Bayerisches Amtsgericht Das Kreuz als Symbol des Rechts

22.01.2018

Im Prozess gegen einen Muslim hat ein Richter am Amtsgericht Miesbach das Kreuz abhängen lassen. Ein sensibler Fall. Es gibt aber gute Gründe, das Kreuz gerade nicht aus dem Gerichtssaal zu verbannen.

Das Kreuz an der Wand: Zeichen für eine gesellschaftliche und geschichtliche Prägung. © SMB/Schmid

Es hört sich zunächst ganz vernünftig an: Ein Richter aus Miesbach hat das Kruzifix im Gerichtssaal abhängen lassen, als er die Verhandlung gegen einen afghanischen Taliban-Sympathisanten leitete. Der soll einem zum Christentum übergetretenen Landsmann mit dem Tod gedroht haben. Der Richter wollte dem Angeklagten zeigen, dass die Justiz in diesem Land von der Religion unbeeinflusst ist und weltanschaulich neutral urteilt. Aber vielleicht liegt da schon der Irrtum.

Recht in Europa ist christlich geprägt

Unser Rechtswesen stützt sich ja ganz entscheidend auf ein christliches Menschenbild. Es hat die Würde jedes Menschen zu achten, sogar die eines Verbrechers. Es verzichtet auf den Rachegedanken. Es lehnt die Todesstrafe ab - als Ergebnis einer jahrhundertelangen Diskussion christlicher Philosophen und Theologen. Das Justizwesen ist unabhängig, daran hat das Christentum ebenfalls neben anderen Denkschulen mitgewirkt.

Das Abhängen des Kreuzes kann also bedeuten, an diesen Traditionen nicht unbedingt festhalten zu wollen, auch nicht an der Unabhängigkeit unserer Gerichte.
Das Kreuz ist ein Symbol - auch für die lange Entwicklung unserer Rechtskultur. Wer es aus öffentlichen Räumen verbannen will, signalisiert, dass er sich dieser Zusammenhänge nicht bewusst ist.

Wer Kreuze aus Gerichtssälen abhängt, kann so verstanden werden, dass die christliche Tradition unseres Rechtswesens verhandelbar ist. In dem Sinne, dass Richter darüber mit sich reden lassen, auf welchem Fundament das Rechtsverständnis dieser Gesellschaft ruht. Und das ist ein fatales Signal. Denn gerade junge und sich radikalisierende Muslime verachten Europa ja wegen der scheinbaren religiösen und politischen Beliebigkeit, der nichts heilig ist. Die Werte unseres Rechtswesens müssen es aber sein!

Zeichen gegen das Unrecht

Zudem erinnert das Kruzifix immer an einen Skandalprozess. Jesus von Nazaret war Opfer einer Justizintrige, in dem politisch-religiöse Eliten einen unbequemen Mahner beseitigten. Das Kreuz ist also immer auch ein Symbol gegen das Unrecht, das in diesem Land nicht herrschen soll. Das Kreuz drückt das Selbstverständnis dieser Gesellschaft aus, selbst wenn sich darin viele Menschen nicht mehr zur Kirche und zum Christentum bekennen wollen und schon gar nicht müssen.

Das hätte der Miesbacher Richter vor der Verhandlung erklären und das Kreuz hängen lassen sollen.

Und die weltanschauliche Neutralität? Ich glaube, sie ist so nicht zu haben. Denn jede Gesellschaft und ihr Rechtssystem beruhen auf vielen vorangegangen, auch weltanschaulichen Entscheidungen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie in unserem Staat gerade den Angeklagten vor Gericht zugute kommen. Deshalb gibt es keinen Grund, das Kreuz in öffentlichen Räumen abzuhängen. Gerade gegenüber gewaltbereiten Religions-Fanatikern müsste das ein Richter betonen.

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Kreuz als Symbol des Rechts

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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