Porträt über Henri Le Saux Christlicher Priester mit indischer Lebensweise

17.05.2017

Henri Le Saux war ein christlicher Priester. Der gleiche Mann nannte sich auch Swami Abhishiktananda und lebt wie ein indischer Mönch. Wie passt das zusammen?

Zwischen zwei Welten: Der Priester Henri Le Saux als indischer Mönch Swami Abhishiktananda.
Zwischen zwei Welten: Der Priester Henri Le Saux als indischer Mönch Swami Abhishiktananda. © wikipedia/O. Baumer

Henri Le Saux wurde am 30. August 1910 in St. Briac-sur-Mer im Norden der Bretagne geboren und genoss eine katholische Erziehung. Durch seinen Onkel, dessen Namen er trägt, reifte in ihm früh der Wunsch, Priester zu werden. Im Alter von 11 Jahren kam Henri nach Chateaugiron und fünf Jahre später nach Rennes. Er entscheidet sich gegen die vielversprechende klerikale Karriere und entschließt sich, Mönch zu werden, um darin Gott unmittelbarer zu begegnen. Sein Wunsch nach mystischer Praxis blieb im Kloster unerfüllt. Doch das strenge Leben, so sagte er einmal, ebnete ihm den Weg, den er in Indien gehen sollte. Trotzdem blieb die Unzufriedenheit mit dem Klosterleben. 1935 hat er die Ewigen Gelübde abgelegt und die Priesterweihe empfangen.

Der Onkel als Wegweiser

Sein Wille und Intuition führten ihn 14 Jahre später nach Indien. Er machte es sich zum Ziel, das Leben als Sannyasa, des indischen Mönchs, zu führen. Er wollte an der Christianisierung Indiens durch seinen kontemplativen Lebensstil mitbauen und sah Gemeinsamkeiten zwischen der christlichen Spiritualität und den philosophischen Schriften, den Upanishaden. Er zeigte sich sehr berührt von Armut der indischen Bevölkerung und bewunderte zugleich ihren geistigen Reichtum. Er begann sich einfach zu kleiden, doch die Gläubigen verbanden das Christentum seit jeher mit materiellem Aufstieg, was seinem Anspruch widersprach: Le Saux wollte mit einfacher Kleidung indische Christen dazu bewegen, sich ihm anzuschließen.

Gründung eines Ashram

1949 besuchte Le Saux den Ashram, das Meditationszentrum von Sri Ramana Maharshi. Diese Begegnung markierte den Beginn der ersten Phase eines Mönchslebens, die Henris christliche Wurzeln auf die Probe stellte. Ramana lehrte ihn, sich zu reinigen und alles hinter sich zu lassen, um das reine göttliche Licht in sich wahrnehmen zu können.

Von nun an übte er sich in der Suche nach sich selbst, um die spirituelle Erfahrung machen, ja die Erkenntnis erlangen zu können. Er gründete seinen eigenen Ashram und nahm den Mönchsnamen Swami Abhishiktananda („Glückseligkeite des Gesalbten“) an. Er studierte in den Höhlen des heiligen Berges Arunachala, ähnlich wie die Eremiten in der Wüste, die indischen Schriften und stellte im Angesicht des Absoluten – des Advaita – seinen christlichen Glauben in Frage: „Bin ich Christ nur aus Prägung und sozialer Bequemlichkeit?“ Das Paradox zwischen seiner indischen Lebensweise und der eines christlichen Priesters kann er aber trotzdem nicht auflösen und muss sich so akzeptieren, wie „mich der Herr geschaffen hat“.

Synthese von indischer Spiritualität und christlichem Charakter

In seinen Aufsätzen „Guhantara“ („Der in der Höhle ist“) verschriftlichte er seine Erfahrung in die Trinität: Den Vater versteht er als Eingang in die spirituelle Erfahrung, der in den Abgrund des Sohnes führt, „eines Gegenübers zur Einheit“, der im Abgrund des Geister mündet. Er ist die Einheit zwischen Vater und Sohn. Diese drei sind eine Einheit, aber vielfältig – eben „das Mysterium der Einheit in Vielfalt“. Dieses Beispiel der Synthese von indischer Spiritualität und christlichem Charakter versucht er, den Christen verständlich zu machen. Dies betonte er auch in seinem Hauptwerk „Sagesse hindou, mystique chrétienne“: Will das Christentum wirklich katholisch, wirklich allumfassend sein, muss sie auch die indische spirituelle Erfahrung integrieren können.

Zwischen den Religionen

Die Erkenntnis, dass er sein Dasein als „Wesen zwischen den Religionen“ fristen muss, führt Le Saux in die zweite, die Brückenphase, ein. Am Ufer der Ganges baute er sich 1961 eine Einsiedelei, verfasst Bücher und steht zwischen ihr und seinem öffentlichen Wirken. Ihm ging es nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht um einen bloßen interreligiösen Dialog, sondern um dessen wirklichen, kontemplativen Kern. Wenn er Sannyasi geworden wäre, um „ein Hindu unter Hindus zu sein“, könnte er niemals zwischen beiden Religionen vermitteln, sozusagen eine Brücke sein. Ihr aber ist eigen, keiner Seite anzugehören. „Doch, wie zerreißend es auch sei, es ist unsere Pflicht, beiden Seiten in Gänze anzugehören. Das ist nur möglich im Mysterium Gottes.“, schrieb er in einem Brief an die Bretonin Anne-Marie Stokes, Sekretärin der Gründerin der Katholischen Arbeiterbewegung in Amerika.

In der letzten Phase, die Abhishiktananda, die an die Schwelle zum Guru führt, trifft er 1963 die österreichische Theologiestudentin Bettina Bäumer, schickt sie für den Abschluss des Studiums wieder nach München. Sie lernte Sanskrit und kehrte 1967 nach Indien zurück.

Am Samstag (20. Mai) hält Prof.Dr. Bettina Bäumer im Rahmen der Tagung „Spiritualität der Zukunft“ einen Vortrag über „Henri Le Saux/ Swami Abhishiktananda“. Beginn 9 Uhr. Zur Tagung anmelden können Sie sich unter info@bildungszentrum-freising.de oder unter 08161/ 1812177. Eine Tageskarte für Samstag kostet 30 Euro. Das vollständige Programm finden Sie hier.

1971 besuchte der Priesteramtskandidat Marc Chaduc Le Saux in Indien. Beide hatten seit 1969 engen Briefkontakt. Beide befruchteten sich spirituell; der eine begleitete den anderen auf dem inneren Weg und kam dabei selbst der letzten Wirklichkeit näher. Über zwei Jahre trafen sich Chaduc und Le Saux, um gemeinsam das Johannesevangelium oder die Upanishaden (Sammlungen philosophischer Schriften) zu studieren oder zu meditieren. Nach einer Herzattacke verfasste Le Saux ein Manuskript zu den Upanishaden. Sie begegneten sich und suchten gemeinsam einen verlassenen Tempel auf, wo sie meditierten. Kurze Zeit nach dieser Erfahrung erlitt Abhishiktananda einen Herzinfarkt, von dem er selbst berichtete, dies sei der Moment des „definitiven Erwachens“ gewesen: „ Ich spüre zu sehr und immer mehr das explodierende Feuer des ICH BIN, in dem alle Begriffe der Personalität, der Ontologie, der Geschichte, etc. Christi sich auflösen. Und ich entdecke sein wahrhaftes Mysterium in jedem Menschen leuchten, er erwacht, in jedem Mythos.“

Henri le Saux starb am 7. Dezember 1973. Seine Freunde und Schüler begannen nach seinem Tod rasch, seine Schriften zu sammeln und gemeinsam mit seinem Tagebuch zu veröffentlichen. Er hinterlässt seine schriftlich festgehaltenen spirituellen Erfahrungen, die es seinen Mitstreitern möglich macht, diesen Weg nachzuvollziehen und auch zu gehen, den Weg als Pionier des Dialogs zwischen Hindus und Christen. (mc)

 

Dieser Artikel gehört zum Thema Spiritualität der Zukunft

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