Psychiater Winterhoff gibt Tipps Dem digitalen Overload begegnen

08.04.2016

Psychiater Michael Winterhoff sieht in seiner Praxis die Folgen digitaler Überflutung bei Kindern wie Erwachsenen. Und er hat Tipps, wie man wieder Kapitän über sein Leben wird...

Stress, Burnout und Depressionen - Folge der digitalen Überflutung? © Jürgen Faelchle - fotolia.com

Bonn - Die digitale Überflutung führt nach Beobachtung des Bonner Kinderpsychiaters Michael Winterhoff zu einer kollektiven Schädigung der Psyche. In seiner Praxis erlebe er seit Mitte der 90er Jahre, dass sich immer mehr Kinder nicht altersgerecht entwickeln, sagte er im Interview der Katholischen Nachrichtan-Agentur (KNA) in Bonn. Diese Veränderung lasse sich inzwischen auch bei Erwachsenen erkennen.

Digitalisierung und Reizüberflutung

Burnout und Depressionen aufgrund von Überforderung seien in unserer heutigen Gesellschaft häufig. Die meisten Menschen seien heute überfordert, so Winterhoff. Das liege an dem Wechsel von der analogen in die digitale Welt. Der technische Fortschritt habe bis etwa 1990 dazu geführt, dass wir Menschen immer mehr Zeit haben. Doch mit der Digitalisierung sei das Gegenteil eingetreten. „Wir stehen alle unter Strom, alles muss sofort gehen. Diese Veränderung führe ich auf die pausenlose flächendeckende mediale Belieferung auf allen Kanälen zurück, die noch durch das Smartphone auf die Spitze getrieben wird. Wir sind heute weltweit bei allen Katastrophen live dabei“, erklärt Winterhoff. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass das Gehirn nur eine bestimmte Menge an Nachrichten aufnehmen und verarbeiten kann. Kämen aber zehn Nachrichten gleichzeitig, geriete der Mensch in den Zustand der diffusen Angst, der Getriebenheit, der Reizüberflutung.

Die Frage nach dem Sinn

Auch sei die Sinnfrage heute sehr schwer zu beantworten. Viele Menschen waren eine Gesellschaft gewohnt, die immer weiter aufstrebt: Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Wiedervereinigung, Neuer Markt. Von daher musste man sich gar nicht mit dem Lebenssinn auseinandersetzen.

Ausweg: Waldspaziergang

Als Heilmittel für die Psyche empfiehlt Winterhoff, den Kontakt zu sich selbst zu suchen. Dies sei etwa durch vier- bis fünfstündigen Waldspaziergänge "allein, natürlich ohne Handy" zu erreichen. Was dann passiert, so Winterhoff: „ Kaum sind Sie im Wald, fühlen Sie extremen Druck, weil Sie keine Ablenkung haben. Die Gedanken kreisen ohne Ende. Aber nach zwei bis drei Stunden ändert sich plötzlich die Verfassung: Sie sind entspannt und haben Glücksgefühle. Zu realen Problemen haben Sie eine Distanz und können deshalb zu ganz anderen Ergebnissen kommen. “

Ausweg: Kirchbesuch

Als Alternative könne man sich zwei bis drei Wochen lang täglich eine halbe Stunde in eine Kirche setzen. "In der Kirche ist jeder auf sich geworfen, egal, ob gläubig oder nicht", erläuterte der Therapeut. In den ersten Tagen hielte man das kaum aus und wäre froh, wenn man die Kirche verlassen könne Dann komme die Phase, wo man sagt, ich ziehe das jetzt durch. Schließlich sei der Punkt erreicht, wo der Mensch wieder er selbst sei und genieße, dass niemand in dieser halben Stunde an ihm ziehen und zerren kann. Zugleich verfügt er wieder über seine Erwachsenenfunktionen.

Wenn man Jahre nicht für seine Psyche gesorgt hat, ständig im Katastrophenmodus war, muss man zunächst eine lange Zeit im gegenteiligen Zustand sein, bevor sich alles regeneriert. (kna/sts)


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