Adventruf Corona verschärft die Armut bei Rentnern

06.12.2020

Andreas R. hatte nie Geldsorgen - jetzt ist er auf Lebensmittel der Tafel angewiesen. Die Pandemie hat sein Leben schlagartig verändert. Vielen, die bei der Caritas Hilfe suchen, geht es ähnlich.

Ein Mann in Anzug besprüht sein Handgelenk mit Parfüm
Besondere Düfte faszinierten Andreas R. seit jeher. Seine Anstellung in Parfümerien hat er aber wegen Corona verloren - diese Welt bleibt ihm jetzt verschlossen. © bondvit - stock.adobe.com

München – Ein dezenter Duft von Parfum schwebt durch den Raum, während er etwas Würfelzucker in seinen schwarzen Kaffee gibt. Draußen bedecken die trägen Wolken den Himmel, es ist kühl geworden. Andreas R. (Name geändert) trägt ein dunkles Hemd mit weißen, japanischen Blüten und eine schwarze Vollrandbrille. Sein weißes Haar ist zurückgekämmt und an seinen Fingern glitzern zwei mit Steinchen besetzte Ringe. Er legt ohne Zweifel viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres.

Erwerbsunfähig nach Depression

Wenn man dem 63-Jährigen gegenübersitzt, der zugewandt und bedacht seine Lebensgeschichte erzählt, mag man schwer glauben, dass er sich jede Woche in die Warteschlange der Tafel im Münchner Westend einreiht, weil er sich keine Lebensmittel mehr leisten kann. „Das ist ein tiefer Einschnit ins Leben“, sagt er leise und fügt noch hinzu: „Es ist ungewohnt und nicht gewollt.“ In Andreas R.s Leben gab es so einige Höhen und Tiefen, aber mit finanziellen Problemen hatte er nie zu kämpfen. „Ich bin immer über die Runden gekommen“, betont er.

Der gebürtige Weimarer ist 1987 nach Westdeutschland gekommen und kurz darauf nach München gezogen. Jahrelang arbeitete er in der Gastronomie und auch nächtelang als Barkeeper. Doch vor 20 Jahren wurde er schwer depressiv, sodass er nicht mehr Vollzeit arbeiten konnte und seitdem Erwerbsunfähigkeitsrente beziehen muss. Um seine schmale Rente von knapp 900 Euro aufzustocken, arbeitete er als Verkäufer in diversen Parfümerien und Traditionskaufhäusern in der Münchner Innenstadt.

Adventrufe

In der Vorfreude auf Weihnachten und in besinnlichen Stunden wird uns besonders deutlich, dass Krankheit, Armut und Schicksalsschläge vor der „staaden Zeit“ nicht Halt machen. Wir möchten Ihnen deshalb auch heuer wieder Menschen vorstellen, mit denen es das Leben nicht immer gut gemeint hat. Dazu geben wir Einblicke in Einrichtungen, die sich dieser Menschen annehmen. Um Familien, Frauen, Männern und Kindern in großen Notlagen gezielt helfen zu können, bitten Caritas und Münchner Kirchenzeitung (MK) auch dieses Jahr in der Adventszeit wieder gemeinsam um Spenden für die Aktion „Adventrufe“.

Seine Augen glänzen, wenn er darüber spricht, denn die schillernde Welt der Düfte ist nicht nur eine Welt für sich, sondern auch ein Stück die seinige. „Man geht anders durch das Leben, wenn man gut riecht“, versichert er und erzählt von arabischen Prinzessinnen, denen er ganz besondere Parfums verkaufte, und von seinen Einladungen nach Abu Dhabi, die er nie annahm. Heute bereut er es ein bisschen.

Dieses Jahr wurde dann alles anders, denn Corona wirbelte, wie bei so vielen, sein Leben durcheinander: Seit dem ersten Lockdown bekam er keine Verkaufseinsätze mehr und hat bislang keine Aussicht auf eine Wiedereinstellung.

Ein Kaffee ist Luxus

Andreas R. konnte seine laufenden Kosten nicht mehr stemmen und Schulden sammelten sich an. Als nichts mehr ging und er nächtelang grübelnd wachlag, suchte er sich Hilfe bei der Caritas. „Es kann wirklich jeden treffen“, erzählt Stephanie Filß, seine Schuldner- und Insolvenzberaterin bei der Caritas München Mitte. „Leider kann man das, was Herrn R. widerfahren ist, zurzeit als einen typischen Fall bezeichnen. Viele Rentner versuchen mit Nebenjobs ihre geringe Rente aufzustocken, doch durch Corona fallen diese nun alle weg.“

Für Andreas R. läuft es jetzt auf ein Privatinsolvenzverfahren hinaus. Seit einigen Monaten muss sich der alleinstehende und kinderlose Rentner auf ein komplett anderes Leben einstellen. Seine Anzüge lagern mittlerweile unberührt im Keller und den Großteil seiner Parfum-Sammlung hat er auf ebay verkauft. Er hat monatelang auf ein Zugticket nach Weimar gespart, um einer langjährigen, schwererkrankten Freundin beizustehen.

Der kleine Luxus, den er sich ab und zu noch gönnt, ist mal ein Kaffee beim Bäcker, wenn er mit seiner Jack-Russel-Hündin spazieren geht. „Es sind nun andere Dinge wichtiger geworden, Freundschaften und das Zwischenmenschliche“, erzählt er.

Dankbar trotz anfänglicher Scham

Trotzdem kostete ihn am Anfang vieles Überwindung, vor allem der Gang zur Tafel und das Gefühl, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Filß bestätigt, dass vor allem die Scham und der eigene Stolz viele Menschen davon abhält, sich überhaupt Hilfe, die einem in so einer Situation zusteht, zu suchen.

Andreas R. hingegen ist trotz seiner anfänglichen Berührungsängste sehr dankbar: „Die Caritas und die Tafel helfen mir wirklich sehr.“ Er hat sogar seine Unterstützung bei der Essensausgabe angeboten, denn er möchte etwas zurückgeben. Mittlerweile hat er sich in seinem neuen Leben so gut es geht eingerichtet.

Ein einziger Wunsch

Doch einen Blick in die Zukunft mag er zurzeit nicht wagen. Die Hoffnung, in der Vorweihnachtszeit wieder hinter der Verkaufstheke zu stehen, hat er aufgegeben. Einen Wunsch hat er dennoch: Er möchte noch einmal eine kleine Reise nach Bulgarien machen. Seit zehn Jahren fuhr er mit seiner Weimarer Freundin, die nun an Krebs leidet, ans Schwarze Meer: „Wir fahren immer in denselben Ort, in dasselbe Hotel und haben immer dieselben Zimmer. Das wäre nochmal schön.“ Dieses Jahr sind sie das erste Mal nicht gefahren. (Eileen Kelpe, Volontärin beim Sankt Michaelsbund)

Wenn Sie helfen möchten, können Sie unter dem Stichwort „Adventruf 2020“ auf folgendes Konto des Caritasverbandes der Erzdiözese bei der Liga-Bank München spenden:
IBAN: DE 53 7509 0300 0002 2977 79
BIC: GENODEF1M05

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Advent & Weihnachten

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