Kunst und Glaube Brückenbauer zwischen Altem und Neuem

19.02.2019

Das Künstlerehepaar Alraune und Christian Huba ist im Chiemgau daheim. Mit strengen modernen Formen behandeln sie traditionelle religöse Bildthemen.

Heiliger im Hinterhof - Das Ehepaar Huba mit einer ihrer Skulpturen. © Irgens-Defregger

Aschau im Chiemgau – Seit eh und je beflügelt die Gottesmutter Maria die Phantasie von Künstlern. Aber was ist das? In der Wandnische über dem Portal der Aschauer Pfarrkirche (Dekanat Chiemsee) glänzt in Aluminium und Gold ein Werk der Plastik, das die Blicke fesselt und überrascht: Die thronende Maria öffnet wie eine Schutzmantelmadonna weit ihre Arme und balanciert dabei ihren Erstgeborenen auf dem Schoß, der seine Rechte zum Segensgestus erhoben hat. Dass Jesus hier unverkennbar im Mittelpunkt steht und das sakrale göttliche Licht aussendet, wird bildlich durch die Vergoldung der Figur zur Anschauung gebracht. Was die Mutter-Kind-Komposition überhaupt von herkömmlichen Darstellungen dieses Typus unterscheidet, ist die Betonung des Christkindes, vollplastisch dargestellt als kleiner Erwachsener, der selbstbewusst seiner Mutter die Schau stiehlt. Maria, die im Hintergrund, reliefartig reduziert, erscheint, spielt hier die Nebenrolle. Dieses in Aluminium gegossene minimalistische Werk scheint so gar nicht mit der Üppigkeit des sinnenfrohen Barock vereinbar zu sein, das die Kulturlandschaft des voralpenländischen Chiemgaus fest im Griff hat, wo die farbenfrohe Lüftlmalerei der Hausfassaden-landschaft jeden Touristen entzückt.

Jesus im Mittelpunkt

Der Künstler, der hier zum Thema „Darstellung des Herrn“ eine ganz neue Ikonografie geschaffen hat, heißt Christian Huba. „In der Lichtmessfeier“, sagt er, „ist Maria die Protagonistin, in der Darstellung des Herrn steht Jesus im Mittelpunkt.“ Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Darstellung des Herrn am 2. Februar den Reinheitskult um Maria abgelöst, weiß der Aschauer Bildhauer, der sich als einer der Letzten seiner Zunft versteht. Der im Salzburger Land geborene und in einem katholischen Elternhaus aufgewachsene Bildhauer, der eigentlich den Nachnamen Huber trägt und heute programmatisch den bairisch anmutenden Künstlernamen „Huba“ führt, hat nicht nur einen Meisterbrief an der Wand, sondern auch eine akademische Ausbildung hinter sich. Wie umfangreich sein Œuvre ist, verraten die vielen Entwürfe und Modelle in seinem Atelier, darunter auch ein Foto von Anselm Grün, das als Vorlage für Hubas Christusfigur „Der gute Hirte“ in Baldham diente – für den Künstler die interessanteste Christusfigur überhaupt, die an die jüdische Tradition des Hirtenvolkes anknüpft. Auf der Salzburger Sommerakademie wurden für den gelernten Holzbildhauer und Steinmetz die Weichen neu gestellt. Huba bewarb sich an die Bremer Kunsthochschule und wurde ein Schüler des Bildhauers Waldemar Otto. Hier lernte er seine Frau Alraune kennen, die – wie er selbst – einer Künstler-familie entstammt. Die sieben Jahre in Bremenwaren für die Bildhauerin aus dem Inntal eine Bereicherung und eine Horizonterweiterung. Aber erst in der Fremde merkte die Katholikin, was ihr fehlte: „die Berge, der Schnee, die Jahreszeiten, die Kirche, das Zeremonielle, der alle Sinne ansprechende Katholizismus, der dem Leben erst eine Struktur gibt“. Die Rückkehr nach Nußdorf sei dennoch ein „Kulturschock“ gewesen, erinnert sich Alraune Huba, die längst die Weltläufigkeit des Stadtlebens gewöhnt war. Es folgte der Umzug nach Aschau im Chiemgau. Für das Künstlerehepaar und ihre drei Söhne wurden die historischen Räumlichkeiten des ehemaligen Waisenhauses, eines Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert, zur neuen Adresse. Alraune und Christian Huba teilen sich am Fuße der Kampenwand zwischen dem altehrwürdigen Schloss Hohenaschau und der Talstation der Bergbahn ein gemeinsames Atelier. Ihr Motto lautet neudeutsch: „New Bavarian Native A r t“. Berührungsängste mit religiöser Volkskunst – einschließlich afrikanischer Fetische – gibt es für die Berufskünstler nicht. Die Kunst muss sich weiterentwickeln, neue Denkanstöße geben, in Dialog treten mit dem bereits Vorhandenen: „Wir wollen eine Brücke schlagen zwischen Altem und Neuem“, sagt Alraune Huba, in deren Werkstatt mit Blick auf die Kampen-wand ein Regal steht voller Kerzen: von der Ginkokerze, dem Sinnbild für ewige Jugend, bis zur Zunftkerze. Individueller Festtagsdekor in Handarbeit und auf Bestellung von Ostern bis Weihnachten. Lichtbringer im Wechsel der Jahreszeiten, der menschlichen Lebenszyklen, der Epochen der Menschheit. Nebenher werden von ihr Heiligenfiguren gefasst, Altäre restauriert, traditionelle Lebzelter gebacken oder Christbaumschmuck entworfen.

Lieblingsheiliger ohne Auftraggeber

Ihre Kunst auf dem Land zu verankern und den Daheimgebliebenen neue Impulse von außen zu geben, gehören zum Berufsethos. „Der Boden, die Gegend ist katholisch geprägt“, sagt Christian Huba und führt aus: „Seit 2.000 Jahren haben Kunst und Kirche die Bilder geprägt. Die Kirche war der Kunsttempel, der wichtigste Arbeitgeber der Künstlerschaft.“ Als Brückenbauer zwischen Tradition und Moderne sind Alraune und Christian Huba auch in der Kulturvermittlung aktiv. Sie organisieren regelmäßig Workshops für Kinder und geben so ihr Wissen und ihre Fertigkeiten an die nächste Generation weiter. Während Christian Huba weiter am Holz arbeitet, schwebt vor seinem geistigen Auge noch ein anderes bildhauerisches Werk: sein Lieblingsheiliger Franziskus. Allerdings fehlt zur Realisierung dieses Kunstwerkes noch der Auftraggeber.
Angelika Irgens-Defregger (Die Autorin ist freie MK-Mitarbeiterin.)


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