Kreuz-Botschaften Das zerbrochene Kruzifix von Giesing

29.03.2021

Die Heilig-Kreuz-Kirche im Münchner Stadtteil Obergiesing bezieht sich im Innern immer wieder und in verschiedener Weise auf ihr Patrozinium. Auch mit verstörenden Kunstwerken.

Ein Überbleibsel, das vom Krieg und von Ehrfurcht erzählt: das Kruzifix-Fragment in Heilig Kreuz.
Ein Überbleibsel, das vom Krieg und von Ehrfurcht erzählt: das Kruzifix-Fragment in Heilig Kreuz. © SMB/Bierl

München - Es muss einmal eine Christusfigur gewesen sein. Von der ist nicht viel mehr übriggeblieben als die Beine und auch die nur bis zum Knie. Feuerverkohlt ist dieser kümmerliche Rest eines Kruzifixes auch noch. So etwas verstauen fromme Leute vielleicht aus Pietät auf dem Speicher, weil sie Scheu davor haben, es wegzuschmeißen. Aber dieses kümmerliche Fragment hängt in einer strahlend renovierten Kirche, in Heilig Kreuz, im Münchner Stadtteil Giesing. Die Gläubigen können Kerzen davor anzünden, an Sonn- und Feiertagen brennt eine neben der anderen. Pfarrer Monsignore Engelbert Dirnberger steht immer wieder nachdenklich und sogar etwas stolz davor: „Ich wollte schon immer ein Kreuz in der Kirche haben, das eine gewisse Gebetstradition hat.“ Zumindest hat es eine bewegte und anrührende Geschichte. Als es noch ganz war, hing es mehrere hundert Jahre lang, nicht weit entfernt von der Heilig-Kreuz-Kirche, zuerst in einer Kapelle, nach deren Abriss an einer Hauswand.

Aus dem Kriegsschutt herausgeholt

In einer Arme-Leute-Gegend, deren Bewohner es verehrt und gepflegt haben. Bei den Bombardements des Zweiten Weltkriegs geriet das gotische Kruzifix in Brand und galt als verschollen. Ein sechzehnjähriger Ministrant hatte die Überbleibsel jedoch aus den Trümmern ausgegraben. Wahrscheinlich hat er sie in einen Kartoffelsack gesteckt und mit einem Strick zugebunden. Beides ist bis heute an den Füßen des Kruzifix-Fragmentes befestigt, zusammen mit einem kleinen Zettel, der über seine Herkunft aufklärt und ihm Frieden wünscht.  

Besondere Kraft

Es war der später als Kabarettist bekannt gewordene Philipp Arp, der es nicht über das Herz brachte, dieses Kreuz im Schutt stecken und wegwerfen zu lassen. Er hat es ehrfürchtig bis zu seinem Tod aufbewahrt. Seine Witwe übergab es danach dem Kunstreferat der Erzdiözese München und Freising. Dort hat es Pfarrer Dirnberger zum ersten Mal gesehen und lange betrachtet. „So wie es da lag, merkte man schon die Kraft, die davon ausgeht.“  Und er hat es unverändert in der Kirche gleich hinter dem Hauptportal aufhängen lassen. Denn Kreuze vor denen Menschen „mit ihren Sorgen, ihrem Leid gebetet und Hoffnung erfahren haben, sind immer etwas ganz besonderes“. Darum ist es dem Pfarrer „wichtig, dass es hier bei uns hängt“.

Das Paddel mit dem Kreuz

Ein paar Meter entfernt von dem verstümmelten und geschundenen Kruzifix aus dem Mittelalter hat er noch ein weiteres, modernes Vortragekreuz aufstellen lassen. Eigentlich ist es ein rot lackiertes Paddel, in das ein Kreuz eingeschnitten ist. Das Paddel steckt in einem schwarzen Holzblock, der an den Bug eines Bootes erinnert. Der Bildhauer Friedrich Koller war 2015 vom Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer stark erschüttert. In Erinnerung an sie hat er für die Heilig-Kreuz-Kirche sein schlichtes, aber eindringliches Kunstwerk gestaltet. Pfarrer Dirnberger nennt es ein „Ausrufezeichen“. Bewusst steht es in der Nähe des vom Bombenhagel zerstörten Kruzifixes. „Das eine Kreuz ist unmittelbar vom Krieg gezeichnet und das andere spricht von den Folgen von Krieg und Not.“ Sie erinnern und mahnen, „am Frieden mitzuwirken und Leid zu lindern“. In der Giesinger Kirche mit ihrem sprechenden Patrozinium sind natürlich noch viele weitere Kreuze zu finden. Jedes davon enthält eine „Einladung, darüber nachzudenken, was mich selbst bedrückt.“ Aber auch die mit diesem Zeichen verbundene Hoffnung zu sehen. Pfarrer Dirnberger deutet auf das andere Ende der Kirche, auf den Hochaltar mit seinem großen, makellosen Kruzifix in der Mitte: „Die Dornenkrone ist vergoldet, als ob das Leid sich schon in eine erlöste Zukunft gewandelt hat.“

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Karwoche

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