Ehrenamt Brieffreundschaft zwischen den Generationen

23.07.2020

Corona bedeutet nicht nur Abstand halten. Der Studentin Anna Albrecht hat die Krise eine ungewöhnliche Freundin beschert.

© imago images/Panthermedia

München – Anna Albrecht büffelt gerade für die bevorstehende Prüfung in Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität. Natürlich lernt die Studentin in Coronazeiten online und auch privat kommuniziert die 22jährige fast nur digital. Eigentlich gehört sie zur Generation der Digital Natives. Wenn da nicht die Pandemie wäre, die auch in Annas Leben quasi über Nacht hereingebrochen ist. Als der Shutdown kommt, verlässt sie ihre Münchner Studentenbude und wohnt wie so viele ihrer Kommilitonen wieder zuhause bei ihren Eltern im Landkreis Rosenheim. Plötzlich hat sie mehr Zeit als sonst und begibt sich deshalb auf die Suche nach einer sinnvollen ehrenamtlichen Beschäftigung. Dabei stößt sie nach einiger Zeit im Netz auf die Brieffreundschaft-Aktion der Malteser im Erzbistum München und Freising. Die suchen junge Leute, die Senioren, die das Haus nicht mehr verlassen dürfen, Briefe schreiben. Anna meldet sich und bekommt nach einiger Zeit die Adresse einer betagten Dame in einem Münchner Seniorenheim zugeschickt.

Briefeschreiben macht man eigentlich nicht mehr

Anna setzt sich sofort hin und schreibt einen Brief an die Seniorin. Sie ist erst einmal nur neugierig auf die Frau, die aus einer ganz anderen Generation kommt. Die Sache kommt ins Rollen, etwa einen Brief pro Woche habe sie seit Beginn der Brieffreundschaft losgeschickt, erzählt Anna. Mit jedem Brief lernen sich die beiden besser kennen. Anna erfährt zum Beispiel, dass ihre 99 Jahre alte „Brief-Oma“ gar nicht so sehr unter dem Lockdown leidet, weil sie vor kurzem einen Schlaganfall hatte und deshalb sowieso nicht vor die Haustür gehen kann. Die gesundheitlichen Probleme wirkten sich auch aufs Briefeschreiben aus, erzählt Anna. Auf einen Brief bekomme sie in der Regel drei Antworten, weil der Brieffreundin das Schreiben schwerfalle. Oft seien das auch liebevoll gemalte Postkarten. Da schreibe sie dann gleich zurück, weil sie sich so freue. „Ich denke, dass das auf alle Fälle für beide Seiten eine coole Sache ist“, meint Anna und klingt dabei immer noch etwas überrascht über sich selbst. Denn schließlich gehöre sie ja zu der Generation, die das Briefeschreiben verlernt hat, „weil man das heutzutage einfach nicht mehr macht, nicht einmal mehr zum Geburtstag, da schreibt man meistens eine WhatsApp-Nachricht“.

Wichtige Erfahrungen aus früheren Generationen weitergeben

Mittlerweile ist aus der Brieffreundschaft mehr geworden. Anna ist klargeworden, dass sie mit ihrem Dienst auch etwas für sich selbst zurückbekommt. Sie erfahre Dinge aus der Generation ihrer Brieffreundin, die sie für wichtig halte und die sie deshalb weitergeben möchte. „Von jemand, der 99 Jahre alt ist, kann man bestimmt noch etwas lernen“ ist sich Anna sicher und fiebert schon dem ersten Treffen mit ihrer Brief-Oma entgegen. Das ist für August im Seniorenheim geplant, wenn Anna ihre Prüfungen hinter sich hat und ihre neue Freundin vom Schlaganfall endgültig genesen ist. Wenn es klappt, werden die sich die beiden dann die Fotosammlung der fast 100jährigen gemeinsam anschauen. Die befindet sich natürlich im klassischen Album aus Papier und nicht auf dem Smartphone. Schon wieder ein analoges Erlebnis für Anna Albrecht, das sie ohne Corona vielleicht nicht gehabt hätte.



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Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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