Impuls Dankbarkeit macht demütig

08.06.2018

Dankbarkeit beginnt dort, wo ein Mensch merkt, dass er nicht aus eigener Kraft lebt, meint Schwester Cosima Kiesner. So kann diese Haltung eingeübt werden.

Eine Blume kann ein Zeichen der Dankbarkeit sein
Eine Blume kann ein Zeichen der Dankbarkeit sein © hakase420 – stock.adobe.com

Demut – was für ein veraltetes Wort. Niemand führt es mehr in seinem Mund, nur in der Kirche kommt man immer noch mit diesem Wort daher, das nach Unterdrückung, nach Ducken und Kuschen, nach mangelnder Selbstachtung und verpasster Lebensgestaltung klingt. In diesem Wort bündelt sich das ganze Gegenteil heutiger Schlagworte, die da lauten: ich – Freiheit – Chance – Durchsetzung – Selbstgerechtigkeit.

Dabei begegnet mir Demut immer noch allenthalben. Sie begegnet mir an der Kasse eines Geschäfts, an der die Kassiererin mit ruhig-freundlicher Gelassenheit das Gezeter des Kunden anhört, der sich beschwert, dass er so lange in der Schlange hat warten müssen. Sie begegnet mir in der Aufmerksamkeit eines Fußgängers, der einer Dame hinterherläuft, um ihr zurückzubringen, was ihr beim Kramen in der Handtasche herausgefallen ist. Sie begegnet mir in der täglich neuen Schwerstarbeit des Reinigungspersonals, das den gedankenlosen oder gar mutwilligen Dreck sich wichtiger und höher dünkender Personen entfernt, und ebenso in dem unermüdlichen Einsatz von Rettungskräften, die in ihrem so mitmenschlichen Dienst am Notleidenden nun noch mit Pöbeleien und tätlicher Anfeindung konfrontiert sind. Keiner von ihnen hält sich für demütig, ich aber sehe genau diese Qualität in der Unermüdlichkeit ihres Handelns, und ich danke ihnen für diesen Dienst, den sie mutig leisten.

Schwester Cosima Kiesner ist Ordensfrau in der Congregatio Jesu.
Schwester Cosima Kiesner ist Ordensfrau in der Congregatio Jesu. © privat

Dankbarkeit kann man täglich üben

Warum tun sie das? Tun sie es allein aus der Notwendigkeit heraus, Geld verdienen zu müssen? Das wäre bedauerlich, würde aber ihren Verdienst nicht schmälern. Vielleicht aber beschreiten sie den Weg der Dankbarkeit. Dankbarkeit beginnt dort, wo ein Mensch merkt, dass er nicht aus eigener Kraft lebt und schafft. Diese Dankbarkeit kann man üben. Täglich. In einer kurzen Zeit des Nachsinnens, wofür ich heute dankbar bin.

Betrachte ich mein ganzes Leben unter dem Aspekt, was ich nicht aus mir selbst heraus geschafft habe, dann wird die Liste der Dankbarkeit lang. Angefangen von der Geburt, die ich nicht mir selbst zuschreiben kann, über die ersten Jahre, in denen ich gewickelt, gewaschen, genährt wurde, und über die Jahre der Kindheit, in denen ich wachsen und lernen durfte an Materialien, die einfach da waren: Straßen und Kinderspielplätze, Klopapierrollen und Topfdeckel, Pfützen und Bäume und Felder, Schnee und Sand und Steinchen.

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, und ich werde erkennen, dass ich immer auch von anderen lebe. Und je mehr ich mich als beschenkt erfahre, werde ich bereit, anderen von dem zu geben, was mir zur Verfügung steht: mich selbst! Und das ist das Wesen der Demut: sich selbst zu geben. Das ist der Königsweg der Demut. Dankbarkeit macht demütig. (Schwester Cosima Kiesner SJ)

Zur Autorin

Schwester Cosima Kiesner ist Ordensfrau in der Congregatio Jesu. Die Theologin und Germanistin leitet das "Zentrum Maria Ward" in Augsburg und die Mädchengemeinschaft "Der Neue Weg"


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