Bericht vor Ort Corona-Quarantäne im Vatikan

18.03.2020

Pater Norbert Hofmann ist Sekretär der päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls. Im Interview spricht er über die Ausnahmesituation in Rom.

Pater Norbert Hofmann
Pater Norbert Hofmann berichtet aus der Quarantäne im Vatikan. © Kiderle

mk-online: Wie ist die Lage derzeit im Vatikan? 

Norbert Hofmann: Es ist alles sehr ruhig, der Petersplatz und die Basilika sind geschlossen, genauso die Museen, das Archiv und die Bibliothek. Die Prachtstrasse vor dem Petersplatz, die "Via della Conciliazione", ist menschenleer, Polizisten fahren Streife. 


Wer arbeitet derzeit überhaupt noch im Vatikan?

Hofmann: Die Büros im Vatikan sind weiterhin geöffnet, allerdings arbeiten einige Abteilungen nicht mehr mit dem ganzen Personal, sondern es gibt nur noch eine so genannte "Stallwache". Nach Möglichkeit hat man die Laien freigestellt, damit sie ihre Kinder daheim beaufsichtigen können.

Wie fühlt sich diese besondere Lage für Sie als Geistlicher an?

Hofmann: Irgendwie fühle ich mich in dieser Lage hilflos, da man den Menschen nicht direkt helfen kann. Aber natürlich bete ich für die Betroffenen und alle, die ihnen helfen.

Wie lässt es sich vereinbaren, wenn die Kernkompetenz nicht mehr direkt wahrgenommen werden kann?

Hofmann: Es gibt keine öffentlichen Eucharistiefeiern und Gottesdienste mehr. Zunächst hatte man auch beschlossen, alle Kirchen zu schließen, aber das war in Rom nicht durchzuhalten. So findet man manchmal betende Menschen in den Kirchen. Es ist hart, wenn sich die kirchliche Gemeinschaft nicht mehr treffen kann, aber derzeit gibt es keine Alternative.

Wie nehmen die Römer diese Ausnahme-Situation an?

Hofmann: Meines Erachtens nehmen die Römer relativ diszipliniert diese Situation an, da es derzeit ja auch nicht anders geht. Es trifft sie besonders, denn Italien ist nach wie vor ein katholisches Land und das Zusammensein hat einen hohen Stellenwert. Solidarität ist derzeit groß geschrieben.

Gibt es Geistliche, die Seelsorge auf andere Art und Weise anbieten? Gibt es noch Möglichkeiten zur Beichte?

Hofmann: Sowohl der Vatikan als auch die Diözese Rom bieten Eucharistiefeiern und Gottesdienste virtuell im Netz an ("streaming"). Öffentliche Beichtangebote sind derzeit nicht möglich, aber natürlich kann man private nicht verbieten.

Können Sie sagen, wie Papst Franziskus mit dieser Krisenlage umgeht?

Hofmann: Der Papst hält sich an die allgemeinen Vorschriften, seine Morgenmessen, das Angelus-Gebet und die Generalaudienz werden aber auf "Vatican News" virtuell angeboten. Immer wieder betont er, dass er den leidenden Menschen und deren Helfern im Gebet nahe ist. Innerhalb Roms hat er die Kirche "Maria Maggiore" und eine andere besucht, um vor einer berühmten Marienikone zu beten.

Wie ergeht es Ihnen persönlich in dieser ungewohnten Quarantäne-Situation?

Hofmann: Es ist alles sehr ungewohnt, irgendwie völlig skurril. Ich bete, dass diese Situation bald beendet sein wird, gehe öfter in die Vatikanischen Gärten zum Rosenkranzgebet und habe doch ein großes Gottvertrauen.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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