Geflüchtete in München Daueraufgabe für Kirche und Gesellschaft

04.09.2020

Im Interview spricht Monsignore Rainer Boeck, der Integrationsbeauftragte des Erzbistums, über die Arbeit mit Geflüchteten fünf Jahre nachdem diese zu Tausenden am Münchner Hauptbahnhof ankamen.

Fünf Jahre ist es her, dass tausende geflüchtete Menschen den Münchner Hauptbahnhof erreichten.
Fünf Jahre ist es her, dass tausende geflüchtete Menschen den Münchner Hauptbahnhof erreichten. © imago images/Michael Westermann

mk online: Was haben Sie vor fünf Jahren gedacht, als zehntausende Geflüchtete auf dem Münchner Hauptbahnhof angekommen sind?

Monsignore Rainer Boeck: Die Wucht des Zustroms hat mir zunächst schon den Atem genommen. Auf der anderen Seite war ich nicht so überrascht. Eigentlich ist die ganze Weltgeschichte eine Fluchtgeschichte, so dass es ein Wunder wäre, wenn das gerade in unserer Zeit zum Stillstand käme. Zurzeit sind weltweit 80 Millionen Menschen ohne Heimat unterwegs.

Was hat die Erzdiözese in diesem Zeitraum geleistet?

Boeck: Die Caritas in unserer Erzdiözese ist auf diesem Feld schon seit Jahrzehnten sehr aktiv. Und das Erzbistum stellte schnell Mittel in erheblichem Umfang etwa für die Asylsozialberatung zur Verfügung. Zum anderen gibt die Diözese den vielen Ehrenamtlichen eine professionelle Begleitung an die Hand, die sogenannten Ehrenamtskoordinatoren. Die deutschen Bistümer haben allein 2019 140 Millionen Euro für die Flüchtlingsarbeit aufgewandt, auch zur Bekämpfung von Fluchtursachen. Ein wesentlicher Teil, bis zu zehn Millionen Euro, kommt davon jedes Jahr aus der Erzdiözese München und Freising. Dies zeigt, dass unsere Verantwortlichen die Flüchtlingshilfe nicht als Eintagsfliege begreifen, sondern als Daueraufgabe.

Wo stößt diese Arbeit auch auf Grenzen?

Boeck: Eine nicht unerhebliche Grenze, mit der wir uns immer wieder auseinandersetzen müssen, ist die Grenze der Mentalität. Wir wissen alle, dass Flüchtlingsarbeit nicht nur auf Verständnis trifft. Darum sehe ich es auch als eine unserer zentralen Aufgaben, dass wir uns mit den Ängsten von Skeptikern und Kritikern konstruktiv auseinandersetzen. Wichtige Verbündete sind dabei die Industrie- und Handwe rk skammer n und mit ihnen die Betriebe und Unternehmen, die ja dringend Auszubildende und Arbeitskräfte suchen. Rund 60 Prozent der vor fünf Jahren bei uns angekommenen Flüchtlinge sind jetzt in festen Arbeitsverhältnissen und damit auch Steuerzahler. Da haben unsere Gesellschaft und die Geflüchteten viel geschafft. Ein großes Problem ist es aber, Wohnungen für sie zu finden. Eine Grenze erleben wir auch bei den Ehrenamtlichen, die in der Unterstützung der Geflüchteten in den vergangenen Jahren Großartiges geleistet haben. Sie haben nicht nur schöne und erfüllende Erfahrungen gesammelt, sondern sind jetzt oft auch erschöpft und ziehen sich zurück. Aber natürlich brauchen wir diese engagierten Frauen und Männer nach wie vor dringend.

Inwiefern hat denn die Corona-Krise die Arbeit für die und mit den Geflüchteten berührt?

Boeck: Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass Geflüchtete oft viel zu lange in beengten großen Sammelunterkünften leben. Das beeinträchtigt nicht nur deren Lebensperspektiven, sondern ist jetzt auch ein virologisches Problem. Durch die Kontaktbeschränkungen waren zudem die Beratungsdienste stark eingeschränkt, die gerade in der Pandemie wichtig gewesen wären. Weil auch die Ehrenamtlichen nicht in die Unterkünfte durften, waren Kinder und Jugendliche von ihrer schulischen Ausbildung abgehängt. Selbst wenn sie einen Computer haben, brauchen sie beim Online-Unterricht Hilfe, die ihre Eltern oft nicht leisten können. Dazu sind auf Dauer neue Konzepte zu finden. Und ich habe die Sorge, dass allein der coronabedingte Rückgang der Kirchensteuern auch die Mittel für die Geflüchteten schrumpfen lässt. Wir müssen schauen, wie das aufzufangen ist.

Sie haben gerade Ihr 40-jähriges Priesterjubiläum gefeiert. Hätten Sie sich 1980 vorstellen können, dass Sie einmal Diözesanbeauftragter für Flucht, Asyl, Migration und Integration werden?

Boeck: Nein. Auf der anderen Seite kommt auf den Menschen nichts zufällig zu. Soziales Engagement hat mir immer Freude gemacht. Schon als Schüler habe ich einen Besuchsdienst für Senioren aufgebaut. Als Kolping-Präses hatte ich ebenfalls viel mit sozialen und Integrationsfragen zu tun. Zudem komme ich selbst aus einer Vertriebenenfamilie. Meine Großmutter hat durch Krieg und Flucht ihren Mann und einen Sohn verloren. Schon darum habe ich mein Leben lang Augen und Ohren für das Thema offen gehabt. Ich bin davon überzeugt, dass Gott mich durch mein bisheriges Priesterleben gerade auf diese Aufgabe vorbereitet hat.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Flucht & Asyl

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