Moosach singt gegen die Angst Chornacht im Schatten des Anschlags

23.07.2016

Die Sankt Martins-Kirche in München-Moosach liegt gerade einmal 500 Meter vom Olympia-Einkaufszentrum, dem OEZ entfernt. Der Anschlagsort befindet sich auf dem Gebiet des Pfarrverbands. Am Samstagabend haben dort Kinder und Erwachsene bei ihrer 10. Chornacht trotzdem für das Viertel gesungen.

Für jedes Opfer eine Flamme: Chornacht in Sankt Martin (Bild: Sankt Michaelsbund/SSchmid) © Sankt Michaelsbund/SSchmid

München – In der Martinskirche ist die Osterkerze angezündet. Auf dem Mittelgang und im Chorraum sind zehn Fackeln aufgestellt. Für jedes Todesopfer des mutmasslichen Amoklaufs vom Freitagabend eine Flamme. Auch für den Täter: „Wir nehmen ihn mit ins Gebet“, sagt Pfarrer Martin Cambensy. Das Jubiläum der Moosacher Chornacht steht an diesem Abend unter traurigen Vorzeichen. Immer wieder wird an den Anschlag erinnert, der hier noch allen in den Knochen sitzt. Natürlich habe die Gemeinde auch an eine Absage gedacht, erzählt der Pfarrer: „Aber Musik hat immer auch etwas Therapeutisches. Vielleicht ist es das Beste, wenn das Konzert ganz normal stattfindet.“ Als er das den Zuhörern, Musikern und Sängern sagt, ertönt aus allen Kirchenbänken Beifall.

Trauerflor, Osterkerze, zehn Fackeln

In der Kirche hat er Trauerflor anbringen lassen und in die Chornacht wird das Taizélied „Meine Hoffnung, meine Freude“ eingeschoben. „Auf Dich vertrau ich und fürcht mich nicht“, heißt es da in einer Zeile. Das wird für das ganze noch immer entsetzte Stadtviertel gesungen. Sonst ändert sich das Programm der Chornacht nicht, sogar das Gospelstück „O Happy Day“ bleibt im Programm und zwar ganz bewusst, erläutert der Kirchenmusiker von Sankt Martin, Bernd Hofmann: „Das ist ein altes Spiritual schwarzer Sklaven, das sie auf Beerdigungen gesungen haben, als Zeichen christlicher Zuversicht.“ Auch deshalb sei die Chornacht nach diesem Schock wichtig. Schließlich handele es sich um keine „Gaudiveranstaltung, sondern um geistliche Musik“.

Wir lassen uns nicht kleinkriegen

Die zwölfjährige Maria hält da gerade ganz leicht zitternd ihre Klarinette in den Händen, weil sie ein bisschen aufgeregt vor ihrem Auftritt ist. Bei der Chornacht nicht mit zu musizieren, kam für sie nicht in Frage: „Es ist schrecklich was passiert ist, aber deswegen darf man den Mut nicht verlieren. Dass wir beweisen, wir lassen uns nicht kleinkriegen, weil jemand Terror macht.“ Dieser Meinung sind offenbar viele Moosacher. Zum Auftakt der Chornacht ist die Kirche fast voll. „Es ist gut, dass wir hier als Gemeinschaft zusammenkommen“, sagt eine Besucherin. Sie bekommt feuchte Augen und schließt sie, als das erste Musikstück beginnt. (alb)


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