Obachlosigkeit Corona-Pandemie verstärkt Not

12.06.2020

Im Haus Anges des Sozialdienstes katholischer Frauen leben ehemals obdachlose Frauen. Die Lage war für viele auch schon vor Corona schwer und nun kommt noch einiges hinzu.

Frau mit Maske
„Es kann so schnell geschehen, dass eine Frau obdachlos wird“, berichtet Cornelia Zangl. © mdbildes - stock.adobe.com

München – 48 Frauen leben im „Haus Agnes“ des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF). Sie alle waren von Obdachlosigkeit betroffen, bevor sie hier einziehen konnten. „Unsere Bewohnerinnen sind zwischen 18 und 75 Jahre alt. Die Hälfte ist über 50, ebenfalls die Hälfte bringt einen Migrationshintergrund mit“, erklärt Cornelia Zangl, die das Haus leitet. „Es kann so schnell geschehen, dass eine Frau obdachlos wird“, berichtet die Sozialpädagogin und nennt einige Ursachen: Eine Frau wird von ihrem Partner aus der Wohnung vertrieben, weil er sich trennen möchte und allein im Mietvertrag steht. Eine Frau, deren Haus abgebrannt ist, findet keine neue Bleibe. Andere Frauen haben ihren Mann oder ihr Kind verloren, wieder andere sind durch Gewalterfahrungen traumatisiert.

Schwere Lage auf dem Wohnungsmarkt

Es herrscht Vollbelegung. Die Zimmer sind zwar klein, um die zehn Quadratmeter, aber jedes davon ist für die Frauen im Wortsinn ein Schutz-Raum. Im Haus gibt es 24 Stunden pro Tag Ansprechpartner und einen Pfortendienst. Männer dürfen nicht zu Besuch kommen. So fühlen sich die Frauen sicher.

„Unsere Warteliste ist lang. Wenn eine Frau auszieht, kommt meist noch am selben Tag die nächste Bewohnerin“, erklärt Zangl. Neben der 55-jährigen Leiterin kümmern sich weitere sechs Sozialpädagoginnen und 23 andere Mitarbeiterinnen darum, dass es den Bewohnerinnen möglichst gut geht. Ziel ist dabei eigentlich, dass eine Frau möglichst schnell wieder ausziehen kann, weil sie eine eigene Wohnung gefunden hat. „Das ist allerdings seit Jahren zunehmend schwierig, weil es viel zu wenige Sozialwohnungen in der Region München gibt“, bedauert Zangl. Dabei haben gut 65 Prozent aller Bewohnerinnen eine Arbeitsstelle und könnten Miete bezahlen. Doch der freie Wohnungsmarkt wartet nicht auf Frauen, die oft im Niedriglohnsektor arbeiten. „Hier gibt es eine echte Not“, weiß Zangl aus langjähriger Erfahrung.

Trennscheiben und Masken

Die Corona-Pandemie verstärkt diese Not noch einmal erheblich. Viele Bewohnerinnen können derzeit nicht zur Arbeits- oder Ausbildungsstelle fahren und müssen den Tag im Haus oder Garten verbringen. Sonst übliche Gruppenangebote im Haus können wegen der Abstandsgebote gerade nicht unterbreitet werden. Allerdings bietet eine Mitarbeiterin zweimal pro Woche Gymnastik im Freien an. Die Frauen machen die Übungen auf ihren Balkonen mit. „Gleich zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen haben wir die Frauen gefragt, was sie brauchen, damit ihr Tag gut verlaufen kann“, berichtet Zangl. „So haben wir Strickzeug und Wolle besorgt, ein Kochbuch oder Papier und Farben zum kreativen Gestalten – je nachdem, was die Frauen sich gewünscht haben.“

Corona schaffe Einsamkeit. „Unsere Sozialpädagoginnen beraten deshalb weiter persönlich. Das geht, weil jede ein eigenes Büro hat, in dem man mit einer Trennscheibe und Masken trotzdem gut miteinander sprechen kann“, schildert Zangl. Eigentlich hätte die telefonische Beratung ja Vorrang. Aber das macht nur Sinn, wenn alle gut Deutsch sprechen. Außerdem bietet die persönliche Begegnung den vollen Blick auf ein ermutigendes Lächeln, ein anerkennendes Nicken oder manch freundliche Geste. (Gabriele Riffert)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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