Einsamkeit Den letzten Weg allein gehen

01.11.2019

In München werden immer mehr Menschen bestattet, die keine Angehörigen mehr haben. Gemeindereferentin Claudia Kast begleitet einige dieser Menschen und sucht nach den Spuren eines Lebens.

Mehr als ein Loch im Boden ist das Grab nicht.
Mehr als ein Loch im Boden ist das Grab nicht. © Kuklik

München – Georg G. wurde 91 Jahre alt. Ein stolzes Alter. An einem, wie man sagen würde, goldenen Oktobertag findet auf dem Münchner Ostfriedhof das Urnenbegräbnis statt. Die schwarze, schlichte Urne steht auf einem Sockel in der Aussegnungshalle, umgeben von ein paar grünen Topfpflanzen, die wohl immer dort stehen. Kühl ist es und dunkel. Ein paar Kerzen lassen ihr warmes Licht durch den monumentalen Bau flackern. Keine Blumen. Keine Kränze mit Schleifen, auf denen steht „In ewiger Liebe und Dankbarkeit“.

Fast alle Plätze der im Halbkreis aufgestellten Stühle sind leer. Fünf Trauergäste haben sich in der Aussegnungshalle eingefunden, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. „Georg G. wollte den Beruf des Sattlers ergreifen“, erzählt Gemeindereferentin Claudia Kast (St. Bernhard) bei der Trauerfeier, „doch nach einem Tram-Unfall verlor er die rechte Hand und konnte diesen Beruf nicht erlernen. Er wurde Nachtwächter.“ An dieser Stelle endet der persönliche Teil der Trauerfeier. Mehr ist über den Verstorbenen Georg G. nicht bekannt. Er lebte gesundheitlich angeschlagen in einem Seniorenheim, war nie verheiratet und hatte keine Kinder.

Zu Tränen gerührt

Trotzdem sind immerhin fünf Menschen gekommen, um sich von ihm zu verabschieden. Einer von ihnen ist ehrenamtlicher Trauergast – damit nicht nur der Begräbnisleiter am Grab steht – und kannte den Toten nicht. Alle anderen kommen von dem Projekt „Jung für Alt“ der Stiftung Sternenstaub und haben ihn während der vergangenen anderthalb Jahre kennengelernt. Auf der Prozession zur Grabstelle erzählt die Projektleiterin Sabine Dreßen, wie gern sie Herrn G. mochte, da er so dankbar für die Gesellschaft und die Aktivitäten war, die er durch das Projekt erleben konnte.

„Jung für Alt“ kümmert sich um einsame, oft auch verarmte Senioren: Ihnen wird ein Student zugeteilt, der mit dem Senior oder der Seniorin einmal pro Woche Zeit verbringt. „Er war jedes Mal beinahe zu Tränen gerührt“, sagt Sabine Dreßen. Georg G. sei ein sehr gläubiger Mensch gewesen, der gerne an den Gottesdiensten im Seniorenheim teilgenommen hat. Sein ihm zugeteilter Student und die anderen Projektmitarbeiter seien ihm eine echte Hilfe gewesen, denn „er kam kaum vor die Tür. Da er nur noch eine Hand hatte, konnte er seinen Rollstuhl nicht richtig schieben“, schildert die Projektleiterin.

Gras und Moos werden über das Grab wachsen

Die Urne wird ins Grab gelassen. Die Stelle dafür wirkt wie spontan ausgewählt, so, als ob sie eigentlich gar nicht als Grab vorgesehen wäre. Keine Nachbargräber, die sich in einem bestimmten Abstand daneben befinden, keine Symmetrie oder ein erkennbares System wie das eines geordneten Schachbrettmusters, das man auf dem restlichen Friedhof vorfindet. „Aus der Erde sind wir genommen, zur Erde sollen wir wieder werden.“ Mit einer Schaufel Erde besiegelt jeder Trauergast den endgültigen Abschied von Georg G.

Für Claudia Kast ist jede einsame Trauerfeier ein schwerer Gang.
Für Claudia Kast ist jede einsame Trauerfeier ein schwerer Gang. © Privat

In ein paar Wochen wird von dem Grab nichts mehr zu sehen sein. Gras und Moos werden darüber wachsen, das gelbgoldene Laub der Linden wird jede Spur verdecken. Kein Schild mit Namen, kein Kreuz, kein Stein wird an dieser Stelle zu finden sein, der an den Verstorbenen erinnert. Nur die Friedhofsverwaltung wird durch ihr Verzeichnis wissen, wo Herrn G.s Urne begraben wurde. Nach einem solchen städtischen Begräbnis, dessen Kosten die Stadt München trägt, wird das Ganze zu den Akten gelegt; ein Kreuz oder Ähnliches wird nicht in Auftrag gegeben.

Nur ein Loch für die Urne

„Als ich zum ersten Mal eine ‚einsame‘ Bestattung geleitet habe, war ich entsetzt“, erzählt Gemeindereferentin Kast, „da war nur dieses Loch für die Urne aufgegraben – ich sage bewusst nicht Grab. Und danach ist da nichts mehr. Und wie traurig ist das für einen Menschen, für den der Abschied von dieser Welt mit zwei Personen passiert: dem Friedhofsangestellten und mir.“ Dieses Jahr hatte sie schon ungefähr zehn solcher Begräbnisse geleitet und es werden zunehmend mehr.

Die Trauerfeier zu gestalten, sei ebenfalls nicht einfach, wenn man kaum bis gar keine persönlichen Informationen zu dem Verstorbenen hat. War er naturverbunden? Oder gläubig? Man nehme dann Bibelstellen, die immer passen, erklärt die Gemeindereferentin, zum Beispiel „Jesus sagt: Ich bin die Auferstehung“.

„Ich denke an diesen Menschen“

Sabine Dreßen könnte Persönliches von den Verstorbenen, die in ihrem Projekt betreut werden, erzählen, doch da besteht noch ein ganz anderes Problem: Die gesetzliche Betreuung, die sich in Fällen wie dem von Georg G. um alle verwalterischen Angelegenheiten kümmert, endet mit dem Tag des Todes. „Deswegen wissen wir oft gar nicht, wann und wo der Mensch beerdigt wird, weil die Stadt das nicht preisgeben darf. Das ist für uns oder den Studenten, der ihn betreut hat, sehr traurig, weil oft enge Beziehungen entstanden sind.“ Vom Begräbnis Georg G.s habe sie recht kurzfristig erfahren.

Kommt niemand zur Beerdigung, gehe ihr das nahe, sagt Claudia Kast: „Wenn ich dann das nächste Mal in einem Gottesdienst bin, denke ich an diesen Menschen – wenn er schon sonst niemanden mehr hatte, der an ihn denkt.“ (Céline Kuklik. Die Autorin ist Volontärin beim Sankt Michaelsbund)

Die Autorin
Céline Kuklik
Volontärin
c.kuklik@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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