Perspektiven auf Heimat Das in die Kindheit scheint

13.01.2020

Der Heimattrend hat die deutsche Politik nicht nur in ihrer Sprache erreicht, sondern auch gleich drei Ministerien. Aber was ist eigentlich Heimat und was hat das mit Politik zu tun?

Alpenpanorama mit Bauernhof
In Bayern heißt Heimat oft: Alpen, Hütte, Kühe und Lederhosen. © Wolfilser - stock.adobe.com

München – Schon das Wort allein ist so zutiefst deutsch und intim, dass es andere Sprachen gar nicht kennen. Jedenfalls nicht das Italienische, Französische oder Englische. Patria, patrie oder homeland, keines dieser Worte beschreibt das, was wir mit Heimat meinen.Wir meinen Blut und Boden, Lederhosen, Schweinsbraten und Döner, Gerüche, Aussichten, Stimmungen, Sprach- und Gedankenwelten, Länder und Verfassungen, Weihnachtsbäume, Muttertag und Gräber, Literatur, Musik, Kunst und Religion, Kinderzimmer, Stadtviertel und Straßen. Keine andere Sprache in Europa kennt dieses Wort, das in Deutschland einen immerwährenden Kampf führt und durchlebt – als Opfer und als Täter.

Ort der Zuflucht

Dabei soll dieser Ort uns ja nur Halt geben: Die Kühe stehen immer noch auf der Weide, die Lederhose geht nicht kaputt und die Zwiebeltürme der oberbayerischen Kirchen vor dem Alpenpanorama funkeln in der Sonne. Heimat ist der Ort, an dem wir alles kennen, jedes Geräusch, jeden Duft, jede Stimme. Das alles soll bleiben, soll wachsen und gedeihen, uns ein Ort der Zuflucht sein.

Und dieser Ort liegt im Trend: Musikfestivals wie “Heimatsound”, die nichts mit Politik zu tun haben wollen und wenn eher linke Positionen vertreten, Fernsehserien wie “Dahoam is Dahoam”, dem jüngsten Preisträger des deutschen Buchpreises, “Herkunft” von Saša Stanišic, und letztendlich sogar die Wahl des Feierabendbiers. Da geht es nämlich nicht nur um Geschmack oder Preis, sondern, wie das Branchenmagazin “Inside” berichtet, auch um regionale Verbundenheit.

Eine Gegenbewegung zur Globalisierung

Dass dieser Trend gar nichts Neues ist, erklärt Dr. Thomas Schindler vom Bayerischen Nationalmuseum: In den 50er Jahren hatte Heimat auch Konjunktur, man denke an Heintje und kitschige Heimatfilme. Und auch die Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik waren eine Zeit der Unsicherheit und Neuordnung. Genauso wie die Gründungswelle von Heimatmuseen in den 70er Jahren durch eine Gemeindereform ausgelöst wurde, die allein in Bayern die Anzahl an Landkreisen von über 7000 auf 2050 reduzierte: “Man möchte eigentlich auf einen Zustand hinweisen, der in diesem Moment Vergangenheit geworden ist.”

Heute lässt sich der Heimattrend als Gegenbewegung zur Globalisierung verstehen. Es gilt, den Wandel mit Vertrautem oder scheinbar Vertrauten aushaltbar zu machen. Quasi Stubnmusi und lokales Bier gegen wachsende soziale Ungleichheit und Migrationsbewegungen. Dem muss gar nicht Globalisierungskritik oder Rückwärtsgewandtheit zu Grunde liegen. Heimat kann auch eben nur ein temporärer Rückzugs- und Besinnungsort sein.

Mit dem Trend kamen die Ministerien

Heimat ist ein Gefühl und Gefühle eignen sich nicht zur politischen Analyse, aber dafür umso mehr als Kampfbegriffe. Gerade durch die Schwammigkeit hat “Heimat” Konjunktur und lässt sich von allen ge- und missbrauchen - vor allem natürlich von rechts.

Normalerweise gründen sich Ministerien auf realen, messbaren Notwendigkeiten. Wie das Sozialministerium oder das Wirtschaftsministerium. Gefühle oder Kampfbegriffe sind keine realen, messbaren Notwendigkeiten. Aber gereicht hat es dennoch, dass für „Heimat“ nun insgesamt drei deutsche Ministerien zuständig sind: In Nordrhein-Westfalen, in Bayern (eigentlich das Finanzministerium) und im Bund (eigentlich Inneres).

Horst Seehofer mit einem Krug Bier in der Hand auf dem Oktoberfest.
Laut Horst Seehofer, geht es bei Heimat um Verwurzelung und ein kulturell angestammtes Umfeld. © Imago

Eine neue Dimension

In den Ministerien geht es aber natürlich weniger um Folklore und Bier sondern um ganz reale Politik. Beim Bund zum Beispiel um die Herstellung und den Erhalt “gleichwertiger Lebensverhältnisse” in Stadt und Land. Also um Handynetzabdeckung, öffentlichen Nahverkehr, Schulen und Krankenhäuser. Sicherheit, die Streuung von Migration und die Bewahrung von Sozialem Frieden sind die anderen großen Themen, die unter den Stichworten “Gesellschaftlicher Zusammenhalt”, “Demographie” und “Raumordnung” zusammengefasst sind.

Zum Großteil sind das Dinge, die auch schon vor dem Heimat-Zusatz in der Zuständigkeit des Innenministeriums lagen. Außer sozialem Frieden, der liegt höchstens für Zyniker im Bereich des Inneren, wenn Polizei und andere Sicherheitsorgane Aufstände niederschlagen sollen. Und “gleichwertige Lebensverhältnisse” sind auch neu. Das hat erstmal nichts so mit Heimat zu tun. Aber hinter dem Etikett steht mehr, wie der zuständige Staatssekretär Markus Kerber deutlich macht: "Wir müssen Heimat gestalten. Das Bundesinnenministerium sieht sich hierbei in der Pflicht."

Markus Kerber
Markus Kerber will Heimat selbst gestalten. © Bundesinnenministerium

Letztendlich geht es darum eine neue, weniger fassbare Dimension dem Innenministerium hinzuzufügen. Eine neue Möglichkeit Politik zu gestalten.

Inklusive Heimat

Passend dazu erklärte Innen- und Heimatminister, Horst Seehofer, bei Heimat ginge es um “die Verankerung und Verwurzelung, um ein kulturell angestammtes Umfeld in einer globalisierten Welt”. Das eröffnet ganz neue Interpretationsspielräume.

Das Bild der Wurzel und des Ankers sagen eigentlich aus, dass es hier erst um Boden und dann um Kultur geht. Diese Kultur ist auch noch “angestammt”. Also muss ich in sie hineingeboren werden. Aber so exklusiv wie die Wurzel, Anker und Stammesmethaphorik klingen, will der Minister Heimat doch nicht verstehen – im Gegenteil: Sie soll nicht ausgrenzen, sondern inkludieren: "Wer Deutschland als seine Heimat betrachtet und sich mit unseren Traditionen, Denk- und Lebenswesisen identifiziert, integriert sich meist leicht."

Heimat im Plural

Also wie ist das jetzt mit Heimat? Kann ich zur „bayerischen Heimat“ hinzustoßen? Hat jeder Mensch überhaupt nur eine Heimat oder mehrere? Oder vielleicht gar keine? Wie ist das für einen Flüchtling, der nach Deutschland kommt? Hat er dann zwei Heimaten - eine in Syrien, eine hier? Konkurrieren die miteinander oder koexistieren sie friedlich? Kann man seine Heimat verlieren? Kann man sie mitnehmen, wiederfinden, austauschen, neu erfinden oder vergessen?

Die Protagonisten, die hier vorgestellt werden, haben Reisen von Ägypten nach Oberfranken, von New York über Indien nach München, von Nord- nach Süddeutschland unternommen. Sie sind irgendwo angekommen, sind zu Hause oder ganz weit weg. Und haben alle eine Idee von ihrer Heimat, die sich nicht immer ganz so leicht verorten lässt. Denn Heimat ist nicht einfach die eigene Herkunft. Heimat ist, wie Ernst Bloch sagte, das, was “allen in die Kindheit scheint.”

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Perspektiven auf Heimat

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