Widerstand gegen Nationalsozialismus Das Kruzifix vom Scheiterhaufen

15.09.2018

Der Großvater von Franz Xaver Weiß hat 1939 ein Kreuz vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten gerettet. Seitdem gehört es zur Familie.

Franz Xaver Weiß hält das von seinem Großvater vor den Nazis gerettete Kruzifix bis heute in Ehren
Franz Xaver Weiß hält das von seinem Großvater vor den Nazis gerettete Kruzifix bis heute in Ehren © Bierl/SMB

Rottach-Egern – Der Scheiterhaufen, den die SS angezündet hat, lodert schon. Die Nazischergen schüren ihn fleißig mit Stühlen, Betschemeln und frommen Büchern. Ein junger SS-Mann wirft noch ein großes Kruzifix darauf. Das ist einem gerade anwesenden Schreinermeister zu viel: „Er hat dem Kerl eine Watsch’n gegeben und das Kreuz sofort heruntergeholt.“ So schildert es der Enkel dieses entschlossenen Mannes, der 55-jährige Franz Xaver Weiß aus Rottach-Egern (Dekanat Miesbach). Er zeigt auf die leichten Brandspuren, die bei genauem Hinsehen immer noch auf dem Holz zu erkennen sind. Richtig verkohlt ist es nicht, denn sein 1974 gestorbener Opa hat damals blitzschnell gehandelt. Dieses etwa 1,30 Meter große Kreuz hält Franz Xaver Weiß, der denselben Namen trägt wie sein Großvater und ebenfalls Schreinermeister geworden ist, in Ehren.
Zugetragen hat sich die Geschichte in München, Ende 1939, in einem „katholischen Stift, in dem junge Leute ausgebildet wurden“, erzählt Weiß. Um welches Haus es sich genau handelte, weiß er nicht. Aber sein Opa hatte dort immer wieder Aufträge und kannte das Kreuz, das im Speisesaal hing. Manchmal war er dort auch zum Essen eingeladen und hat davor das Tischgebet mitgesprochen. Kurz nach Kriegsbeginn verschärfte das nationalsozialistische Regime seine religionsfeindliche Politik, beschlagnahmte katholische Klöster und nahm Zwangsräumungen vor.

Mit der Kruzifix-Rettung beginnt ein Kreuzweg

Mit der Rettung des Kruzifixes beginnt für den Großvater von Franz Xaver Weiß ein schwerer Kreuzweg. Ein paar Tage nach dem Vorfall holt ihn mitten in der Nacht die Gestapo ab, als politisch aktiver Königstreuer ist er bei der Nazi-Behörde schon seit längerem aktenkundig. Aus einer Vorahnung heraus hat er das geborgene Kreuz gleich bei einem Freund versteckt, wo es den Krieg überdauert.
Der Großvater verschwindet aber für fünf Jahre, in denen seine Frau und seine Familie nicht erfahren, wo er geblieben ist. Bis 1942 sitzt er zunächst im Gefängnis Stadelheim ein. Nach der Familienüberlieferung ist dort Pater Rupert Mayer einige Wochen lang sein Zellengenosse. „Mein Großvater hat ihn als sehr angenehmen Zeitgenossen beschrieben, sehr still und in sich gekehrt, und der Pater hat ihn in seiner Gegnerschaft zu den Nazis bestärkt“, erzählt der Enkel. Einige Zeit danach interniert die Gestapo den Schreinermeister im Konzentrationslager Dachau und der kerngesunde Mann muss Ärzten für ihre medizinischen Versuche herhalten. Es waren „irgendwelche Injektionen in die Knie, was genau das war, hat er nie erfahren“.

Nie gegen seine Überzeugung gelebt

Nach dem Krieg muss der Großvater jedenfalls dauerhaft an Stöcken gehen. Als seine Frau über einen Suchdienst erfährt, dass er noch am Leben ist, aber nicht gehen kann, will sie mit einem Leiterwagen vom Tegernsee bis nach Dachau marschieren und ihn dann heimziehen. Ein amerikanischer Offizier erfährt von der Geschichte, lässt sie in einem Jeep in das befreite Konzentrationslager fahren und mit ihrem Mann wieder zurückbringen.
Als der Großvater eine neue Existenz und einen Schreinerbetrieb in Rottach-Egern aufbaut, bringt ihm der Freund das Kreuz, das alles ausgelöst hat. „Nein, er war nicht verbittert, im Gegenteil“, erinnert sich der Enkel. Er war zufrieden damit, „dass er nie gegen seine Überzeugung gelebt hat“. Das Kreuz hängt der mutige Mann im neugebauten Haus, in der kleinen Stube mit den selbst geschreinerten Möbeln, auf. Dort ist es bis heute.

„Geschäftspartnern und Besuchern fällt öfter auf, dass es für den kleinen Raum viel zu groß ist“, aber Franz Xaver Weiß denkt nicht daran, ihm einen anderen Platz zu geben oder es gar wegzuräumen. Bis heute versieht es die Familie in der Karwoche mit einem Palm- und zu Mariä Himmelfahrt mit einem Kräuterbuschen. Es ist auch „viel mehr“ als ein ehrwürdiges Dekorationsstück. Für Franz Xaver Weiß ist es Ausdruck für das, was seine Großeltern und Eltern ihm vorgelebt haben: „immer Gottvertrauen, ein offenes Haus und eine helfende Hand haben“. Das seien oft kleine Gesten gewesen, etwa wenn sein Opa im Rottacher Fußballverein dafür gesorgt hat, dass auch die damals sogenannten „Gastarbeiter“ mitspielen durften, das sei keinesfalls selbstverständlich gewesen.

Zwiesprache vor dem Kreuz

Der Enkel unterstützt mit seinem Stammtisch im Tegernseer Bräustüberl einen aus seiner Heimat geflohenen Ghanaer und dessen Familie. Daran ist auch das Kruzifix mit seiner Geschichte „schuld“. Franz Xaver Weiß hält immer wieder „Zwiesprache“ mit ihm und natürlich mit dem, den es verkörpert. Und bei „Unwirren geh’ ich mit ihm schon einmal in ein Kritikgespräch“. Als er zu Beginn dieses Jahres seine Frau verlor, hat er vor dem Kreuz „mit dem Herrgott auch richtig geschimpft“. Trotzdem nimmt er das Kruzifix zum Photografieren fast zärtlich von der Wand und macht es vorsichtig mit einem feuchten Tuch sauber. „Entschuldige bitte, aber du hast ja schon wesentlich mehr ausgehalten“, sagt er zu dem Kreuz und hält es dann mit festem Griff in die Kamera.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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