Virus in Deutschland Corona-Pandemie ist keine Strafe Gottes

19.03.2020

Auch das Klosterleben in Sankt Bonifaz hat sich durch Corona verändert. Abt Johannes Eckert OSB erzählt im Interview wie die Obdachlosenarbeit aufrecht erhalten wird und wie die Hauskirche durch die Krise helfen kann.

Abt Johannes Eckert OSB
Abt Johannes Eckert OSB warnt davor die Corona-Pandemie als Strafe Gottes zu sehen. © Barbara Just/KNA

mk-online: Abt Johannes, zuerst die Frage, die eine ganz neue Bedeutung bekommen hat: Wie geht es Ihnen?

Abt Johannes Eckert: Es sind eigenartige Zeiten. Mir und den Mitbrüdern geht es Gott sei Dank gut. Aber es war schon ungewohnt, am vergangenen Sonntag nur in der Chorkapelle von St. Bonifaz den Gottesdienst zu feiern, wo wir sonst mit unseren fünf, sechs Sonntagsgottesdiensten ein so belebtes Zentrum sind.

Was haben Sie sich gedacht, als am vergangenen Freitag die Meldung kam, im Erzbistum sind bis auf weiteres alle öffentlichen Gottesdienste abgesagt?

Eckert: Zunächst einmal muss man den Entscheidungsträgern für so klare Anweisungen danken. Jetzt geht es wirklich erst einmal darum, Menschen zu schützen, und dass das Ansteckungsrisiko zurückgeht. Aus diesem Grund finde ich diese Entscheidung sehr gut, auch wenn sie bitter ist, denn der Sonntagsgottesdienst ist ein wichtiger Teil kirchlicher Gemeinde, da wir Eucharistie am Auferstehungstag des Herrn feiern. Vielleicht wird uns aber auf diese Weise auch wieder neu bewusst, welch hohes Gut diese Feier in Gemeinschaft ist. So durchleben wir jetzt auch ein Stück weit eine Art Fastenzeit.

Gab es besorgte Anrufe bei Ihnen in der Abtei oder im Pfarrbüro?

Eckert: Ja, es gab zum Teil besorgte Anrufe, zum Teil wurde auch Unverständnis geäußert. Menschen, die mit uns verbunden sind, wollten das auch in dieser Zeit sein, darum versuchen wir derzeit, einen Live-Stream einzurichten, damit man auf diese Weise mit uns abends die Vesper feiern kann. 

Die Mönche von Sankt Bonifaz laden ein, ab dem 19. März über Live-Stream am Stundengebet und an den Gottesdiensten in Sankt Bonifaz teilzunehmen. Der Live-Stream wird über den YouTube Kanal von Sankt Bonifaz direkt aus der Chorkapelle in der Klausur des Klosters übertragen.

Folgende Gebetszeiten und Gottesdienste aus Sankt Bonifaz werden gesendet:

Sonntag
11.00 Uhr Eucharistiefeier
18.15 Uhr Vesper
19.30 Uhr Komplet

Werktag
17.45 Uhr Vesper und Eucharistiefeier
19.30 Uhr Komplet

Bei Ihnen in der Klostergemeinschaft werden also das Stundengebet und die Liturgie unverändert fortgeführt?

Eckert: Genau, nur eben in anderen Räumen, nämlich in der Chorkapelle im Haus und ganz bewusst nicht in der Basilika oder in unserer Werktagskirche.

Wie sieht es nun in der Obdachlosenarbeit bei Ihnen auf dem Gelände von St. Bonifaz aus?

Eckert: Da unsere Gäste im Haneberghaus sehr eng aufeinander sitzen, haben wir eine Umstellung beschlossen und werden nun täglich um 10 Uhr Lunch-Pakete ausgeben. Das Haus selbst wird nicht offen sein, damit das Ansteckungsrisiko nicht zu groß ist. Interessant ist, dass unsere Gäste das alles sehr positiv aufgenommen haben. Die Arztpraxis wird weiterhin geöffnet haben, aber die Ärztin wird die Patienten einzeln an der Tür abholen und mit ihnen in die Praxis gehen, so dass es sicher auch ein wenig mehr Wartezeiten geben wird. Aber sonst hätten wir den Betrieb auch wegen unserer Ehrenamtlichen, die oft fitte Rentner sind und somit zu den Risikogruppen gehören, nicht aufrechterhalten können.

Es werden auch hysterische Stimmen laut werden, die die Corona-Pandemie als Strafe Gottes zu deuten versuchen...

Eckert: Dies als Strafe Gottes zu sehen ist aus meiner Sicht zynisch und eine absolute Anmaßung. Was maße ich mir an, über Gott zu sagen, dass er bestraft oder belohnt? Wer kann den Willen Gottes erkennen? Das ist für mich fast schon blasphemisch. Die Pandemie kann uns zum Beispiel im Glauben auch näher zusammenbringen, wenn ich sage, wir glauben an einen Gott, der es gut mit uns meint und der uns auch in schweren Tagen nicht allein lässt - besonders diejenigen, die in irgendeiner Form getroffen sind.

Wie soll man aus Ihrer Sicht als Christ eine derartige Zeit spirituell verbringen?

Eckert: Ich denke, es ist gut, wenn man betet, auch miteinander betet, und vielleicht ein Stück weit neu die Hauskirche in kleinen Gemeinschaften entdeckt, etwa bei Ehepaaren, in der Familie. Gut ist es sicher auch, immer wieder Stoßgebete zum Himmel zu schicken, wenn man Wünsche äußert, wie es schon die Wüstenväter getan haben. Vielleicht entdeckt der eine oder andere auch seine ganz eigenen Gebetsformen. Wichtig ist bei allem, die eigene Gelassenheit nicht zu verlieren, bis dahin, dass man selbst Solidarität lebt mit Blick auf die Nachbarschaft. Wenn ich jemandem helfe und beistehe, ist das ja auch Gottesdienst und Ausdruck gelebter christlicher Spiritualität.

Welches Gebet oder welche Bibelstelle würden Sie unseren Lesern an die Hand geben wollen?

Eckert: Es ist immer gut, um den Geist Gottes zu beten. Ich schätze hier die verschiedenen Heilig-Geist-Hymnen sehr. Natürlich bietet sich auch der Rosenkranz an oder man kann vieles in den Psalmen wiederfinden. So besteht auch die Chance, vielleicht den einen oder anderen Psalmvers für sich wieder neu zu entdecken. Gebete sind immer etwas sehr persönliches, ich denke, hier wird jeder seinen eigenen Weg gut finden.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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