dankbarkeit der Patienten zu spüren – dafür, dass sie keine Schmerzen mehr haben, und dafür, wieder als Mensch wahrgenommen zu werden.(Theresia Lipp)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität

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