Treffen in Kardinal-Wendel-Haus Das Evangelium als roter Faden

19.07.2018

Beim traditionellen Jahresempfang von Erzbischof und Diözesanrat dreht sich in diesem Jahr alles um das Miteinander.

Staatsministerin trifft Erzbischof: Ilse Aigner im Gespräch mit Kardinal Reinhard Marx
Staatsministerin trifft Erzbischof: Ilse Aigner im Gespräch mit Kardinal Reinhard Marx © Kiderle

München – Beschwingte Rhythmen von Herbie Hancock, George Gershwin und Duke Ellington intonierte das Duo „Brothers in Jazz“ zwischen den einzelnen Redebeiträgen. Wie ein spritziger Aperitif im Glas perlte die Musik von Schlagzeug und Klavier – das passte zu diesem schönen Sommerabend und inspirierte auch Kardinal Reinhard Marx: „Heiter und besinnlich, so wie es der Jazz auch ist“ sollte das Motto des traditionelle Jahresempfangs des Erzbischofs von München und Freising und des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese sein. Es sei für den Menschen wichtig, dass auch das „Leichte seinen Platz hat, an so einem Abend, im Leben“.

Rund 600 Vertreter aus Kirche, Gesellschaft und Politik waren ins Kardinal-Wendel-Haus nach Schwabing gekommen. Der Jahresempfang ist für viele immer eine gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, wie etwa Thomas Hagen, Leiter der Hauptabteilung „Seelsorge in Lebensumständen und Lebenswelten“ im Ordinariat erklärte: „Ich komme immer gern hierher, weil man hier mit vielen Professionen wie Kliniken, von Polizei und Feuerwehr zusammentrifft, mit denen wir im Alltag zusammenarbeiten“ Auch der CSU-Landtagsabgeordnete Joachim Unterländer, Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern und Mitglied im Vorstand im Diözesanrat ist gern beim Jahresempfang: „Er hält wirklich mit dem Sommerfest im Landtag mit. Hier treffe ich viele Menschen, die mir nahestehen.“ Kapuzinerprovinzial Marinus Parzinger schließt sich dem Lob für die Veranstaltung an: „Der Jahresempfang schafft immer Abstand zum Alltag und regt an, ein wenig weiter zu denken.“

Ein verbales Feuerwerk brannte wie gewohnt Generalvikar Prälat Peter Beer ab. In seiner Begrüßung begab er sich auf die vermeintliche Suche nach einem passenden Abendmotto – in bewusst endlosen Schachtelsätzen und mit einer Flut von Fremdwörtern. Jedoch alle Ansätze wie etwa „Der Marx ist tot, es lebe der Marx!“ (angesichts des 200. Geburtstags von Karl Marx und des 65. von Kardinal Marx im September) verwarf er sogleich wieder, um letztlich beim altbewährten „Einen schönen Abend, gute Gespräche und eine gute Zeit“ zu landen.

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Diözesanratschef Professor Hans Tremmel bei seiner Rede
Diözesanratschef Professor Hans Tremmel bei seiner Rede © Kiderle

Sozialer Frieden für die Stadt

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) stellte sein Grußwort unter den Leitgedanken des Miteinanders in der Stadtgesellschaft. Dies sei „ein wesentlicher Erfolgsfaktor“ für die Stadt, den man nicht in Zweifel ziehen dürfe. Großen Anteil am guten sozialen Klima hätten auch die Kirchen, die sich etwa im „Rat der Religionen“ oder im „Münchner Bündnis für Toleranz“ aktiv einbrächten. Sich um die Ärmeren und Schwächeren zu kümmern gehöre zum Selbstverständnis Münchens, das Engagement von Caritas und Diakonie sei daher „unverzichtbar für den sozialen Frieden in unserer Stadt“.

Staatsministerin Ilse Aigner (CSU) war als Nächste an der Reihe und nach eigenem Bekunden froh, rechtzeitig erschienen zu sein, denn zu drei Dingen dürfe man in Bayern nicht zu spät kommen: „Zum Stammtisch, ins Kabinett und zur Kirche“. Sie versuchte ein wenig die Schärfe aus der Auseinandersetzung zwischen Staatsregierung und Kirche in den vergangenen Wochen zu nehmen, als sie bekannte, „manche Wortwahl der Vergangenheit“ wäre nicht die ihrige gewesen. Die Stimme der Kirche sei „ein wichtiger Kompass, oft auch eine Mahnung“, um Politik aus christlicher Verantwortung heraus gestalten zu können. Es bestehe daher ein „enger, vertrauensvoller und manchmal auch impulsiver Austausch zwischen Staatsregierung und Kirche“, räumte Aigner ein. Ihr versöhnliches Fazit: Man müsse „den Dialog weiter pflegen, auch wenn es oft nicht ganz einfach ist, nicht nur an diesem Abend, sondern an jedem neuen Tag“.

Kreuz und Kommunionempfang

Dann war Diözesanratschef Professor Hans Tremmel an der Reihe, dem vor allem zwei Dinge unter den Nägeln brannten: der Streit der Deutschen Bischöfe um die Frage des Kommunionempfangs in einer konfessionsverbindenden Ehe, der bis nach Rom ging, und die Auseinandersetzung ums Kreuz in weiß-blauen Gefilden, ausgelöst durch den Erlass von Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der Landesbehörden zum Anbringen eines Kreuzes im Eingangsbereich verpflichtet.

„Theorie und Praxis, konkrete Lebenswirklichkeit und offizielle Lehre triften in der allgemeinen Wahrnehmung mehr und mehr auseinander“, erklärte Tremmel zum ersten Streitpunkt. „Wenn der Versuch, beides zusammenzubringen, zum Scheitern verurteilt ist, weil die vermeintlich absolute Wahrheit keine Kompromisse zulässt, dann werden sich die Katholikinnen und Katholiken in ihrem persönlichen Handeln ähnlich wie beim Thema Sexualmoral weiter von ihrer Kirche entfernen.“

Die Frage, ob der evangelische Partner in einer konfessionsverbindenden Ehe die Kommunion empfangen dürfe, könne „nicht als Nebensächlichkeit abgetan werden“, betonte Tremmel, weshalb die deutschen Bischöfe versucht hätten, „eine Regelung zu finden für eine Frage, die in der Praxis viele gläubige Christinnen und Christen längst für sich entschieden haben. Es ging dabei nicht um das flächendeckende Aufstellen grüner Ampeln, sondern um eine Hilfestellung durch die Installation von grünen Pfeilen im begründeten Einzelfall.“

Mit Blick auf den bayerischen Kreuzerlass sagte der Diözesanratsvorsitzende, das Kreuz tauge „nicht zur Aus- und Abgrenzung und auch nicht zur oberflächlichen Vereinnahmung“. Ohne persönliche Beziehung zu Gott und ohne Bekenntnis zur frohmachenden Botschaft Jesu Christi fehle christlichem Symbolhandeln generell das Fundament. „Es mag durchaus Schnittmengen geben, für mich aber haben Kreuze eine andere Bedeutung als Maibäume, weiß-blaue Rauten und bayrische Löwen. Wenn unsere religiösen Symbole dem eigentlichen Wesenskern entkleidet werden, bleibt am Ende nichts mehr übrig als eine belanglose Hülle ohne wirkliche Substanz“.

Kardinal Marx sprach vor rund 600 Gästen.
Kardinal Marx sprach vor rund 600 Gästen. © Kiderle

Zum Abschluss ergriff Kardinal Reinhard Marx das Wort. Er unternahm wie gewohnt zum Ende eines Arbeitsjahres eine kleine „Tour d‘Horizon“ durch die virulenten Fragen der vergangenen Monate. Dabei wurde er mitunter auch sehr persönlich: so bekannte er in Anwesenheit des evangelischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm, dass für ihn persönlich in den vergangenen Jahren „die ökumenische Leidenschaft immer größer“ geworden sei: „Die Zukunft der Kirche wird eine ökumenische sein. Von dieser grundsätzlich ökumenischen Perspektive, die uns zusammenführt, lassen wir uns nicht abbringen.“ Nicht nur an dieser Stelle gab es Applaus der Versammlung.

Dann warnte der Kardinal vor wachsender Ausgrenzung und Nationalismus in der Gesellschaft und ergänzte, er unterstelle keiner aktuell im Bayerischen Landtag vertretenen Partei, dass sie Ausgrenzung und Nationalismus propagiere. Es sei aber wichtig, in Auseinandersetzungen über die besten Lösungen auf die Sprache zu achten, „dass sie nicht Emotionalisierung verschärft und Polarisierung vorantreibt“.

Angesichts der zunehmenden Polarisierung und Emotionalisierung gesellschaftlicher Debatten kündigte er zudem regionale Gesprächsforen im Erzbistum an: „Wir wollen ein Beispiel geben: Wie können wir lernen, mit unterschiedlichen Meinungen in der Kirche und der Gesellschaft umzugehen und in die Gesellschaft positiv hineinzuwirken?“ Und er beantwortete die Frage gleich selbst: „Das christliche Zeugnis ist ein Fundament für ein respektvolles Zusammenleben“. In den Gesprächsforen, für die nun ein Konzept erarbeitet werde und die in der zweiten Jahreshälfte beginnen sollen, könnten Sorgen und Nöte zur Sprache kommen. Auch für Ängste müsse man Verständnis haben. Man dürfe aber nicht bei ihnen stehen bleiben. Wer Ängste produziere oder verstärke, sei nicht beim „roten Faden des Evangeliums“, denn dieser sage: „Fürchtet euch nicht“, unterstrich Kardinal Marx.

Christentum ein Fundament der Gesellschaft

Zum Thema Migration sagte der Kardinal weiter, es sei die Frage, ob die Religion ein Teil des Problems oder der Lösung sei. Immer wieder seien Religionen „zu Schwungrädern des Hasses und der Abgrenzung“ geworden und für politische Zwecke instrumentalisiert worden. Aber „die christliche Tradition ist doch kein Bollwerk, das wir verteidigen mit Schießscharten, sondern eine Einladung an alle, mitzugehen“ betonte der Kardinal. Das Christentum sei „ein Fundament dafür, dass die ganze Gesellschaft bei allen Unterschieden respektvoll miteinander umgeht“. Wenn die Christen das nicht offensiv lebten, dann habe die offene Gesellschaft keine Zukunft.

Zuletzt empfahl Kardinal Marx allen Anwesenden, sich den Dokumentarfilm von Wim Wenders über Papst Franziskus anzusehen: „Er hat mir deutlich gemacht, dass der Papst uns helfen will, doch einmal den Blick auf das große Ganze zu richten und nicht in kirchlichen Quisquilien (Klein-Klein) steckenzubleiben. Er lädt uns ein, nicht wegzuschauen, sondern von den Rändern und von den Elenden her hinzusehen.“ Christen hätten nicht auf alles eine Antwort, aber ihre Blickrichtung müsse erkennbar sein.

Spenden für Obdachlosenarbeit St. Bonifaz

Wohl auch aus diesem Grund hatte man als Spendenprojekt des Jahresempfangs diesmal die Obdachlosenhilfe der Benediktiner im Haneberghaus von St. Bonifaz ausgewählt. Ein Umstand, der Abt Johannes Eckert freut: „Damit wird unsere Arbeit gewürdigt.“ Täglich kommen rund 200 bis 250 Gäste ins Haus, zwei Drittel davon nicht der deutschen Sprache mächtig. Doch „Menschlichkeit kennt keine Grenzen“, bestätigte Abt Johannes.

Und dann war Platz für das Heitere und Leichte, draußen im angenehmen Garten-Ambiente bei (wie immer) gutem Essen und Getränken sowie Austausch und Begegnung.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de


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