Wallfahrt am Inn Buch statt Aspirin

23.07.2019

Bis zur Säkularisation um 1800 suchten Pilger bei Migräne, Epilepsie oder Geisteskrankheiten eine wundertätige Handschrift in Pürten auf. Ein solcher Wallfahrtsbrauch ist nur in dem kleinen Dorf bei Mühldorf belegt.

Die selige Prinzessin Alta soll aus Frankreich ein wundertätiges Buch nach Pürten gebracht haben. Das ist eine Legende und trotzdem nicht ganz falsch. © Kiderle

Waldkraiburg-Pürten - Ohne Leiter war das wundertätige Buch nicht zu haben. Es war auch weniger zum Lesen als zum Heilen gedacht. In einer offenen Wandnische etwa drei Meter über dem Boden war es gut sichtbar aufbewahrt. „Es sollte eben nicht jeder einfach das kostbare Objekt an sich nehmen können“, erklärt Konrad Kern. Er ist der Stadtarchivar von Waldkraiburg, zu dem Pürten gehört, und mit der europaweit einzigartigen Buchwallfahrt bestens vertraut. Die Nische ist in einem Wandgemälde eingelassen, das die Gründungslegende erzählt. Eine französische Prinzessin namens Alta soll zur Muttergottes von Pürten gepilgert und dort gestorben sein. Sie hinterließ eine gebundene Handschrift mit den vier Evangelien, die auch Illustrationen enthält. Unterhalb der Nische liegt eine Figur der legendären Alta. Das Buch hat sie unter das bekrönte Haupt gelegt. So haben das auch hunderte von Pilgern gemacht.

Behandlung durch eine Handschrift

Seit 1592 ist die Wallfahrt belegt, „es hat sie aber ziemlich sicher schon ein paar hundert Jahre vorher gegeben“, ist Stadtarchivar Kern überzeugt. Denn tatsächlich kam schon lange zuvor eine wertvolle Evangelienhandschrift, die wahrscheinlich im französischen Reims entstanden ist, in das kleine Dorf am Inn. Eine angeheiratete Gräfin vom Niederrhein hatte sie in die Ehe mit Graf Chadalhoch III. gebracht, der die Gegend um Pürten beherrschte. Wie es dazu kam, dass diesem Buch eine Wunderwirkung zugeschrieben wurde, ist nicht überliefert. „Dass das Evangelium, die Frohe Botschaft den Menschen an Körper und Geist heilt, ist aber ein naheliegender Gedanke“, deutet Kern den Ursprung der Wallfahrt. Die Pilger haben Pürten aufgesucht, um im weitesten Sinne Kopfleiden zu heilen, dazu zählten damals auch Epilepsien und Geisteskrankheiten, genauso wie Migräne. Aspirin und Antiepileptika waren unbekannt, die Anrufung Gottes das letzte Mittel.

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Zum Nachhören

Beitrag über die Pürtener Buchwallfahrt im Münchner Kirchenradio

Kirchenpfleger Franz Harrer, Stadtarchivar Konrad Kern und die selige Alta werfen einen Blick in eine Reproduktion des Wunderbuchs © Kiderle

Buch als Kopfkissen

Vier Nächte lang legten die Kranken im Mesnerhaus neben der Kirche ihren Kopf auf das Buch bzw. auf die Illustrationen auf den Anfangsseiten jedes Evangeliums. „Unter den Patienten waren manchmal auch Tobsüchtige, die man dann angekettet hat“, erläutert Kern. Das sei aus erhaltenen Aufzeichnungen zu entnehmen, die bis ins Jahr 1781 reichen. In der Säkularisation beschlagnahmten die Behörden das wundertätige Buch und brachten es nach München, wo es bis heute in der Bayerischen Staatsbibliothek liegt. Wie oft die Handschrift zum Einsatz kam, lässt sich ihr noch ansehen. Die Illustrationen sind abgewetzt und durchlöchert, eines der Bilder wurde im 18. Jahrhundert komplett erneuert. Der wohlhabende Bauer Georg Schweiberer aus Niederbergkirchen legte sein Haupt noch auf das Original und wurde 1687 von einem Kopfleiden geheilt. Wie es damals nicht selten vorkam, opferte er dafür eine Wachsfigur in Lebensgröße und - gewicht und den persönlichen Gesichtszügen. Eine unbekannte vornehme Dame hat ihren Dank auf dieselbe Weise dargebracht und auch die Wachsfigur eines Kindes ist erhalten. Ein deutschlandweit fast einzigartiger Glücksfall, erklärt der Stadtarchivar. Denn meistens haben die Pfarrer diese Opfergaben zu Kerzen verarbeiten lassen.

Pilger aus Tirol und Böhmen

Solche Opfergaben aber lassen ahnen, welche Wirkung von der Pürtener Wallfahrt und ihrem wundertätigen Buch ausgegangen sein muss. Sogar Hilfesuchende aus Böhmen und Tirol sind in den Aufzeichnungen vermerkt. Und als Reproduktion ist es immer noch da. Um sie zu zeigen, sperrt Kirchenpfleger Franz Harrer die Sakristei auf und den Tresor auf und legt die in braunes Leder gebundene Kopie auf den Tisch. „Das macht einen schon stolz, wenn man eine europaweit einzigartige Wallfahrtstradition hat“, sagt er. Allerdings ist er auch froh, dass er das Buch nicht mit der Leiter in die Nische zurückstellen muss, sondern nur in den Safe zurück zu legen braucht.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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