Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei Christlich-muslimischen Dialog weiterführen

15.03.2017

Das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland hat sehr unter den aktuellen Geschehnissen gelitten. Da stellt sich natürlich die Frage: Hat das auch Auswirkungen auf den Dialog zwischen den Religionen?

Lockeres Miteinander sieht anders aus: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel war im Februar 2017 zu Gast beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.
Lockeres Miteinander sieht anders aus: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel war im Februar 2017 zu Gast beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. © imago

München – Im Erzbistum München und Freising setzen sich der Beauftragte für den interreligiösen Dialog, Andreas Renz, und die Vorsitzende des Münchner Forums Islam, Gönül Yerli, dafür ein, dass die aktuellen politischen Spannungen nicht zu tiefen Gräben zwischen Christen und Muslimen führen. Für Andreas Renz ist klar: Ausklammern kann man die politische Ebene nicht einfach. Das zeigt sich zum Beispiel im Verhältnis zu DITIB, dem größten türkischen Islam-Verband in Deutschland, der stark mit dem türkischen Staat verbunden ist. Solange die Türkei politisch auf einem Annäherungskurs zur Europäischen Union war, sei das kein Problem gewesen, meint Renz. „Doch spätestens seit dem Putsch-Versuch im vergangenen Jahr und den Veränderungen, die es dann in der Türkei gegeben hat, haben wir auch eine veränderte Situation hier. Das hat schon zu einem Vertrauensverlust gegenüber DITIB geführt.“ Doch auch Spannungen und Spaltungen innerhalb der muslimischen Gruppierungen erschwerten den interreligiösen Dialog. Erdogan-Anhänger und -Gegner an einen Tisch zu bekommen, sei nahezu unmöglich geworden, sagt Renz. „Trotzdem werden wir versuchen, die Gespräche weiter am Laufen zu halten.“

Zwischen Politik und Religion differenzieren

Den Dialog gerade jetzt fortzusetzen, ist auch das Ziel von Gönül Yerli. Sie plädiert dafür, zwischen politischer und religiöser Haltung zu differenzieren: „Unsere religiöse Haltung sagt – und die ist, glaube ich, in allen Glaubensgemeinschaften gleich – dass wir Menschen zusammenführen und nicht spalten sollen.“ Dass der Dialog durch die aktuellen Entwicklungen einen großen Schaden nehmen wird, glaubt Yerli deshalb nicht. Dennoch ist sie der Meinung, dass das Wissen über den jeweils Anderen noch zu gering sei. Um beispielsweise die Beliebtheit Erdogans zu verstehen, müsse man auch die Gründe dafür kennen, erklärt Yerli. So habe die Regierung unter anderem für Schulen, Behindertenwerkstätten oder kostenlose Pflegeheime gesorgt. Das helfe natürlich auch den Türken in Deutschland, die zuvor ihre Familien in der Türkei finanziell unterstützt hatten.

Doch gerade ihnen rät Yerli, sich mehr auf die eigenen Beine zu stellen und sich nicht so sehr von außen bestimmen zu lassen: „Die aktuellen Debatten zeigen eigentlich auch, dass wir weiterhin, gerade in dieser angespannten Situation, auf unsere Lokalität in Deutschland schauen müssen. Hier in Deutschland haben wir keine Alternative, als den Dialog zu führen.“

Jeder kann etwas tun

In dieser Beziehung ziehen die christlichen und muslimischen Beteiligten des interreligiösen Dialogs an einem Strang. Der Gesprächsabbruch sei das Schlimmste, was eintreten könne, meint Renz. Man müsse aber auch klar machen, wo die Grenzen sind: „Wir leben hier in einer pluralen Gesellschaft und können letztendlich eben nur im Dialog miteinander unterschiedliche Meinungen und Konflikte lösen.“ Zuhören, sich in die Perspektive des anderen versetzen, aber gleichzeitig auch den eigenen Standpunkt klar vertreten – nicht immer ganz einfach. Aber den Dialog aufrecht zu erhalten, sei das oberste Ziel. Auch die vielen Muslime, die nicht in Verbänden organisiert sind, dürfe man nicht vergessen, mahnt Renz: „Es ist mir ein wichtiges Anliegen, auch sie als Dialogpartner wahrzunehmen.“

Und hier könne jeder etwas tun, um die Bande enger zu knüpfen. So könne eine Essenseinladung an den türkischen Nachbarn oder Arbeitskollegen schon dazu beitragen, die durch die Politik verursachten Spannungen zu überwinden. (Lydia Jäger)


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