Ökumenischer Bibelsonntag Das Grab als Lebenszeichen

27.01.2017

Am 29. Januar ist Ökumenischer Bibelsonntag. Als Schrifttext wurde für diesen Tag das Osterevangelium nach Matthäus ausgewählt. Wie es Professor Thomas Söding und Pastoralreferentin Judith Müller auslegen, lesen Sie hier.

Auferstehungs-Darstellung aus der St.-Georgs-Kirche in Gelbersdorf (Dekanat Moosburg).
Auferstehungs-Darstellung aus der St.-Georgs-Kirche in Gelbersdorf (Dekanat Moosburg). © EOM/HA Kunst/Achim Bunz

Nichts ist unglaublicher, als dass die Liebe stärker ist als der Tod. Nichts ist schöner als die Hoffnung, einen geliebten Menschen, der gestorben ist, wiederzusehen. Das Osterevangelium nimmt Partei für den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Es erzählt, wie der Glaube begonnen hat, der Hoffnung macht und Liebe schenkt. Die Geschichte vom leeren Grab lenkt das Licht des Ostertages auf die Frauen aus Galiläa, von denen die Evangelisten sehr lange schweigen, bis sie, als es schon zu spät scheint, von ihnen sprechen. Erst unter dem Kreuz ist von den vielen Frauen die Rede, die Jesus schon in Galiläa nachgefolgt waren und ihm gedient hatten. Mit dem traditionellen Frauenbild ist die Jesusnachfolge nicht zu vereinbaren. Die Freiheit Gottes bricht sich im Leben dieser Frauen Bahn – und scheint sie auf einen Holzweg geführt zu haben, weil Jesus hingerichtet worden ist.

Doch das Ende ist ein neuer Anfang. Die Männer sind geflohen, aber die Frauen sind geblieben. Sie wissen, wo Jesus begraben worden ist. Deshalb wissen sie auch, wohin sie in aller Herrgottsfrühe am ersten Wochentag, nach der Sabbatruhe, gehen müssen, um Jesus zu betrauern. Zwei Frauen gehen voran: „Maria aus Magdala und die andere Maria“, die Mutter des Jakobus und Josef (Mt 27,56), zweier „Brüder“ Jesu. Ihnen verkündet der Engel die Auferstehung Jesu; auf dem Weg zu den Jüngern begegnen sie dem Auferstandenen selbst.

Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum.
Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum. © Lichtpoesie

Trauerarbeit gilt als Frauensache. Sie ist wichtig: Sie verdrängt den Tod nicht, sondern hält das Leid aus, das er auslöst. Das ist der erste Schritt, neuen Mut zu fassen. So auch bei Jesus. Der eigentliche Skandal ist nicht das leere, sondern das volle Grab: dass Gottes Sohn gestorben ist und begraben wurde. Die Frauen haben den Mut, Jesus zu betrauern, obwohl es gefährlich für sie war, zum Grab zu gehen, wie die Soldaten zeigen, die es bewachen sollen, aber vom Engel schachmatt gesetzt werden, damit die Frauen die Osterbotschaft hören können.

Das erste Wort des Engels lautet: „Fürchtet euch nicht“. Es ist auch das erste Wort Jesu an die Frauen. Die Auferstehung Jesu zeigt, dass Gott auf ihrer Seite ist und an der Seite all derjenigen, die trauern: Ihre Liebe ist nicht hoffnungslos; sie dürfen glauben, dass es ein Wiedersehen gibt.Die Frauen sind nicht allein. Sie sollen die Jünger Jesu zum Glauben führen, zurück nach Galiläa, dorthin, wo Jesus ihnen erscheinen wird, um sie in alle Welt zu senden. Das ist der ökumenische Impuls des Osterfestes. Die Frauen haben ihn als erste erfahren und als erste weitergegeben. (Thomas Söding

Der Bibeltext für den Ökumenischen Bibelsonntag 2017: Matthäus 28,1–10

Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.
Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.
Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee.
Die Wächter begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden.
Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.
Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag. Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Ich habe es euch gesagt.
Sogleich verließen sie das Grab und eilten voll Furcht und großer Freude zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden. Plötzlich kam ihnen Jesus entgegen und sagte: Seid gegrüßt!
Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße.
Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen, und dort werden sie mich sehen.

Judith Müller ist Pastoralreferentin und Leiterin des Fachbereichs Externe Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung im Erzbischöflichen Ordinariat München.
Judith Müller ist Pastoralreferentin und Leiterin des Fachbereichs Externe Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung im Erzbischöflichen Ordinariat München. © EOM

Trotz allem Theaterdonner, mit dem Matthäus die Geschichte vom leeren Grab inszeniert. Sie müssen erst nach Galiläa gehen. Während den Frauen die österliche Begegnung mit dem Herrn in der Nähe des leeren Grabes noch in Jerusalem geschenkt wird, werden die Jünger erst nach Galiläa geschickt. „Dort werden sie mich sehen.“

Jerusalem. Das ist die Geschichte Jesu von ihrem Ende her betrachtet: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Am dritten Tage auferstanden von den Toten.“

Galiläa. Das ist Anfang. Dort waren sie ihm erstmals begegnet, dort hatte er sie gerufen. Dort haben sie staunen gelernt über diesen Menschen und zu fragen begonnen: „Wer ist dieser?“

Galiäa. Das war der Frühling. Beginn einer großen Liebesgeschichte. Aber auch schon bald Irritation, Verstörung und Verunsicherung: „Bist Du es, der da kommen soll?“ „Herr, wenn Du es bist, …“Jerusalem ist der „Stoff“ des Glaubensbekenntnisses, Galiläa nicht. Zwischen „geboren von der Jungfrau Maria“ und „gelitten unter Pontius Pilatus“ klafft im Credo eine Lücke. Um dem lebendigen Jesus zu begegnen, müssen sie nach Galiläa. Als Jünger noch einmal Anfänger werden. Die Vorstellungen ganz loslassen, die sie sich von ihm gemacht hatten – bevor sie am Karfreitag zerbrachen. Ihn noch einmal neu lernen.

Anfängerin im Glauben

Vor kurzem hat ein katholischer Publizist das Fehlen des Typs „des freien, entschiedenen, profilierten Christen“ beklagt, der „selbstbewusst und kenntnisreich zu seinem katholischen Glauben steht“. – Ich fürchte die all zu Glaubensfesten. Mein „Ich glaube“ in der Osternacht ist über die Jahre verhaltener geworden, weniger selbstsicher. Mein Glaube muss immer wieder nach Galiläa gehen. Der Brustton der Bekenntnisfestigkeit trägt nicht lange. Immer wieder finde ich mich als Anfängerin im Glauben vor. Muss Jesus neu lernen. Sicher Geglaubtes und theologisch Gewusstes loslassen, in Frage gestellt werden und Fragen stellen. Bin dabei vielleicht nicht immer „rechtgläubig“, aber nur so gläubig.

Österlicher Glaube „hat“ Jesus nicht. Nur einen toten Jesus kann man haben. Wir müssen mehr „Galiläa-Kirche“ als „Jerusalem-Kirche“ sein, Weggefährten auf der Suche nach Gott, nicht Bekenntnisbesitzer. Denn „unser Leben ist uns nicht gegeben wie ein Opernlibretto, in dem alles steht. Unser Leben ist Gehen, Wandern, Tun, Suchen, Schauen … Man muss in das Abenteuer der Suche nach der Begegnung eintreten und in das Sich-suchen-Lassen von Gott, das Sich-begegnen-Lassen mit Gott“ (Papst Franziskus). (Judith Müller)


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