Megatrend Gesundheit Das rechte Maß für ein gesundes Leben

20.07.2021

Die Deutschen müssen über ihr Verhältnis zur Gesundheit nachdenken, fordert der Arzt Manfred Lütz. Die Pandemie spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Plädiert für einen gelassenen Umgang mit der eigenen Gesundheit: Manfred Lütz © SMB

Manfred Lütz hat vor 20 Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel „Lebenslust: Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult“. Darin wirft er einen kabarettistischen Blick auf das aus seiner Sicht übertriebene Gesundheitsbewußtsein vieler Menschen. Ob Corona diesen Trend zur Gesundheitsreligion weiter verstärkt hat, erzählt der Arzt und Theologe im Interview.

mk online: Seit Ausbruch der Pandemie geht es gefühlt nur noch darum, wie wir uns vor dem Virus schützen können, also wie wir gesund bleiben. Waren die Maßnahmen der Politik aus Ihrer Sicht angemessen?

Manfred Lütz: Ich finde, die Politik hat das weitgehend richtig gemacht. Ich finde diese Corona Leugner völlig absurd. Die Vorsichtsmaßnahmen gegen Corona haben mit Gesundheitsreligion gar nichts zu tun. Wenn man das nicht macht, wäre es unterlassene Hilfeleistung. Ich glaube, dass das jetzt nicht der Zeitpunkt ist zu sagen, das alles mit der Gesundheit ist übertrieben. Nein, ich glaube, dass das alles im Großen und Ganzen verantwortungsvoll war.

mk online: Jenseits des Umgangs mit dem Coronavirus kritisieren Sie es aber, wenn die Leute fit und gesund sein wollen. Was ist denn Ihrer Meinung nach falsch daran?

Lütz: Das Buch „Lebenslust“ hatte damals das Motto von Platon: „Die ständige Sorge um die Gesundheit ist auch eine Krankheit“. Also wenn man dauernd alles unter Gesundheitsgesichtspunkten sieht, das Essen, das Sich Bewegen, dass man von morgens bis abends mehr Zeit verbringt mit Fitnessstudio-Besuchen und Gesundheitslektüre als ein durchschnittlicher Benediktiner mit den Tagesgebeten, dann ist das einfach übertrieben. Und darüber mache ich mich dann auch lustig.

mk online: Dass Menschen nur noch an ihre Gesundheit denken, liegt Ihrer Meinung auch daran, dass immer weniger Leute ein christliches Leben führen und dann versuchen, auf andere Weise in den Himmel zu kommen. Was hat sich da aus Ihrer Sicht verändert?

Lütz: Ich glaube schon, dass alle Menschen die tiefe Überzeugung haben, dass es ein ewiges Leben gibt. Auch der Atheist, der am Grab eines guten Freundes steht, schafft es nicht zu denken, das ist jetzt nur noch ein Objekt für Würmer, das ist jetzt nur noch Chemie, was da liegt, sondern dass dieser Mensch weiterexistiert und nicht nur in seiner Erinnerung. Dass es etwas gibt über den Tod hinaus ist eine Ahnung, die die Menschen zu allen Zeiten gehabt haben. Und ich glaube, dass die Sehnsucht nach ewigem Leben heute genauso stark ist wie im Mittelalter, aber dass die Menschen versuchen, das ewige Leben nicht mehr mit religiösen Mitteln zu erreichen, durch gute Werke oder Beten, sondern durch gute Gesundheitswerke. Also dass man durch die Wälder rennt oder gesund isst. Ich habe es bei Patienten erlebt, denen ich tragischerweise eine Krebsdiagnose stellen musste, die dann völlig fassungslos waren und sagten: „Herr Doktor, das kann gar nicht sein, Sie müssen das Bild verwechselt haben, ich habe immer gesund gelebt, warum habe ich denn das alles gemacht?“ Die Vorstellung, durch gute Gesundheitswerke sich das ewige Leben zu erwerben, das ist, glaube ich, unbewusst eine Motivation dieser Gesundheitsübertreibungen, die wir beobachten.

mk online: Und wie ist das nun mit dem „Bäuchlein“, das sich einige im Homeoffice zugelegt haben? Ist das in Ordnung, und ich muss es doch nicht so ernst nehmen?

Lütz: Übergewicht kann schon ein Risikofaktor sein. Und wenn ich jetzt hier sage, dass Ihr Übergewicht nicht schlimm ist, dann wäre das unseriös. Die Statistik sagt, wenn Sie sich einen Bauch zulegen, dass dann das Risiko früher zu sterben höher ist. Und wenn Sie das nicht wollen, ist es gut zu schauen, dass Sie wieder auf Ihr Normalgewicht kommen. Wenn es eben nicht verbissen gemacht wird, sondern mit einer gewissen Gelassenheit. Es gibt ja inzwischen die Orthorexie. Davon sind Menschen betroffen, die nur noch an gesundes Essen denken. Das wird inzwischen als psychische Störung bewertet, weil dieses Verhalten sie daran hindert, ein normales Leben zu führen. Alles in Maßen, das wäre eigentlich das Motto für ein gesundes Leben.

Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de


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