Krypta des Freisinger Doms Dämonische Mächte auf Bestiensäule

18.02.2019

Ein festes Element aller Maskerade ist der uralte Kampf zwischen Gut und Böse – dämonische Masken erinnern daran. Eine besondere Darstellung dieser Auseinandersetzung finden wir auf der „Bestiensäule“ in der Krypta des Freisinger Doms. Wir sprachen mit Domrektor Marc-Aeilko Aris über diese in Deutschland einzigartige Säule.

Dramatische Kampfszenen mit fantastischen Fabelwesen sind auf der Säule abgebildet.
Dramatische Kampfszenen mit fantastischen Fabelwesen sind auf der Säule abgebildet. © DMF/Dashuber

Münchner Kirchenzeitung (MK): Die Bestiensäule galt schon zu ihrer Entstehungszeit als sehr kostbar, da ihre Gestaltung höchstes bildhauerisches Können voraussetzt. Was war der Grund in der dunklen Krypta von Freising ein derartiges Baudenkmal zu errichten?

DOMREKTOR ARIS: Als die Krypta nach dem Dombrand von 1158 neu gestaltet wurde, war sie ein dunkler Teil des Gebäudes, in dem aber gleichwohl höchste Kunstfertigkeit ausgedrückt wurde. Das sieht man nicht nur an der Bestiensäule, sondern auch daran, dass alle Kapitelle unterschiedlich gestaltet sind und keine Säule der anderen gleicht. Das entspricht der Weise, wie in dieser Zeit auch Kreuzgänge gestaltet wurden. Das Besondere an der Bestiensäule ist, vom Kunsthistorischen mal abgesehen, dass die eigentliche Aufgabe einer Säule, nämlich die Last des Gewölbes zu tragen, nicht mehr erkennbar ist. Sie wird vielmehr als Bildmedium innerhalb der Krypta genutzt.

MK: Was sehen wir auf der Säule genau?

DOMREKTOR ARIS: Sie besitzt auf ihren Seitenschäften Darstellungen von ritterähnlichen Gestalten, die Kettenhemden und Brustpanzer tragen. Sie kämpfen mit Wesen, die einen Rückenpanzer besitzen und somit Krokodilen nicht unähnlich sind. Ein Ritter ist schon bis zur Mitte seines Körpers im Rachen eines solchen Wesens verschwunden, ein anderer würgt den Hals eines Ungeheuers, um den Gefährten zu befreien, in einem anderen dieser Fabelwesen ist kopfüber ein kleiner Hund verschwunden. Diese Art von Darstellungen kennen wir auch aus Buchmalereien dieser Zeit

MK: Eine bekannte Formsprache der Romanik des zwölften Jahrhunderts…

DOMREKTOR ARIS: Ganz genau. Das sind keine „Fantasy products“, sondern eine feste Bildsprache, auch bekannt aus der mittelalterlichen Epik. Da ist es ganz klar, dass ein Ritter eine „Aventure“, ein Abenteuer, zu bestehen hat. Dieses kann auch im Kampf mit Drachen und Dämonen bestehen.

MK: Dann gibt es in dem Geschehen noch die Darstellung einer Frau mit einer Blume …

DOMREKTOR ARIS: Diese findet sich auf der ganz nach Osten gerichteten Seite, die ansonsten frei ist von Kampfesdarstellungen. Die Frau mit der Blume in der Hand blickt nach Osten. Die Symbolik der Himmelsrichtung darf man nicht unterschätzen. Der heutige Blick in der Krypta gen Osten ist ein Blick ins Licht, weil die nachträglich eingebaute Maximilianskapelle den Abschluss aufgebrochen hat und nun ein Lichtkegel einfallen kann. Zur Erbauungszeit der Krypta war der Blick nach Osten ein Blick ins Dunkel, der aber von Osten her den Aufgang des Lichtes erwartet, den Aufgang sucht. Mit diesem Aufgang des Lichts spielt der Dom an verschiedenen Stellen, etwa auch in der Sakramentskapelle.

MK: Es gibt verschiedene Deutungen zu den Darstellungen. So gibt es Meinungen, die besagen, die Frau wäre eine allegorische Darstellung der Kirche, die nach Osten, zum Aufgang der Sonne, zu Christus blickt. Wie sehen Sie das?

DOMREKTOR ARIS: Der Kirche würde ich nicht sagen, des Glaubens schon eher, oder dass es ganz allgemein ein Bedürfnis gibt, angesichts des Kampfes, der auf den anderen Teilen der Säule tobt, dass von irgendwoher Licht kommen möge.

 Marc-Aeilko Aris ist Rektor des Freisinger Mariendoms.
Marc-Aeilko Aris ist Rektor des Freisinger Mariendoms. © Archiv

MK: Wie interpretieren Sie die Kämpfe?

DOMREKTOR ARIS: Der mittelalterliche Mensch lebt in einer Welt, die von negativen Mächten besetzt ist, die ihm Angst einflößen. Diese Angst verlangt nach einem Ausweg und sucht eine Rettung, einen Strohhalm, an dem der Mensch sich festhalten kann. Diese Erwartung ist hier ausgedrückt. Die Bedrohung durch Kräfte des Negativen wird im Mittelalter als ganz reale Bedrohung wahrgenommen, nicht als aufgesetzte Maske.

MK: Die Ungeheuer stehen demnach für ein real existierendes Böses?

DOMREKTOR ARIS: Ja, für die Situation der Welt und die Erfahrungswirklichkeit der Menschen jener Zeit, die nicht frei ist vom Bösen, von Gewalt, von der Bedrohung durch lebensverschlingende Mächte. Diese Angstwelt wird teilweise auch in den Psalmen ausgedrückt. Hier sucht der Mensch einen Ausweg.

MK: Sozusagen einen Lichtblick, wie er durch die Frau ausgedrückt wird. Muss man sich hier auf Glaubenshoffnung stützen?

DOMREKTOR ARIS: Auf Hoffnung, zumindest als eine Form, die Zukunft positiv zu denken. Inwieweit der mittelalterliche Mensch Zukunft überhaupt denken konnte, ist eine andere Frage. Lebens- und Feuerversicherungen werden erst in der frühen Neuzeit erfunden. Das heißt, dass wir im Mittelalter eine verhältnismäßig geringe Perspektive hin auf die Zukunft haben. Das vereint uns mittlerweile wieder mit den mittelalterlichen Menschen.

MK: Inwiefern?

DOMREKTOR ARIS: Aufgrund der sich exponentiell beschleunigenden Entwicklung können wir nicht mehr prognostizieren, wie die Welt übermorgen aussieht. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, wie es in 30, 40 oder 50 Jahren sein wird.

MK: Demnach hat die Säule auch dem modernen Menschen etwas zu sagen?

DOMREKTOR ARIS: Ich glaube, die mittelalterliche Welt ist uns immer fremder als vertraut. Diese Fremde muss man akzeptieren. Aber die Erfahrung, dass andere Mächte – ökonomische, militärische oder politische – in einer Weise herrschen, die man nicht beeinflussen kann, auch nicht durch Wahlen, dass man über bestimmte Dimensionen des Lebens einfach nicht verfügen kann, diese Ohnmacht ist eine Erfahrung, die wir mit jenen Menschen teilen, die diese Säule erbaut haben.

MK: Woher bezieht der säkulare Mensch von heute seine Hoffnung?

DOMREKTOR ARIS: Aus dem Blick auf den Menschen, dessen Gestalt auch auf der Säule besticht. Es ist ja eine Menschenfrau, ein menschliches Antlitz, das nach Osten schaut. Und genau dieser Blick ins menschliche Antlitz ist, so glaube ich, eine Form, heute in dieser versachlichten, digitalisierten und entmenschlichten Welt noch etwas Hoffnung finden zu können.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Fasching

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