Das Eltern-Kind-Programm der Erzdiözese Das Spielzeug loslassen

11.09.2013

Die Kinder und Eltern kennen sich gut: Einmal die Woche treffen sie sich beim Eltern-Kind-Programm des Katholischen Bildungswerks in Bad Tölz, um gemeinsam zu singen, zu spielen und zu wachsen. Soziales Lernen und christliche Werte kommen dabei nicht zu kurz.

Einmal in der Woche treffen sich die Mütter mit ihren Kindern zur Gruppenstunde. (Bild: Krauß)

Bad Tölz - Nein, das Feuerwehrauto gibt Ferdinand nicht aus der Hand. Auch der Kasperl bekommt es nicht, der heute alle roten Dinge einsammeln will. Erst als der Kasperl sagt, dass Ferdi sein Auto gerne selbst hinlegen darf, setzt der kleine Bub das kostbare Mitbringsel vorsichtig auf das rote Tuch in der Kreismitte – aber ganz an den Rand!

Heute Morgen wäre er fast zu spät gekommen in die Gruppenstunde des Eltern-Kind-Programms (EKP) in Bad Tölz. Alle saßen schon auf den Matten im Kreis und sangen gemeinsam „Guten Morgen, guten Morgen, wir winken Dir zu“ – und genau in dem Moment ist Ferdi mit seiner Mutter hereingekommen, und alle haben fröhlich gelacht und gewunken. Da haben sie sich schnell dazugesetzt, und dann hat der Kasperl gefragt, ob alle etwas Rotes angezogen haben und etwas Rotes mitgebracht haben. Wie gut, dass auf Ferdis grauem T-Shirt ein rotes Auto zu sehen ist und er sein geliebtes Feuerwehrauto aus der Hosentasche ziehen konnte!

Die anderen Kinder und Mütter kennt Ferdi gut, schon seit über einem Jahr. Jeden Donnerstagmorgen treffen sie sich im Keller des Gemeindehauses, gleich neben der Pfarrkirche „Heilige Familie“. Wenn alle da sind, sind sie acht Mamas und neun Kinder – aber meistens ist jemand krank oder verreist. Jeder hat seinen Platz mit der Mama im Rücken, doch Luisa mit ihren zwei Jahren traut sich schon, neben der Mama zu sitzen und die große Puppe Lotta festzuhalten. Lotta gehört eigentlich Regina. Die kann alle Lieder und Reime, die sie hier singen. Die Großen nennen sie manchmal „Frau Kuhnhäuser“, aber in der Gruppe sagen alle Du zueinander und berichten heute, was aus der Sonnenblume geworden ist, die jedes Kind vor zwei Wochen als kleinen Kern eingepflanzt hat.

Das Spiel mit der Maus, die ins Haus schlüpft, mögen alle Kinder gern. Aber es ist ganz schön schwer, das kleine Mäuschen ins Häuschen schlüpfen zu lassen und gleichzeitig noch den Reim aufzusagen – das kann Ferdi viel besser, wenn er zuschaut, wie Tobi die Maus versteckt. Und immer müssen alle warten, bis sie an der Reihe sind, damit es kein Durcheinander gibt. Luisa ist dann die Erste, die sich traut, ein rotes Papier-Schnipselchen auf das große weiße Papier zu kleben. Das soll ein Regenbogen werden, weil der Kasperl alle Farben mit den Kindern anschauen wird. Aber weil heute schon so viel los war, machen alle jetzt erst mal Brotzeit.

Auch die Mamas sind froh, dass es im Nebenraum gleich nach dem fröhlichen Tischgebet einen Kaffee gibt, denn sie müssen sich viel erzählen. Zum Beispiel, dass Felix zurzeit zu allem „Nein“ sagt, auch zum Schlafengehen. Dabei ist er fast drei Jahre alt und geht schon an zwei Tagen in der Woche in die Kinderkrippe. Die Mama hat dann mehr Zeit für den kleinen Michel, der gerade laufen lernt. Und außerdem haben sie ja bald noch ein Geschwisterchen … Jedenfalls kommt Felix in der Krippe gut zurecht mit den anderen Kindern, weil er hier in der Gruppe schon so viel gelernt hat. Davon sind alle Mamas überzeugt, dass es gut ist, wenn ihre Kinder schon früh mit dem Lernen beginnen. Zum Beispiel in einem Sack zu ertasten, was darin versteckt ist. Oder sich die ganzen Lieder zu merken und dazu Hände und Füße im Rhythmus zu bewegen.

Besonders schön ist es, dass in der Gruppenstunde kein Telefon klingelt und keine Waschmaschine wartet. Alle haben Zeit füreinander, zum Spielen und zum Toben. Vor allem nach der Brotzeit geht es wild zu: Da wird die Rutsche aufgebaut, von der Felix schon mutig in einem Satz herunterspringt. Antonia sitzt gern auf der Matte und lässt sich von der Mama durch den ganzen Raum ziehen. Tobi dagegen läuft lieber auf den Bänken – natürlich noch an der Hand der Mama, und wo die Bänke eine Lücke haben, da lässt sie ihn fliegen!

Regina, also die Leiterin der Gruppe, hat mittlerweile große weiße Papierbögen ausgelegt. Und weil heute der Kasperl immer von der Farbe Rot erzählt, dürfen alle einen dicken Pinsel in die Hand nehmen und ein ganzes Blatt knallrot anmalen. Antonias Papier ist schon überall rot, da entdeckt sie, dass man auch die Hände anmalen kann. Prompt bekommt sie noch ein Blatt und darf ihre Finger darauf drücken. Da sind dann zwei rote Hände auf dem weißen Papier zu sehen – das sieht wunderschön aus, findet auch die Mama.

Regina hat viele Ideen, was man an einem Vormittag machen kann. Sie hat das Spielen mit Kindern richtig gelernt: Zuerst hat sie als Erzieherin gearbeitet, dann ging sie mit ihren eigenen Kindern in eine Spiel-Gruppe, und als die Kinder größer waren, hat sie noch eine Ausbildung beim Katholischen Bildungswerk gemacht. Die Mütter, die zu ihr kommen, haben meistens von Mund zu Mund davon erfahren.

Auf den Dörfern, so weiß Regina, gehen fast alle jungen Mütter in eine solche Spielgruppe des EKP – da gehört das einfach dazu. Denn junge Mütter, die nur allein zu Hause sitzen, werden kribbelig, so erzählt Regina, aber in der Gruppe gewinnen auch die, die neu zugezogen sind, Freundinnen. Leider finden Mütter, die Hilfe bräuchten, nicht immer den Weg in die Gruppe, weil sie Angst haben, dass sich dort nur die „Supermütter“ treffen – oder weil es für sie schwierig ist, ein Jahr lang jeden Donnerstag zu kommen. Aber gerade in Erziehungsfragen kann Regina ihr Wissen weitergeben und sie begleiten. Und auch die Mütter geben sich gerne gegenseitig Tipps. Manche fahren sogar zusammen in Urlaub, und alle zwei Monate, so erzählt die Mutter von Ferdi, gehen die Mamas zum Stammtisch – und zwar ohne Papas und ohne Kinder. Nach dem Malen hat Ferdi übrigens sein Feuerwehrauto wieder eingepackt. Er hätte es fast vergessen – aber der Kasperl hat es ihm wieder zugesteckt. (Annette Krauß/Münchner Kirchenzeitung)

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