Ausstellung Caritas und Erzbistum wollen Flüchtlinge sexuell aufklären

14.03.2017

Wann beginnt der Zyklus der Frau, wie entsteht ein Baby und wie kann man sich mit HIV anstecken? Das sind Fragen, die bei uns in Bayern jeder Schüler spätestens in der Mittelstufe dank dem Bio-Unterricht beantworten kann. Viele Flüchtlinge aus den arabischen und afrikanischen Ländern aber nicht.

Die Ausstellung „Only Human. Leben. Lieben. Mensch Sein.“ soll Flüchtlinge sexuell aufklären.
Die Ausstellung „Only Human. Leben. Lieben. Mensch Sein.“ soll Flüchtlinge sexuell aufklären. © Kiderle

München – Die Caritas München und die Erzdiözese München und Freising setzen sich ür die sexuelle Gesundheit und Aufklärung von Flüchtlingen ein und haben dazu eine Wanderausstellung mit dem Titel „Only Human. Leben. Lieben. Mensch Sein.“ entwickelt. Die Ausstellung über sexuelle Gesundheit soll so sensibel wie möglich, und gleichzeitig so konkret wie nötig sein, erklärt Regina Lange. Die Leiterin der AIDS-Beratungsstelle der Caritas weiß, Sex und HIV sind nicht nur in Deutschland ein Tabuthema. „So sind das auch für geflüchtete Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen riesige Tabuthemen. In der Beratungs- und Präventionsarbeit zeigt sich, dass es gerade für diese Menschen sehr schwer ist, darüber zu sprechen. Wir bekommen sie nur ganz schwer in die Beratung und dann natürlich auch schwer ins medizinische System.“

Bewusstsein schaffen

Deswegen soll die Ausstellung die erste Hemmschwelle senken, um ins Gespräch zu kommen und vor allem, um Wissen zu vermitteln. Sie beruht auf drei Säulen. Gesundheit von Mann und Frau im Generellen, sexuell übertragbare Krankheiten aber auch Rollen- und Werteverständnis hier in Europa. „Dabei geht es darum, den Menschen zu zeigen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Wir zeigen, wie kleiden wir uns in der Freizeit oder in der Arbeit. Wir zeigen auch, wie lernen wir uns kennen, wie gehen wir miteinander um und wie gestalten wir Kontaktaufnahme.“ All das wird nicht mit Worten erklärt, sondern mit Zeichnungen und Fotostorys. Eine Waage, auf der auf der einen Seite ein männliches und auf der anderen Seite ein weibliches Spielzeug-Figürchen steht, soll ohne Worte plausibel machen: Alle Menschen sind gleich viel Wert.

Die Ausstellung mitgestaltet hat auch Liliana Ikulumet. Ursprünglich kommt sie aus Uganda und lebt schon seit sechs Jahren in München. Sie ist selbst aus ihrer Heimat geflohen und hilft nun anderen Flüchtlingen, hier in Deutschland zurecht zu kommen. „Viele Flüchtlinge wissen eigentlich nicht, wo sie hingehen können und Informationen über HIV und sexuell übertragbare Krankheiten bekommen. Mit solchen Ausstellungen wissen sie dann, sie können zur Caritas Beratungsstelle gehen,“ sagt Ikulumet.

Caritasdiektor Lindenberger und Generalvikar Beer haben die Ausstellung besucht.
Caritasdiektor Lindenberger und Generalvikar Beer haben die Ausstellung besucht. © Kiderle

Erfahrung aus Flüchtlingsunterkünften

Damit die Ausstellung dann auch die verschiedenen Kulturen und Bedürfnisse berücksichtigt, war es Regina Lange von der Caritas sehr wichtig, dass Flüchtlinge und Caritas Mitarbeiter aus Unterkünften inhaltlichen Input liefern. „Zum Beispiel die verschiedenen Kondomgrößen war ein Anliegen aus dem Asylbereich. Sie haben gesagt, ihr müsst das zeigen, weil diese Standard-Normgrößen funktionieren nicht. Es wäre ja grob fahrlässig, wenn wir darauf nicht hinweisen.“

In welchen Größen gibt’s Kondome, wie funktioniert ein Kondom und wie benutze ich es? Dass sich eine Ausstellung der Caritas und des Erzbistums mit diesen Fragen beschäftigt, wird viele verwundern. Doch Generalvikar Peter Beer vom Erzbistum München und Freising ist auch dieser Aspekt der Ausstellung sehr wichtig. „Wir müssen mal zur Kenntnis nehmen, die Menschen, die zu uns ins Land kommen, sind nicht alle Katholiken, sondern es sind Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen, mit anderen Gewohnheiten. Sie treffen mit einer anderen Kultur zusammen, die von großer sexueller Freizügigkeit geprägt ist. Jetzt geht es darum, aus christlichem Glauben heraus, das Thema Verantwortung und die dafür notwendigen Wissensgrundlagen auch zu schaffen und zu vermitteln.“

Anfängliche Skepsis

Regina Lange selber war anfangs ziemlich kritisch, ob dieses Projekt wirklich funktioniert. Selbst der Caritas Flüchtlingsdienst Alveni stand der Ausstellung über sexuelle Gesundheit von Flüchtlingen skeptisch gegenüber, erinnert sich Lange. „Es war tatsächlich Alveni selber, die anfangs sehr zurückhaltend waren. Sie haben gesagt, da werden keine Flüchtlinge kommen, die Tabus und die Schwellen sind zu hoch. Wir haben versucht, viel dazu beizutragen, sie mit ins Boot zu holen. Als das Ergebnis am Schluss dann präsentiert wurde, war klar, alle waren begeistert und versuchen, mit ihren Gruppen in die Ausstellung zu kommen.“ Viele Gruppen aus Flüchtlingsunterkünften haben sich auch schon angemeldet für eine Besichtigung.

Die Ausstellung ist bis zum 20. März in der Karmaliterkirche in München zu sehen. Caritas München bittet darum, sich vorher anzumelden. Dann geht die Ausstellung auf Wanderschaft in Oberbayern

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Flucht & Asyl

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