Einzigartiges Dokument Das steht in den Tagebüchern von Kardinal Faulhaber

26.08.2021

Auf 4.000 Seiten hat der umstrittene Münchner Kardinal Michaels Faulhaber fast jeden Tag seines Bischofslebens in Kurzschrift festgehalten. Damit befasst sich die neue Folge des Geschichtspodcasts "12 Momente aus 200 Jahren".

Kardinal Faulhaber
Kardinal Faulhaber schrieb regelmäßig Tagebuch. © Erzbischöfliches Archiv München

München – Auf den Computerbildschirmen des Historikers Julius Kiendl und des Theologen Philipp Gahn sind viele Schrägstriche und Kringel zu sehen, manche Striche sind dicker, manche dünner gezogen. So sehen die digitalisierten Tagebücher von Kardinal Michael Faulhaber (1869 bis 1952) aus. Er hat sie in Gabelsbergerscher Stenografie verfasst. Eine Kurzschrift, die sich die beiden Mitarbeiter der Faulhaber-Edition angeeignet haben. Etwa ein halbes Jahr und viel Fleiß brauchte es, bis die beiden Wissenschaftler die Aufzeichnungen flüssig lesen konnten, die sie nun ins Internet übertragen. Unklare Stellen werden mit Kollegen besprochen und oft auch die originalen Hefte herangezogen, die im Archiv des Erzbistums und Freising liegen. „Denn manchmal ist im Digitalisat ein Bleistiftstrich oder Rotstrich nicht so eindeutig zu lesen wie in der ursprünglichen Handschrift“, erklärt Julius Kiendl.

Faulhaber förderte Frauen

Im Internet sind die übertragenen Aufzeichnungen durch eine Lesefassung mit aufgelösten Abkürzungen und kurzen Biografien der genannten Personen ergänzt, soweit sie fassbar sind. Denn insgesamt erwähnt Faulhaber in den jetzt gut zur Hälfte erfassten Tagebücher rund 11.000 Namen. Daraus lässt sich sogar ein theologisches Profil des Kardinals erschließen. Philipp Gahn hebt besonders die vielen caritativ engagierten Frauen hervor, die Faulhaber empfing „und deren Arbeit er entschieden förderte“. Ein prominentes Beispiel dafür sei die Frauenbund-Gründerin Ellen Ammann. Faulhaber ermutigte sie und ihre Mitarbeiterinnen sich Diakoninnen zu nennen, „auch wenn er ihnen keine Weihe im Sinne des Kirchenrechts gegeben hat“, so Gahn.

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG geförderte und auf zwölf Jahre angelegte Publikation der Tagebücher ist aber nicht allein für die Kirchengeschichte von Interesse. „Die Faulhaber-Tagebücher sind eine einzigartige historische Quelle“, erklärt Peer Oliver Volkmann. Der Wissenschaftler vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin koordiniert das Langzeitprojekt, an dem auch das Erzbistum München und Freising und die Universität Münster beteiligt sind. Faulhabers enge Verbindung zu Papst Pius XII. und seine vielen Begegnungen und Verhandlungen machten ihn „in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Persönlichkeiten des Katholizismus in Deutschland“. Dass der Kirchenmann antijüdische Klischees seiner Zeit teilte, tritt in den Tagebüchern ebenso hervor. Andererseits habe er sich für konvertierte Juden eingesetzt, erklärt die Historikerin Franziska Nicolay-Fischbach, „deren Verfolgung er überhaupt nicht nachvollziehen konnte“. Das mache deutlich, „dass er überhaupt nicht versteht,  wie dieser nationalsozialistische Antisemitismus funktioniert“, nämlich als bedingungslose Vernichtungsideologie.

Vielschichtige Persönlichkeit

In seinen Tagebüchern erscheint der Kardinal immer wieder als widersprüchliche und umstrittene Person. „So haben ihn Deutschnationale und NS-Ideologen als Pazifisten angegriffen, weil er den Katholischen Friedensbund unterstützte“, erläutert Zeithistoriker Volkmann. Die Linke sah ihn dagegen als Kriegstreiber, weil er militärische Gewalt nicht ausschloss. Für die immer wieder diskutierten Umbenennungen von nach Kardinal Faulhaber benannten Straßen bietet das Tagebuch also keine eindeutigen Argumente. Der Historiker Volkmann hält es aber grundsätzlich für „höchst problematisch, wenn man Maßstäbe von heute auf die Vergangenheit zurückprojiziert und Persönlichkeiten danach misst“.  Dadurch würden diese Menschen von ihrer geschichtlichen Epoche losgelöst. Und im Falle Faulhabers ließe zumindest sagen, dass er eine „vielschichtige Persönlichkeit war“.

Podcast-Tipp

12 Momente aus 200 Jahren Dieser Podcast erzählt 2021 monatlich von  Menschen, Orten und Dingen aus der Geschichte des Erzbistums München und Freising, das 1821 errichtet wurde. Damit kamen Veränderungen, die noch heute nachwirken. > zur Sendung

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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