Mit dem Engel auf Verbrecherjagd "Das ändert nichts daran, dass es Gott gibt“

13.09.2019

LKA-Präsident Robert Heimberger schöpft Kraft und Ruhe aus seinem Glauben.

Seit vier Jahren ist Robert Heimberger Chef des Bayerischen Landeskriminalamtes.
Seit vier Jahren ist Robert Heimberger Chef des Bayerischen Landeskriminalamtes. © Götzfried

München – Alle Bilder, die man im Kopf hat, wenn man sich mit dem Chef des Bayerischen Landeskriminalamtes (BLKA) zum Gespräch verabredet – schließlich kennen wir alle die harten Hunde aus den Fernsehkrimis –, lösen sich augenblicklich in Luft auf, wenn man am Schreibtisch von Robert Heimberger Platz nimmt. Strahlend weiß sitzt da mit überkreuzten Beinen ein kleines Porzellan-Engelchen und hält sich ein Handy ans Ohr. Schmunzelnd nimmt der großgewachsene Mann den Faden auf und erklärt: „Das mag jetzt für einen Polizisten komisch klingen, nachdem wir ja eher rational erzogen und veranlagt sind, aber ich glaube an Engel.“ Vielleicht gar nicht so verkehrt, wenn man zusammen mit 1.900 Polizisten im Freistaat für die Sicherheit und den Schutz der Bevölkerung verantwortlich ist, sich dabei von einem Kollegen aus der himmlischen Dienststelle helfen zu lassen.

In der Tat: Der Glaube trägt den 62-Jährigen schon ein ganzes Leben lang – was vielleicht nicht selbstverständlich ist, wenn man 42 Jahre als Polizist zugebracht und dabei immer mal wieder so schlimme Dinge erlebt hat, dass man schon arg ins Zweifeln kommen könnte, was die Existenz eines guten Schöpfers angeht. Nicht so der Katholik, dessen warme Stimme sehr fest wird, wenn er sagt: „Dass es das Böse in der Welt gibt, damit muss man sich abfinden und dagegen vorgehen. Das ändert aber nichts daran, dass es auch Gott gibt.“

Geboren und aufgewachsen ist Heimberger im Münchner Stadtteil Haidhausen, wo er auch sein Abitur gemacht hat. Zur Polizei sei er eher zufällig gekommen, wobei Karriereüberlegungen dabei keine Rolle gespielt hätten. Deutlich weitsichtiger sei dagegen sein Stiefvater gewesen, der ihm damals schon prophezeit habe: „Du wirst Präsident.“ Und siehe da, 2010 wurde Heimberger tatsächlich zum Präsidenten vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd, fünf Jahre später zum LKA-Präsidenten, dem ranghöchsten Kriminalbeamten in Bayern, befördert.

MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger zu Besuch bei Bayerns oberstem Kriminalbeamten.
MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger zu Besuch bei Bayerns oberstem Kriminalbeamten. © Götzfried

Fordernde Großeinsätze

Auf seinem Weg dorthin gibt es quasi kein Verbrechen, mit dem sich der sportliche Kriminalbeamte nicht beschäftigt hat. Mord, Totschlag, Geiselnahme, überhaupt jede denk- und undenkbare Form von Gewalt ist ihm dabei begegnet. Heute heißen die Herausforderungen in erster Linie Cybercrime („Das entwickelt sich enorm und zeigt fast wöchentlich neue Erscheinungsformen“), Terrorismusbekämpfung, die Gefahr von rechts und organisierte Kriminalität. Herausfordernd seien auch immer wieder die Großeinsätze gewesen, die dem besonnenen, ruhigen Mann so einiges abverlangt hätten. So etwa das Großaufgebot an Polizisten zur Fußball-WM 2006 in München, die jährliche Sicherheitskonferenz oder auch die Wiesn. Den größten Brocken hatte er 2015 als verantwortlicher Einsatzleiter beim G7-Gipfel in Schloss Elmau zu bewältigen. Ruhig geschlafen habe er allerdings trotzdem und sich Beistand von oben geholt. Heimberger betet regelmäßig, wobei er von Stoßgebeten eher nichts hält. „Ich mag es nicht, wenn man schnell ein Gebet raushaut, weil das Wasser einem bis zum Hals steht. Das sollte schon von innen kommen.“ Der Glaube verleihe ihm auch in Situationen, in denen der öffentliche Druck besonders groß sei, Kraft und Ruhe, betont Heimberger. Etwa als die Grünen den von ihm verantworteten Einsatz von 20.000 Polizisten beim G7-Gipfel als „overkill“ kritisiert hatten.

Nach dem schlimmsten Moment während seines Berufslebens befragt, muss der Vater einer Tochter und Opa eines Mädchens nicht lange überlegen: der Amoklauf am Münchner Olympiazentrum. Damals hatte ein 18-jähriger Schüler neun Menschen erschossen und fünf verletzt. Vermutlich steigen die Bilder dieses sonnigen Freitagnachmittags im Juli 2016 in Heimberger hoch, als er, fast ein wenig abwesend, sagt: „Da wurden Kinder Opfer. Das belastet einen schon.“

„Der Herrgott hat noch was vor mit Ihnen“

Privat war es eine schwere Erkrankung, die Heimberger zwei Jahre zuvor beinahe in die Knie gezwungen hätte. „Ich wusste nicht, ob ich wieder dienstfähig werde oder wie es gesundheitlich überhaupt weitergeht“, berichtet er. Er erinnert sich noch gut daran, wie er nach der langen Operation die Augen aufgemacht habe und ihm dabei bewusst geworden sei: „Ja, es gibt Gott wirklich.“ Auch sein Operateur sei sich sicher gewesen: „Der Herrgott hat noch was vor mit Ihnen.“ Wobei Heimberger an Gott nicht als Person glaubt, „sondern als transzendentes Wesen, das uns als Gläubigen Richtschnur und Leitplanken gibt, wie wir leben und denken sollen“. Regelmäßig geht er gerne in die Kirche und legt auch Wert darauf, dass dienstlich Gottesdienste und Wallfahrten organisiert werden.

Wie er sich das Leben nach dem Tod vorstellt? Da muss der Top-Polizist überlegen. „Ich glaube, dass man nach dem Tod in irgendeiner Form noch teilnehmen kann am Leben derer, die man zurückgelassen hat.“ Und fügt hinzu: „Meine Mama ist 2006 drei Tage vor dem Papstbesuch gestorben, und ich bin überzeugt, dass sie trotz allem immer noch irgendwo ist und mich und mein Tun beobachtet.“ Ein Gedanke, der an Jean-Paul Sartres „Das Spiel ist aus“ erinnert, bei dem die Verstorbenen als Beobachter in der realen Welt bleiben.

Beim Lesen („Krimis, kein Witz!“), Fernsehen (Matthias Brandt als Hauptkommissar Hanns von Meuffels im Polizeiruf 110 gefällt ihm besonders gut), Kochen, Backen (gerne auch mal Kuchen für sein Vorzimmer) kann der LKA-Chef entspannen, auch wenn seine Arbeit für ihn keine Belastung darstellt. Ob er denn Jugendsünden hat? Hand aufs Herz! Der Kriminaler lächelt. „Ach, wenn Sie mir den zeigen, der keine Jugendsünden hat.“ Auf Nachfrage lächelt Heimberger ein Lausbuben- Lächeln, verweigert aber ansonsten die Aussage.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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