Social Media und Glaube "Das lässt sich nicht in Worte fassen"

11.12.2020

Social Media-Kanäle wie Instagram werden zwar immer wieder als Scheinwelten und Orte der Vermarktung kritisiert, aber es gibt dort auch junge Menschen, die authentisch über ihren Glauben posten. Wir haben drei christliche Blogger gefragt, welche Erfahrungen sie dabei machen.

Frau vor Laptop mit social icons zum Thema Glaube
"Das allerwichtigste bei Social Media ist: Die Kommunikation ist keine Einbahnstraße!" © stock.adobe.com/Rawpixel.com

mk online: Fühlst du dich einer Konfession beziehungsweise einer Glaubensgemeinschaft zugehörig?

Kira Beer: Ich definiere mich in erster Linie als christlich, bin aber katholisch getauft und fühle mich trotz vieler Wünsche nach Veränderungen in dieser Konfession sehr beheimatet.

Tobias Sauer: Ich bin römisch-katholisch sozialisiert und fühle mich eigentlich im Katholizismus ganz wohl. Aber, ich sag es immer wieder, es gibt Team Grundgesetz und Team Regierung. Ich glaube, das ist auch irgendwie meine Aufgabe als Theologe der aktuellen Form von Kirche den Spiegel vorzuhalten - genauer gesagt die eigenen Beschlüsse.
Ich mag die starke, reflektierte Theologie im Katholizismus. Zwar wird immer mal etwas einseitig interpretiert, aber wir können aus so einem Reichtum zwischen Benediktiner und Franziskaner, Mystik und Scholastik, Ultramontan und Ökumenebewegung schöpfen. Das ist ein enormer Schatz und sorgt natürlich auch für viele Spannungen. Das produktiv auszuhalten, ist nicht nur innerhalb der katholischen Kirche die Kunst.
In der Arbeit im Netzwerk und den einzelnen Projekten merke ich aber, dass die Konfession eine untergeordnete Rolle spielt. Ich würde behaupten: tendenziell leben wir in einem post-konfessionellen Zeitalter.

Lisa Burger: Ich bin katholisch und das mit Leib und Seele. In meiner Jugend hatte ich mit der katholischen Kirche eigentlich nichts mehr zu tun und sah wenig Sinn in den veralteten Ritualen und den vielen langweiligen Gottesdiensten. Das änderte sich mit meinem Auslandsjahr in Johannesburg (Südafrika) und dem BDKJ Rottenburg-Stuttgart. Der BDKJ hat mir gezeigt, dass katholisch sein nicht bedeutet sich in der Kirchenbank zu langweilen oder sich in der Kirche zu verstecken, sondern, dass es Menschen braucht, die raus gehen und ganz normal in der Welt mit anderen Menschen unterwegs sind, im Glauben und mit Gott.

Kira Beer

Kira Beer studiert Theologie in Tübingen. Auf Instagram bloggt sie privat und für die Diözese Rottenburg-Stuttgart über ihren Glauben.

Was bedeutet dir dein Glaube?

Beer: Mein Glaube ist über die Jahre zur wichtigsten Kraft – und Inspirationsquelle meines Lebens geworden. Spiritualität, sowohl für mich allein, als auch in Gemeinschaft, ist fester Bestandteil meines Alltags. Der Glaube an Gott trägt mich durch schwere Zeiten und lässt meine Freude in guten Zeiten noch intensiver werden.

Sauer: Glaube ist das Fundament. Die Beziehung zwischen mir und dem Transzendenten. Etwas das so persönlich ist, dass niemand das Recht besitzt, da rein zu reden. Und noch viel schlimmer: Niemand hat das Recht aufgrund mangelnder konfessioneller Bindung jemanden den Glauben abzusprechen. Mein Glaube ist das, was mich immer wieder zu mir zurückführt, weil es mich nach dem suchen lässt, wonach ich im Innersten sehne. Gott trägt mich.

Burger: Das lässt sich nicht in Worte fassen.

Tobias Sauer

Tobias Sauer ist katholischer Theologe und lebt in Trier. Er arbeitet als strategischer Kommunikationsberater mit Schwerpunkt Glaubenskommunikation. Dabei hat er das christlich-ökumenische Contentnetzwerk "ruach.jetzt" initiiert.

Wie versuchst du deinen Glauben im Heute zu leben?

Beer: Mir sind zum einen klassische Elemente des Glaubenslebens wichtig, das heißt ich gehe gern regelmäßig in den Gottesdienst und bete täglich. Zum anderen habe ich privat sehr progressive Haltungen zu den Themen, in denen die Kirche noch konservativ und traditionell ist. Diese Spannung ist sehr herausfordernd und daher ist es für mich umso wichtiger, sowohl im Privaten als auch öffentlich auf Social Media über meine Gedanken zu bestimmten Themen zu sprechen.

Sauer: Ich habe gelernt, dass es nicht darauf ankommt, wie viel man beim Thema Glaube erzählen, sondern wie gut man jemandem dabei zuhören kann. Das ist für mich Quelle geworden: Davon auszugehen, dass jemand anderes mir mehr über Gott erzählen kann, als ich bereits weiß. Es ist super spannend und schön zu hören, wie Gott auch heute noch bei den Menschen ist und wirkt.

Burger: Glaube muss für mich vor allem erst einmal gelebt werden. Von mir selbst. Dazu muss ich mich selbst lieben und auch Dinge für mich selbst tun. Dazu gehört auch ab und an die Ruhe und Stille zu suchen, was ich vorzugsweise auf dem Rücken meines Ponys in der Natur mache. So ist jeder Mensch unterschiedlich und kommt anders zu Gott. Im normalen Leben finde ich Gott aber in meinen Mitmenschen. In meiner täglichen Arbeit, in meiner Kreativität und meinem Ideenreichtum. Glaube lässt sich einfach nicht in eine Gebetsecke und Kirche stecken, sondern soll im eigenen täglichen Leben gelebt werden.

Lisa Burger

Lisa Burger arbeitet als Pastoralassistentin im dritten Jahr in der Seelsorgeeinheit Balingen (Diözese Rottenburg-Stuttgart). Neben ihrer Arbeit kümmert sie sich um ihren Instagram-Kanal „Unterwegsimauftragdesherrn“ und berichtet dort über ihr Leben.

Welche Erfahrungen hast du diesbezüglich auf Instagram/Social Media gemacht?

Beer: Ich erfahre, dass Menschen oft überrascht und dankbar sind, wenn sie bei mir sehen, dass man mit dem christlichen Gott leben kann und trotzdem nicht homophob, frauenfeindlich oder ähnliches ist. Außerdem genieße ich es wahnsinnig, mit wie vielen verschiedenen Menschen aus Deutschland und der Welt, die ich sonst nie kennengelernt hätte, ich so über den Glauben in Kontakt komme.

Sauer: Social Media bringt Verbindungen zwischen Menschen, die sich vorher noch nicht kannten. Das ist wahnsinnig bereichernd so viele verschiedene Inputs aus den unterschiedlichsten Bereichen zu bekommen. Das allerwichtigste bei Social Media ist: Die Kommunikation ist keine Einbahnstraße! Erst wenn ich zuhören möchte, wollen mir Leute auch was erzählen. Und erst wenn sie etwas erzählt haben, warten sie auf eine Antwort.

Burger: Puuh. Instagram ist eine Plattform, auf der es viel um den schönen Schein geht. Was Menschen da für ein perfektes (Glaubens-) Leben suggerieren. Mich gruselt es da manchmal. Deswegen ist es mir ein Anliegen, das Leben so zu zeigen, wie es nun mal ist. Mit Tränen in den Augen, Augenringen des Todes, Müdigkeit, aber auch die schönen Tage mit Schmetterlingen im Bauch und purer Energie und Lebenslust. Es ist einfach alles dabei. Und mein Glaube lässt sich eh nicht in eine Schublade packen. Social Media sollte einfach auch den Blick über den Tellerrand der traditionellen Kirchen ermöglichen und das tut es in vielerlei Hinsicht.

Ist "die Kirche" für dich ein Zukunftsmodell? Was gilt es zu verbessern, um jüngere Leute für den Glauben zu begeistern?

Beer: Ich persönlich halte die Kirche, im Sinne einer Gemeinschaft, in der man gemeinsam Gott sucht und feiert, für absolut essentiell. Das Bedürfnis nach Spiritualität und Transzendenz haben auch heute noch die meisten Menschen. Um (wieder) vor allem für junge Menschen relevant zu sein, müsste Kirche es schaffen, sich tatsächlich deren Lebenswelt anzunähern. Ich glaube nicht, dass sich eine Kirche langfristig in dieser Größe halten kann, wenn sie beispielsweise Personengruppen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung ausschließt. Erst, wenn wir diese Mauern überwinden, so schätze ich, können wir ein Ort sein, zu dem sich alle Suchenden, Trauernden, Feiernden hingezogen fühlen.

Sauer: Kirche darf gerne von ihrer Kanzel absteigen. Wir haben einen ungeheuren großen Schatz an Menschheitserfahrungen und Gottesbildern. Als älteste Institution der Welt gibt es viel, wovon wir erzählen könnten. Doch all das bringt uns nichts, wenn wir es nicht schaffen, uns von Gott überraschen zu lassen. Wir denken gerne, dass alles schon gesagt ist, aber bis zum Ende aller Tage gibt es noch viel zu erzählen. Es fühlt sich so an, aber wir wissen längst nicht alles. Kirche tut gut daran, dienende und hörende Kirche zu sein.

Burger: Die katholische Kirche hat Potential, aber schöpft dieses nicht aus. Es wird an alten Relikten festgehalten, Menschen oftmals ausgeschlossen, Kreativität nicht gefördert. Das empfinde ich oft als sehr traurig. Ich würde mich freuen, mehr junge Gesichter in Leitungsfunktionen zu sehen. Denn der Blickwinkel von Männern über 60 ist zwar erfahrungsreich und sicherlich weise, aber mit Visionen und neuen Ideen lässt es sich da oft schwer arbeiten. So stehe ich auch dafür ein, dass Kirche kein reiner Ort für die Generation "60plus" ist, sondern jung und frisch sein darf.
Ich wünsche meiner katholischen Kirche mehr Mut zur Veränderung! Den Mut, Dinge einfach mal zuzulassen, auch wenn sie vielleicht scheitern! Wer nicht probiert, der nicht gewinnt! Am sehnlichsten wünsche ich mir ein Zentrum der Jugend und jungen Erwachsenen, in dem Freiheit der Ideen und ein gutes und offenes Arbeitsklima herrschen. Wo wir Freidenker, die sich aktuell auf Instagram finden, einen Ort der realen Präsenz bekommen!

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de


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