Papst emeritus "Das Leben Joseph Ratzingers ist eine deutsche Jahrhundertbiografie"

20.05.2020

Peter Seewald veröffentlichte vor Kurzem sein neues Buch über Benedikt XVI. Im Interview spricht er vom Papst der Zeitenwende, seine Begegnungen mit ihm und dessen Reaktion auf die Biografie.

Peter Seewald signiert Bücher
Fünf Jahre arbeitete Peter Seewald an der Biografie über Joseph Ratzinger und traf ihn dafür viele Male persönlich. © Kiderle

mk online: Herr Seewald, Ihr Mammutwerk ist soeben erschienen. Das ist doch ein besonderer Moment?! 

Peter Seewald: Das kann man wohl sagen. Wenn man mehr als fünf Jahre lang an so einem Projekt arbeitet und manchmal glaubt, man schafft es nicht, sehnt man diesen Tag herbei wie eine Erlösung. Dass das Buch dann auch noch nach nur einer Woche mit Platz 4 in die Spiegel-Bestsellerliste einstieg, machte den Moment perfekt. 

Welche neuen Erkenntnisse fördert Ihre Biographie zutage? 

Seewald: Das Leben Joseph Ratzingers ist eine deutsche Jahrhundertbiografie. Es gibt keine zweite, die ihr ähneln würde. Ein Bub aus einfachen Verhältnisse, aus einem kleinen Dorf in der bayerischen Provinz, wird Papst, der erste aus dem Land der Reformation nach fünfhundert Jahren wieder, das war ein Weltereignis. Man hat dabei immer gedacht, Ratzingers Aufstieg sei ein glatter Durchmarsch gewesen, eine Karriere ohne Brüche. Doch es gab darin unzählige Auf und Abs, einen tiefen Fall – und dann eine Wiedergeburt, fast wie der Phönix aus der Asche.

Das lag nicht zuletzt daran, dass Ratzinger als Mahner und Vordenker immer auch unbequem war, sich quergestellt hat. Vieles an dem öffentlich gepflegten Bild von ihm ist dabei allerdings nur Klischee, und häufig sogar ein Zerrbild. Eine reine Legende ist zum Beispiel die Mär von seinem „Trauma“ während der Studentenrevolte in Tübingen. Oder die Geschichte von seiner Wende vom progressiven Theologen zum reaktionären Bremser.

Ratzinger ist nicht ohne Fehler. Er hat auch als Pontifex nicht alles richtig gemacht. Aber er hat auch nicht alles falsch gemacht. Es kommt nicht von ungefähr, dass er weltweit als einer der großen Denker unserer Zeit gilt. Manche sprechen von ihm bereits als den Kirchenlehrer der Moderne. Die Biografie über ihn ist mit ihren zeitgeschichtlichen Hintergründen nicht nur eine spirituelle und historische Reise durch ein aufregendes, dramatisches Jahrhundert, sie zeigt auch die Lehren aus all den Jahrzehnten, die brandaktuell sind und Antwort geben gerade auch auf die Glaubens- und Kirchenkrise der Gegenwart. 

Zu welcher Conclusio gelangen Sie in Ihrer Biographie: Ist Benedikt Revolutionär oder ewig Gestriger? 

Seewald: Ich denke, politische Kategorien wie links und rechts greifen in der Welt von Kirche und Religion nicht recht. Ist es Reform, wenn man den Katholizismus an den Zeitgeist anpasst, aber ihn gleichzeitig seiner Wurzeln beraubt? Oder ist es Reform, wenn man die Wurzeln schützt und zu ihnen zurückführt?

Ratzinger ist ein Mensch, der radikal denkt und radikal glaubt, aber er hat immer versucht, austariert, mittig zu sein, und weder eine Schlagseite zur rechten noch zur linken Seite zu bekommen. Ratzinger und seine Mitstreiter, wie beispielsweise Henri de Lubac oder auch Hans Urs von Balthasar, begriffen sich als progressive Theologen. Allerdings wurde damals der Begriff noch ganz anders verstanden. Reform war, wieder zum Kern des Glaubens zu führen, nicht zu seiner Entkernung. Die Suche nach dem Zeitgemäßen, so Ratzingers stete Mahnung, dürfe nie zu einer Preisgabe des Gültigen führen. Er wollte, wie man so sagt, nie die Asche hüten, sondern das Feuer. Ohne seinen Beitrag hätte es den Modernisierungsschub des Konzils nie gegeben. Er hat allerdings auch früh vor dessen Missbrauch und Umdeutung gewarnt.  

Dass Ratzinger immer auch bereit war, mutig Dinge zu tun, die vor ihm noch niemand getan hat, wurde nicht zuletzt durch den Akt seines Amtsverzichtes unter Beweis gestellt. Er hat damit ein Tabu gebrochen und das Papsttum mit dem Verweis auf frische Kräfte, die es immer wieder braucht, modernisiert wie es noch keiner vor ihm getan hat. Wer die Kirchengeschichte kennt, weiß, dass die wahren Reformer immer jene waren, die nicht zerstreuten, sondern sammelten.  

Sie sprechen davon, dass Benedikt ein Papst der Zeitenwende sei. Inwiefern? 

Seewald: Ratzinger vereint in sich die Erfahrungen eines ganzen Jahrhunderts wie das auf kaum eine andere Person zutrifft. Zum einen durch persönliches Erleben, etwa auch des Terrors eines atheistischen Systems wie das der Nazis, zum zweiten als Erfahrungsschatz, den er analytisch durchwirkt hat. Zum dritten stand er fünf Jahrzehnte lang als Verantwortlicher an der vordersten Front der katholischen Kirche, ein Vierteljahrhundert davon an der Seite des „Jahrhundertpapstes“ Johannes Paul II.  

Ratzinger hat nicht nur Kirchengeschichte geschrieben, sondern die gesellschaftliche Debatte geprägt. Ich erinnere nur an wichtige Bücher wie „Werte in Zeiten des Umbruchs“ oder an seinen legendären philosophischen Disput mit Jürgen Habermas. Er kennt die alte, längst versunkene Welt, und er kennt die neue, die zunehmend säkularisierte Gesellschaft und die damit verbundenen Herausforderungen gerade für den Katholizismus und seine scheinbar nicht mehr in die Zeit passenden Grundsätze. Er hat gezeigt, dass Religion und Vernunft keine Gegensätze sind, dass gerade auch die Vernunft der Garant dafür ist, die Religion vor dem Abgleiten in irre Fantasien und Fanatismus zu schützen. Mit seiner Wahl wurde er der erste Pontifex des neuen Jahrtausends, aber auch der letzte, der das Papsttum so repräsentierte, wie man es gekannt hatte. Nach ihm ist vieles anders geworden.  

Was halten Sie Kritikern Benedikts entgegen, die sagen, sein Pontifikat sei gescheitert? 

Seewald: Denen rate ich: Lasst endlich einmal eure Scheuklappen, eure vorgeformten, standardisierten Bilder beiseite und gönnt euch einen freien, vorurteilsfreien Blick auf die Arbeit dieses Papstes. Ratzinger ist nicht über jede Kritik erhaben. Er hat auch Fehler gemacht und geht im Übrigen ja auch äußerst selbstkritisch mit seinem Wirken um. Man muss zunächst sagen, dass sein Werk, im Gegensatz zu fast allen seinen Vorgängern auf dem Stuhl Petri, schon vor seinem Pontifikat groß und bedeutend war. Und auch die Leistung in seiner Amtszeit kann sich sehen lassen. Alleine nach einem „Jahrhundertpapst“ wie Johannes Paul II. einen Übergang ohne jeden Bruch geschafft zu haben, hatte niemand für möglich gehalten.  

Benedikt XVI. ging von einem sehr kurzen Pontifikat aus, und er hatte den Schwerpunkt nicht auf die Veränderung von Strukturen, sondern auf die Erneuerung des Glaubens selbst gesetzt. Keiner seiner Vorgänger hatte es beispielsweise gewagt, sich an eine Christologie zu machen, wie Benedikt XVI. sie mit seiner Jesus-Trilogie vorgelegt hat. Seine Bescheidenheit, seine Demut, sein hoher Geist, die Redlichkeit der Analyse und die Tiefe und Schönheit seiner Rede, die Freude in der Liturgie etcetera haben Millionen von Menschen begeistert, auch solche, die Kirche und Glauben zuvor distanziert gegenüberstanden. Nicht von ungefähr sprach man von einem „Benedetto“-Fieber, das viele Jahre anhielt. Bis zu den ersten sogenannten „Skandalen“ wie der Williamson-Affäre, die im Grunde auf Fake-News beruhte und sich, wie ich in meinem Buch belege, als gezielte Desinformationskampagne erwies.  

Und für was hat man nicht alles den Papst aus Bayern verantwortlich gemacht. Er ist ja gewissermaßen an der ganzen Krise der Kirche schuld, wenn man seinen Kritikern glauben dürfte, vor allem an den weltweiten Missbrauchsskandalen. Heute sieht man: Die Probleme sind auch unter Franziskus nicht wie weggeblasen. Der Unterschied ist: Die Austrittszahlen aus der katholischen Kirche gingen im Westen dramatisch weiter nach oben, die Beteiligung an den Gottesdiensten weiter nach unten. 

Sie haben Benedikts Leben und Wirken viele, viele Jahre lang begleitet. Wie hat er sich verändert und wie hat sich Ihr Verhältnis zu ihm verändert? 

Seewald: Kleider machen Leute, sagt man, und natürlich hatte Ratzinger als Papst einen anderen Nimbus. Aber an seinem Wesen, auch an seinem Auftritt gegenüber anderen, hatte sich nie etwas geändert. „Bleiben wir doch normal“, meinte er zu einem ehemaligen Studenten, der ihn mit Handkuss begrüßen wollten. Und einem Freund aus frühen Tagen, der ihn mit „Heiliger Vater“ ansprechen wollte, schrieb er: „Lieber Franz, zwischen uns bleibt alles wie immer. Sehr viel ist mir von meinem bisherigen Leben genommen worden, umso dringender brauche ich die gleichbleibende Freundschaft der alten Weggefährten und Freunde. So bitte ich Dich, dass wir beim Du bleiben.“ Ich selbst war mit dem Kardinal und mit dem Papst natürlich nie beim Du. Ich bin lediglich ein schriftstellerischer Begleiter, der immer auch auf die notwendige journalistische Distanz geachtet hat. Und so hat sich auch das Verhältnis, das auf Offenheit und Vertrauen basiert, nie geändert.  

Wie oft haben Sie sich mit Benedikt für diese Biographie getroffen – und über welchen Zeitraum? 

Seewald: Ich habe nicht mitgezählt, aber es waren sehr, sehr viele Treffen nötig, um auch die Details in diesem Jahrhundertleben nachzufragen. Ich begann mit meinen Recherchen, als Benedikt noch im Amt war, das war im Laufe des Jahres 2012. Das ging dann bis in das Jahr 2019 hinein, als mir der frühere Papst dann als Papa emeritus Rede und Antwort stand. 

Wie liefen diese Begegnungen ab? 

Seewald: Sehr konzentriert, würde ich sagen. Was ich im Nachhinein sehr bedauere ist, dass es fast nie zu einer persönlichen Plauderei gekommen ist. Natürlich hatten wir zwischendurch auch viel gelacht. Aber ich hatte immer eine lange Liste von Fragen im Gepäck und war froh, wenn am Ende des Treffens zumindest der Großteil davon beantwortet war, so dass ich beim nächsten Termin mit einem neuen Kapitel weitermachen konnte. Es begann also mit einem kurzen „Wie geht’s“, dann ging es schon zur Sache. Und ob wir nun im Apostolischen Palast saßen, in der Sommerresidenz Castel Gandolfo oder zuletzt in seinem Klösterl in den Vatikanischen Gärten: Wenn die vereinbarte Zeit um war, war Schluss, ganz unbarmherzig. Dann wartete entweder eine andere Aufgabe – oder das Mittagessen. 

Wann war Ihr letztes Treffen? 

Seewald: Das war im September letzten Jahres. Allerdings kam ich diesmal ganz ohne Fragen zu Besuch. Papst Benedikt hatte mir wirklich all die Jahre über auf alles mögliche Antwort gegeben und ich wollte seine Geduld nicht noch länger strapazieren. Irgendwann ist es genug. Zudem tat er sich bereits sehr schwer, sich verständlich zu machen. Sein Kopf war hellwach, seine Korrespondent ist nach wie vor sehr geschliffen, aber seine Stimme war bereits so schwach, dass man sie kaum noch verstehen konnte, auch wenn er sich stark anstrengte.  

Benedikt hat Ihre Biographie zu seinem 93. Geburtstag im April aus den Händen von Erzbischof Gänswein erhalten. Haben Sie schon eine Reaktion vom Papa emeritus erhalten? 

Seewald: Er hat sich noch am selben Tag mit einem kurzen Schreiben persönlich bedank und seine Freude über das Buch ausgedrückt. Aber ich glaube, am meisten freute er sich darüber, wie er mir einmal sagte, dass nun diese schwere Last von meinen Schultern genommen ist. Irgendwie hat er wohl immer mit mir mitgelitten.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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