Stunde der "kleinen Leute" Corona-Krise und katholische Soziallehre

29.03.2020

Die Pandemie rückt sogenannte einfache Tätigkeiten neu in den Blickpunkt. Die Menschen, die sie ausüben, haben Würde und eine große Bedeutung. Ein Kommentar.

Oft unterschätzt, aber immer wichtig: Die Arbeit von Verkäuferinnen und anderen Arbeitnehmern.
Oft unterschätzt, aber immer wichtig: Die Arbeit von Verkäuferinnen und anderen Arbeitnehmern © imago

Wenn es in den vergangenen Jahren um wirtschaftliche Leistungsträger ging, war meistens nur von Bankern und Aktienhändlern, Unternehmern und Managern, IT-Spezialisten und High-Tech-Ingenieuren die Rede. Lastwagenfahrer und Erntehelfer, Verkäufer und Sachbearbeiter, Reinigungskräfte und Krankenpfleger, kurz ganz normale Arbeitnehmer kamen da so gut wie nie vor. Manchem Ökonomen galten sie sogar nur noch als Kostenfaktoren, die am besten wegrationalisiert und durch Computer und Roboter ersetzt werden sollten. Jetzt in der Corona-Krise schlägt ihre Stunde.

Leistungsträger sind viele

Wie niemals zuvor wird deutlich, wie wichtig die sogenannten kleinen Leute für die Wirtschaft eines Landes, ja der ganzen Welt sind. Ohne sie geht gar nichts! Ein paar Wochen Virus-Pandemie genügen, um unsere Leistungsbegriffe auf den Kopf zu stellen. Sie machen deutlich, dass die „großen“ Leistungsträger von der Leistung unzählig vieler Frauen und Männer abhängen, die oft nur wenig gelten und anerkannt sind. Der Ausnahmezustand, in dem wir jetzt sind, lehrt neuen Respekt vor diesen Menschen, die zuverlässig und meistens unbemerkt unsere Gesellschaft am Laufen halten, unser Zusammenleben erst ermöglichen, dafür sorgen, dass es überhaupt Banken und Aktien geben kann. Die katholische Soziallehre hat das schon lange gewusst: Zwei ihrer Säulen sind die Personalität und die Solidarität.

Würde des Einzelnen und Zusammenwirken aller

Das eine rückt die Würde jedes einzelnen Menschen und seiner Arbeit in den Vordergrund, das andere das Ineinanderwirken aller gesellschaftlichen Kräften. Die katholische Soziallehre gilt seit längerem nicht mehr als besonders sexy und als graue Moraltheorie. Denn sie stellt die Arbeit vor das Kapital, das Konkrete vor das Abstrakte, den Gemeinnutz vor den Vorteil des Einzelnen. Das lässt sich in vielen päpstlichen Sozial-Enzykliken nachlesen. Auch dass breiter Wohlstand nicht dadurch entsteht, wenn einige wenige viel Geld scheffeln. Vielmehr entsteht er dann, wenn Arbeit gerecht entlohnt wird, gerade Tätigkeiten, die anstrengend sind und nicht viel Ansehen genießen. Viele Menschen haben in den vergangenen Jahren den Eindruck gewonnen, dass hier eine Schieflage entstanden ist und die Ungerechtigkeiten zugenommen haben.

Selbstverstänclichkeiten auf dem Prüfstand

Die Corona-Krise hat wahrscheinlich noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Wenn sie vorbei ist, werden aber viele wirtschaftliche Selbstverständlichkeiten auf dem Prüfstand stehen. Sie wird zu einem neuen Denken über den Leistungsbegriff und unser gesellschaftliches Zusammenleben führen. Es wird sich die Frage stellen, ob allein der Aktienindex und hohe Unternehmensgewinne ausschlaggebend für eine erfolgreiche Wirtschaft sind. Die katholische Soziallehre kann dabei eines der großen Werkzeuge sein, hier eine Balance zu finden. Und sie kann mithelfen, die Mühe und Arbeit der vielen, vielen Arbeitnehmer zu würdigen, die jetzt unseren Alltag aufrechterhalten.

Audio

Zum Nachhören: Kommentar im Münchner Kirchenradio

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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