Ritual im Münchner Salesianum Dem Tag gute Nacht sagen

02.09.2021

Im Münchner Salesianum wird ein alter Brauch des heiligen Giovanni Don Bosco gepflegt. Dabei geht es um ein "Gute-Nacht-Wort" mit spirituellem Denkanstoß.

Gute-Nacht-Impuls vor dem Lagerfeuer
Gute-Nacht-Impuls vor dem Lagerfeuer © Patrizia Czajor

München - Jeden Abend vor dem Zubettgehen erzählte der heilige Giovanni Don Bosco (1815–1888) den Jugendlichen, die im 19. Jahrhundert in seinem „Oratorium“ in Turin lebten, eine kleine Geschichte: ein Erlebnis, einen Traum oder eine Lebensweisheit. Der Priester und Ordensgründer verband das Erzählte häufig mit einem religiösen Gedanken. Dieses sogenannte „Gute-Nacht-Wort“ wird als Abendritual noch heute in vielen salesianischen Einrichtungen gepflegt. Auch im Münchner Salesianum in Haidhausen.

„Wiederbelebt“ haben das Gute-Nacht-Wort dort die Jugendpastoralbeauftragte Martina Edenhofer und Anna-Lena Koalick, im Haus zuständig für die sozialpädagogische Einzelfallhilfe. „Wir haben uns schon länger gefragt, wie wir die Jugendlichen auch spirituell ansprechen können“, sagt Edenhofer. Und es lag auf der Hand, dass vor allem dieses Format sehr gut zur Einrichtung und auch in die Corona-Zeit passt.

Marshmallows am Lagerfeuer

Seit Anfang 2021 laden Koalick und Edenhofer nun regelmäßig alle, die im Salesianum leben oder arbeiten, dazu ein, diesen Abendgedanken zu gestalten. Wenn das Wetter schön ist, trifft man sich am Lagerfeuer und grillt im Anschluss Marshmallows. Die letzte „Gute Nacht“ am Lagerfeuer hat die beiden Organisatorinnen sehr berührt. Ein Jugendlicher hat anhand einer Erzählung das Thema Freundschaft behandelt: Zwei Freunde gehen zusammen durch die Wüste und streiten sich. Einer von ihnen schreibt die Worte seines Ärgers in den Sand, doch diese werden vom sogenannten Wind der Vergebung immer wieder weggeweht. Als ihm der Freund etwas Gutes tut, schreibt er seine Worte hingegen in Stein. Diesmal verschwinden sie nicht. Es ist das, was ihm an seinem Freund vor allem in Erinnerung bleiben soll. 

Der Jugendliche hat seine Geschichte mit Musik aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“ untermalt, erläutert Koalick. Das habe eine besondere Atmosphäre geschaffen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer saßen an diesem Abend noch länger zusammen und sprachen über ihre eigenen Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Freundschaft.

Edenhofer gefällt besonders die Offenheit des Formats. Zwischen den Anwesenden entsteht in ihren Augen so etwas wie eine kurzzeitige Gemeinschaft. „Jeder kann etwas beitragen oder sich auch in den Impuls fallen lassen.“ Die Themen sind dabei so unterschiedlich wie die Personen im Haus. Edenhofer hat ihren Abendgedanken zu „Glücksmomenten“ gestaltet: Jeder sollte Momente, die ihm einfallen, auf einem Zettel notieren. Diese wurden anschließend in einem Glas gesammelt. Wer wollte, durfte seinen Glücksmoment mit den anderen teilen.

Vertraute Atmosphäre

Ein Pädagoge aus der Einrichtung hat seinen Impuls zuletzt ebenfalls sehr interaktiv durchgeführt: Er verteilte Nummern und derjenige mit der Nummer 1 fing an, eine Geschichte zu erzählen, die dann der Reihenfolge nach weitergesponnen werden sollte. Diese begann damit, dass jemand morgens das Haus verlässt und einem Elefanten begegnet und wurde dann zu einer Odyssee darüber, wie man gutes Essen findet, fasst Pastoralbeauftragte Edenhofer schmunzelnd zusammen. „Das war wirklich sehr spannend, weil ich den Eindruck hatte, dass jeder etwas von seinen Erfahrungen, seinem Alltag sowie den Dingen, die ihm am Herzen liegen, mit hineingebracht hat.“ Es sei zudem eine sehr wertschätzende Runde, die hier seit Einführung des Rituals regelmäßig zusammenkomme, und das schafft, was sie sehr freut, eine sehr vertraute Atmosphäre.

Ein schöner Nebeneffekt, der den Organisatorinnen außerdem aufgefallen ist: „Menschen trauen sich, sich zu öffnen.“ Das Format bietet die Gelegenheit, Menschen kennenzulernen, mit denen im Alltag womöglich kein Austausch stattgefunden hätte, oder Personen auch noch einmal von einer anderen Seite wahrzunehmen.

An diesem Abend spielt das Wetter leider nicht so mit. Der Abendimpuls wird spontan ins Schwimmbad verlegt. Im leeren Becken oder am Rand machen es sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Wolldecken gemütlich und hören Shandor Lassen zu. Der 21-Jährige, der eine Ausbildung zum Mechatroniker macht und als Bewohner in einer Wohngruppe im Salesianum lebt, möchte den anderen von einem YouTube-Video berichten, in dem es um den Umgang mit Verlusten oder mit schwierigen Situationen geht. Ein amerikanischer Ex-Soldat erläutert darin, wie sich ein anderer Soldat bei ihm beschwert, weil er auf alles Negative immer mit einem „Gut“ reagiert.

Zum Ritual geworden

Und zwar aus einem guten Grund, wie Shandor erläutert. Denn – so die Botschaft des Videos – alles Schlechte, was passiert oder uns widerfährt, beinhaltet immer auch etwas Gutes. Der 21-Jährige nennt ein Beispiel aus seinem eigenen Corona-Alltag: Er liebt es, Hockey zu spielen, doch das ist aktuell nicht möglich. Dafür habe er viel Zeit, um auch mal andere Sachen kennenzulernen oder auszuprobieren. „Es gibt so viele positive Dinge, auf die man sich konzentrieren kann.“

Edenhofer und Koalick bemerken, dass schon in dieser kurzen Zeit für sie und einige andere aus dem Salesianum der Abendgedanke wie ein kleines Ritual geworden ist. „Allein kann ein bewusster Tagesabschluss auch schnell hinten runterfallen“, sagt Edenhofer. Es sei schön, abends noch einmal zusammenzukommen und dem Tag gute Nacht zu sagen. (Patrizia Czajor)


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