Maria Ramersdorf Das Kirchenjuwel leuchtet wieder

17.08.2018

Man kommt aus dem Staunen nur schwer heraus: Kardinal Marx hat den neuen Altar der restaurierten Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf in München geweiht.

Kardinal Reinhard Marx mit dem Kreuzpartikel, der wichtigsten Reliquie der Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf
Kardinal Reinhard Marx mit dem Kreuzpartikel, der wichtigsten Reliquie der Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf © Kiderle

München – Wer die beliebteste Tauf- und Hochzeitskirche Münchens noch im alten Zustand – also vor 2012 – in Erinnerung hat, wird sie nach vier Jahren Restaurierung zwar wiedererkennen, aber aus dem Staunen nur schwer herauskommen: So strahlend schön und hell war sie seit ihrer Errichtung (1399-1412) wohl noch nie. Zu dieser 4,9 Millionen teuren Komplett-Restaurierung kann man den Pfarrverband Maria Ramersdorf/St. Pius und die Erzdiözese München und Freising nur beglückwünschen: Sie ist sowohl im Gesamten als auch in allen Details hervorragend gelungen.

Neue Fassade

Die letzte große Restaurierung der Pfarr- und Wallfahrtskirche war 1973 – höchste Zeit also, das Äußere wie das Innere sowie die Ausstattung von den starken Verschmutzungen zu befreien, die sich im Verlauf dieser 55 Jahre überall abgelagert hatten. Dabei ist, wie Norbert Jocher, der Leiter der Hauptabteilung Kunst im Erzbischöflichen Ordinariat, betont, „nichts unangetastet geblieben“. Die Fassade wurde neu gestrichen, der Turm mit der markanten und weithin sichtbaren Zwiebelhaube frisch verputzt, die historischen Altäre und Bildwerke sowie das Werktagsgitter gereinigt und überarbeitet, die Raumschale farblich aufgehellt. Völlig neu sind der Beichtstuhl und die Jahreskrippe unter der Empore, das Emporengestühl, die Deckenpendellampen und der Fußboden aus Solnhofer Platten.

Der Altar aus Carrara-Marmor
Der Altar aus Carrara-Marmor © Kiderle

Neue liturgische Orte

Neben den altvertrauten Ausstattungsstücken wird der Besucher, Gläubige oder Wallfahrer aber auch bemerkenswerte Neuerungen entdecken. Mit dem Zelebrationsaltar, dem Ambo und dem Taufbecken hat die Münchner Künstlerin Susanne Wagner neue liturgische Orte geschaffen, die sich mit ihren ovalen und sanft schwingenden Formen bestens in den barocken Raumcharakter einfügen. Als Material dafür hat sie einen seltenen Marmor gewählt, den sogenannten Carrara Van Gogh, dessen lebendige und vielfältige Farben perfekt mit denen des Kircheraums harmonieren.

Ebenfalls von ihr stammen der elliptische Schrein in der Predella des Kreuzaltars, der innen rot gelüstert ist und in den – zu besonderen Anlässen – das Standkreuz des kostbaren Kreuzpartikels gestellt werden kann. Auch die Nische des rechten Seitenaltars ist um eine runde Plattform als dauerhaftem Aufbewahrungsort für dieses Standkreuz erweitert – dafür hatte man bisher keinen geeigneten Ort in der Kirche. Und schließlich ist auf der Mensa beim Taufbecken ein bronzener Schauschrein für die Heiligen Öle mit blau gelüsterter Rückwand installiert. Diese Lüsterfarben Rot und Blau stellen einen Bezug zum Gewand Mariens am Hochaltar her.

Im 17. Jahrhundert barockisiert

Im Grunde ist dieses Prinzip, Neues mit dem bestehenden Alten zu kombinieren, bei der Ausstattung von Maria Ramersdorf immer schon angewandt worden. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die spätgotische Kirche – wie so viele andere – barockisiert, ein Jahrhundert später dann wieder regotisiert (und dabei eine Kanzel und Altarfiguren von Ignaz Günther entfernt). Im barocken Hochaltar thront in der Mitte das Gnadenbild, eine spätgotische Madonna mit Kind (um 1475), das im 19. Jahrhundert mit einem gotischen Baldachin bekrönt wurde. Auch der rötliche Ton der Raumschale und die schlagmetallartigen Vergoldungen der Stuck-Dekoration stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Kardinal Reinhard Marx entzündet den Weihrauch auf dem Altar.
Kardinal Reinhard Marx entzündet den Weihrauch auf dem Altar. © Kiderle

Jede Zeit hat also das Ihrige zur Ausstattung hinzugefügt. Die stilistische Vielfalt und die Kombination aus verschiedenen Kunstepochen fallen auf den ersten Blick gar nicht auf, so homogen und stimmig wirkt der ganze Innenraum. Erstmals erwähnt wird die Kirche (deren damaliges Aussehen man nicht kennt) im Jahr 1006 in einer Freisinger Urkunde. Reiche Stiftungen der bayerischen Herzöge – und die Arbeiten vieler Münchner Hofkünstler – lassen darauf schließen, dass bald schon die Wallfahrt florierte. Einen großen Schub bekam diese 1379, als Herzog Otto V. die Reliquie eines Kreuzpartikels zum Dank für die Rettung aus Lebensgefahr nach Ramersdorf stiftete. Er hatte sie von seinem Vater, Kaiser Ludwig dem Bayern, die dieser von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land mitgebracht hatte.

Realistische Darstellung

Diese Reliquie, in ein silbernes Standkreuz eingefasst, wird bis heute in der Kirche verehrt. Auf sie bezieht sich auch das kunsthistorisch bedeutendste Werk, der Heilig-Kreuz-Altar, der 1483 von Herzog Albrecht IV. gestiftet und von Erasmus Grasser geschaffen wurde und dessen Gemälde Jan Polack beigesteuert hat. Das Mittelbild des frisch restaurierten Altars zeigt eine vielfigurige Darstellung der Kreuzigung Christi. In höchst realistischer Weise spiegeln die Gesichter dieser Figuren menschliche Grunderfahrungen und Gefühle wie Schmerz und Trauer, Verrat, Ablehnung und Entsetzen wider – und binden so den Betrachter unmittelbar in das Passionsgeschehen mit ein.

Von Jan Polack stammt auch das Gemälde der Schutzmantelmadonna (1503) mit Maria und Kind als bekrönte Königin, deren Mantel zwei Engel links über die geistlichen und rechts über die weltlichen Stände ausbreiten. Ebenfalls ein kunsthistorisches Juwel ist das frühbarocke Chorbogenkreuz, das der Münchner Bildhauer Christoph Angermair 1626/27 äußerst kunstvoll geschnitzt hat. Und die Auffindung des wahren Kreuzes Christi durch die hl. Helena in Jerusalem zeigt das Mittelbild des rechten Seitenaltars. Diese zwei Themen, die Verehrung der Gottesmutter und des Kreuzes, prägen die gesamte Innenausstattung.

Rosenwunder

Dem Gnadenbild des Hochaltars gegenüber hängt an der Emporenbrüstung das Tafelbild des Rosenwunders aus dem 17. Jahrhundert. Es zeigt die Öffnung des Grabes von Maria auf Wunsch des Apostels Thomas einen Tag nach ihrem Tod, als man darin statt des Leichnams ein Meer von Rosen vorfand. Auf diese Legende geht der Brauch der Kräuterbüschelweihe an Maria Himmelfahrt zurück, deren Dogma – die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel – Papst Pius XII. im Jahr 1950 verkündet hatte. Von den Christen gefeiert wird dieser Tag aber schon sehr viel länger, nämlich seit dem 7. Jahrhundert.

Vollbesetzt war die Wallfahrtskirche zur Wiedereröffnung an Mariä Himmelfahrt.
Vollbesetzt war die Wallfahrtskirche zur Wiedereröffnung an Mariä Himmelfahrt. © Kiderle

Hunderte Gläubige mit dabei

Genau an diesem Festtag weihte nun Kardinal Reinhard Marx vergangene Woche den neuen Altar, den Ambo und das Taufbecken der wiedereröffneten Kirche in einem feierlichen Gottesdienst, der von Chor, Solisten und Orchester mit einer Festmesse von Joseph Haydn (Leitung: Jürgen Löffler) umrahmt wurde. An ihm nahmen Hunderte von Gläubigen nicht nur im überfüllten Inneren, sondern auch im Freien teil, wohin er live auf einen Bildschirm übertragen wurde. In seiner Predigt ging der Kardinal explizit auf die leibliche Auferstehung Mariens ein: „Leib und Seele gehören zusammen, denn der Leib ist der Ausdruck der Seele. Alles, was wir hier auf Erden erleben, erfahren wir durch den Leib. Deshalb ist die Auferstehung des ganzen Menschen so zentral - eben mit Seele und Leib.“

Zu Beginn gab er seiner persönlichen Freude Ausdruck, „diesen geistlichen Kraftort hier wieder in Gang zu bringen. Maria Ramersdorf soll ein Hoffnungsort und eine Kraftquelle für alle sein, nicht nur für Insider und Gleichgesinnte. Deshalb ist die Weihe des neuen Altars, Ambos und Taufbeckens so wichtig – als Zeichen der Hoffnung, dass wir alle am Reich Gottes teilhaben können.“ Die Salbung des Altars mache deutlich, dass dieser kein bloßer Gegenstand sei, „sondern hier ist Christus gegenwärtig“. Und das Verbrennen von Weihrauch auf dem Altar versinnbildliche die aufsteigenden Gebete. Die eindrucksvolle Zeremonie, zu deren Beginn die Reliquien des hl. Benno und des sel. Otto von Freising in den Altarsockel eingelassen wurden, endete mit dem Gebet: „Dieser Altar sei die Mitte unseres Lobens und Dankens.“

"Das Münchner Altötting"

Maria Ramersdorf ist nicht nur eine der ältesten Wallfahrtsstätten Bayerns (die Ursprünge der Marienwallfahrt reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück), sondern nach den Worten des Kirchenrektors und Pfarrers Harald Wechselberger „die Nummer Eins der Münchner Wallfahrtskirchen, das Münchner Altötting sozusagen.“ Deshalb hätte er sehr gerne, dass „seine“ Kirche zum Wallfahrtszentrum wird (das gibt es bisher in der Tat in München noch nicht), mit Vortragssälen, Meditationsräumen, Übernachtungsmöglichkeiten und Devotionalienläden – dafür muss nur das Erzbischöfliche Ordinariat noch mitspielen. Er sieht die Wallfahrt als „Zukunftszweig der Seelsorge“, als „motivierten Glauben. Dafür sind auch Menschen offen, die nicht jeden Sonntag die Messe besuchen.“ (Karl Honorat Prestele)


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