Pilgern nach Santiago de Compostela Das Heilige Jakobusjahr steht im Schatten der Corona-Krise

28.12.2020

Bei den vergangen Heiligen Jahren 2004 und 2010 fielen Rekordmarken auf dem Jakobsweg. Daran ist gegenwärtig nicht zu denken. Statt Vorfreude macht sich Verunsicherung breit.

Pilgerin sitzt auf dem Obradeiro-Platz in Santiago de Compostela
Die Kathedarale in Santiago de Compostela ist das Ziel der Jakobspilger. © Soloviova Liudmyla - stock.adobe.com

Santiago de Compostela – Wenn am 1. Januar das Heilige Jahr für die Pilgergemeinschaft auf dem Jakobsweg beginnt, wird es eigentlich so sein wie immer. In Santiago de Compostela wird die symbolisch freigeschlagene "Heilige Pforte" in die Kathedrale offenstehen, Ankömmlingen das ganze Jahr der vollkommene Ablass gewährt. Doch wer wird es 2021 - vor allem aus dem Ausland - überhaupt in den Nordwesten Spaniens und zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela schaffen?

Die Tradition der Heiligen Jahre fußt auf einem päpstlichen Privileg aus dem Mittelalter und steht immer dann an, wenn der Gedenktag des Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt: alle elf, sechs, fünf und wiederum sechs Jahre. In den letzten Heiligen Jahren 2004 und 2010 fielen Pilgerrekordmarken, blühte ungebremst der Kommerz. Nun wirft die Corona-Krise lange Schatten. Spanien ist weiterhin Risikoland und zählt zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Staaten, doch die Unüberlegtheiten von Politik und Behörden haben das Dilemma verstärkt.

Pilgern ist zum Hindernislauf geworden

Die Linksregierung in Madrid hat bis 9. Mai 2021 den Alarmzustand ausgerufen - das dürfte für viele Reisende abschreckend genug sein. Wer mit dem Flugzeug ankommt, muss seit November einen negativen PCR-Test vorweisen, was Kritiker als "Mautgebühr für die Einreise" anprangern. Kann man den selbst bezahlten Test nicht vorweisen, drohen 6.000 Euro Geldstrafe. Zudem herrscht in Spanien weiterhin Maskenpflicht im Freien, auch auf dem Jakobsweg. Pilgern ist zu einem Hindernislauf geworden.

Die richtige Pilgersaison beginnt zwar erst zu Ostern, aber wie sich die Umstände bis dahin entwickeln, dürfte vom Erfolg der Impfungen abhängen, die auch in Spanien noch vor Silvester beginnen. Ungewiss wie die Entwicklung der neuesten Covid-Mutation ist auch, wie viele Pilgerunterkünfte überhaupt wieder öffnen; manche Privatherbergen hat die Krise in den Ruin gestürzt. Etwas Linderung verschaffte der Sommer, der nach dem Lockdown von Mitte März bis Ende Juni zu einer Wiederbelebung führte.

Im Juli trafen 9.752 Pilger in Santiago de Compostela ein und erhielten ihr Pilgerdiplom, im August 19.812, im September 10.441. Der Rücklauf im Oktober (6.418) entsprach der Normalität der Jahreszeit, während der November (586) bereits unter dem Einfluss regionaler Gebietssperrungen in Spanien stand. Kurz vor Weihnachten stand auf der Webseite des Pilgerbüros die "Null" der Neuankünfte.

Dramatischer Einbruch der Pilgerzahlen

Bis Ende des Jahres dürfte die Statistik etwa 54.000 Ankömmlinge aufführen, über sechsmal weniger als 2019 (347.578). Ein dramatischer Einbruch auch für das Gastgewerbe, zumal über die Rad- und Fußpilger hinaus die üblichen Besuchermillionen an den Stationen des Jakobswegs und in Santiago de Compostela ausblieben. Organisierte Bus- und Pilgerreisen fielen aus.

Seit der Renaissance des Jakobsweges in den Achtzigerjahren haben Heilige Jahre die Pilgerbewegung bisher immer gepusht. Die PR-Maschinerie lief auf Hochtouren, um Menschen zum Aufbruch zu bewegen. Das reichte in Spanien von Fernsehspots über Rollbandenwerbung in Fußballstadien bis hin zu Aufdrucken auf Einkaufstüten im Supermarkt.

International liefen Anzeigenkampagnen, lockten Slogans wie "Kommen Sie und seien Sie Teil eines Wunders". Im Fokus stand der Tourismus, nicht der Glaube, unterfüttert durch bunte Rahmenprogramme. Vom Organisationskomitee, das vor Corona "fast 8.000 Aktivitäten" für das Heilige Jahr 2021 angekündigt hatte, ist allerdings nichts mehr zu hören. Derlei Ruhe ist gespenstisch - wie vielerorts auf dem Jakobsweg selbst.

Mut lässt sich für gläubige Pilger aus dem Gottvertrauen schöpfen. "Ziehe fort aus deinem Land", hatte Santiagos Erzbischof Julian Barrio Barrio mit einem Jahwe-Zitat (Gen 12,1) seinen Hirtenbrief zum Heiligen Jahr übertitelt. Das Elaborat war allerdings vor Corona verfasst. Unter dem Titel "Die Hoffnung, nach Santiago zu pilgern" bestärkt er die Pilgergemeinde in einer Zusatzversion: "Der Apostel Jakobus erwartet euch in diesem Heiligen Jahr, um euren Schmerz zu umarmen und von euch umarmt zu werden." (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Pilgern: Der Weg ist das Ziel

Das könnte Sie auch interessieren

Zwei Pilger mit Rucksack von hinten
© rudiernst - stock.adobe.com

Zögerlicher Neustart auf dem Jakobsweg

Die Pilgerbewegung auf dem Jakobsweg nimmt nur langsam Fahrt auf. Derzeit treffen im Schnitt etwa 230 Pilger pro Tag in Santiago de Compostela ein. Ein größerer Zustrom wird erst für den Herbst...

02.06.2021

Blick auf Assisi
© IMAGO / Panthermedia

Pilgern auf dem Franziskusweg wird immer beliebter

Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela ist für viele "der" Pilgerweg schlechthin. Deutlich weniger frequentiert ist der Franziskusweg in Umbrien. Aber auch dieser erfreut sich unter Pilgern...

20.04.2021

Hand hält Muschel gegen die Sonne, Strand im Hintergrund
© natros - stock.adobe.com

Sicher pilgern trotz Corona

Peregrinatio, die Pilgerstelle des bayerischen Pilgerbüros für das Erzbistum München und Freising, plant trotz Corona heuer einige Pilgerreisen für die Zeit nach dem Lockdown. Diakon Ralph Prausmüller...

14.01.2021

© imago images / KHARBINE-TAPABOR

Heute back´ich…

In der neuen Ausgabe der Münchner Kirchenzeitung geht es unter anderem auch um ein Kapitel aus der aktuellen Märchenserie, nämlich die Geschichte über das „Rumpelstilzchen“.

13.01.2021

Papst Franziskus
© imago images / Independent Photo Agency Int.

Papst ruft Deutsche zu Dankbarkeit trotz Corona auf

2020 war geprägt durch die Corona-Pandemie. In einer Videobotschaft betont Papst Franziskus, dass alles was einem wiederfährt ein Geschenk sei.

30.12.2020

Wunderkerzen
© phive2015 - stock.adobe.com

Prosit Neujahr Altes Brauchtum rund um den Jahreswechsel

Rund um das Ende des alten und den Beginn des neuen Jahres gibt es einen reichen Brauchtums-Schatz. Dabei geht es fast immer um Glück oder Unglück in der Zukunft.

30.12.2020

Papst Franziskus
© imago images / ULMER Pressebildagentur

Corona-Krise erschwert Planungen des Papstes

Der Terminkalender von Franziskus ist bisher übersichtlich. Auslandsreisen oder Massenveranstaltungen sind aufgrund des Pandemie-Risikos schwierig. Ein erstes Highlight wurde dennoch angekündigt.

29.12.2020

Kinderbeine beim Wandern
© _jure - stock.adobe.com

Neues Bilderbuch über den Jakobsweg in Bayern

Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela ist einer der bekanntesten Pilgerwege weltweit. Auf die Spuren des heiligen Jakobus kann man sich mit der ganzen Familie auch in Bayern begeben, wie nun ein...

04.11.2020

Zwei Pilger auf dem Jakobsweg
© imago images / blickwinkel

Unterwegs auf dem Jakobsweg mit Mund-Nasen-Bedeckung

Wer derzeit auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgert, muss unerschrockener sein als sonst. In anhaltenden Corona-Zeiten gehört in Spanien nun eine Maske vor Mund und Nase - theoretisch...

28.07.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren