Papst Franziskus wird 80 Der Barmherzige

15.12.2016

Feiern? Arbeiten! Seinen 80. Geburtstag am 17. Dezember verbringt der Heilige Vater wie andere Tage. Michael Mandlik, langjähriger ARD-Vatikan-Korrespondent, lässt für uns das bisherige Pontifikat Revue passieren.

Papst Franziskus © KNA

Vatikan – Radikal barmherzig. Ob diese Bezeichnung für den nun bald achtzigjährigen Papst Franziskus stimmig erscheint oder nicht: mir würde sie zur Beschreibung seiner Person, seines Charismas und seines weltkirchlichen Wirkens einfallen. Das mit der Barmherzigkeit war ja eigentlich allen von Anfang an klar – schon mit der Wahl seines Namens. Franz von Assisi, der Ordensgründer, der Asket, der Menschenfreund, der Friedensstifter und vor allem der Barmherzige – das geistliche Vorbild des argentinischen Jesuiten Jorge Mario Bergoglio, der als einfacher Pfarrer in den Slums von Buenos Aires die Armut und die Armen kennengelernt hatte. Dass die Kirche auf dieser und nicht auf der luxuriösen Seite des Lebens stehen müsse, diese Grundüberzeugung stammt bekanntermaßen aus diesen frühen Jahren seines geistlichen Wirkens. Und dann mit einem Mal als Papst in Rom. Das erste Mal auf der Loggia, ohne päpstliche Mozzetta, ein eher schüchterner Auftritt, ein schlichtes „Buona sera“. Bergoglio wer? Aus Argentinien? Der Papst vom Ende der Welt. Keine kundigen ersten Einschätzungen der üblichen Vatikanexperten, weil keiner ihn kannte – zumindest nicht in Europa. Das sollte sich recht schnell ändern.

Kein Pomp, keine roten Schuhe, keine Wohnung im Apostolischen Palast

Die Revolution begann mit scheinbaren Nebensächlichkeiten: Keine roten Schuhe mehr, keine Wohnung im Papstpalast, kein gepanzertes Papamobil, keine prächtigen Gewänder mehr zu den liturgischen Feiern wie überhaupt jeder überzogene Pomp sozusagen über Nacht in den Sakristeischränken zu verbleiben hatte. Wirklich keine leichten ersten Tage für den Zeremonienmeister. Nicht wenige im Vatikan hoben da die Augenbrauen verbunden mit der Frage, wo das wohl alles noch hinführen solle. Dabei war das gar nicht mal der Anfang.

Franziskus setzte nur mit strikter Konsequenz – und nun für alle sichtbar - fort, was sein Vorgänger Benedikt XVI. klugerweise im Stillen begonnen hatte: eine umfassende Reform der Kurie wie des gesamten vatikanischen Apparats. Wie großteils verkrustet die Struktur und wie notwendig die entsprechende Erneuerung der vatikanischen Institutionen war, das hatte sich aus der Sicht Benedikts in schon tragischer Weise in den Affären wie Vatileaks-Verrat, undurchsichtigen Geldgeschäften des IOR-Instituts oder aber auch der von Kardinälen dilettantisch gehandhabten Williamson-Affäre gezeigt. Mit Franziskus hatte Benedikt XVI. da nun aber einen Nachfolger, dem er mit gutem Gewissen sein Reformerbe anvertrauen konnte – und dieser sollte ihn nicht enttäuschen.

Papst Franziskus hat am Gründonnerstag 2014 Menschen in einem römischen Therapiezentrum die Füße gewaschen.
Papst Franziskus hat am Gründonnerstag 2014 Menschen in einem römischen Therapiezentrum die Füße gewaschen. © KNA

Von Anfang an der "Papst zum Anfassen"

Franziskus Trumpf war von der ersten Stunde an sein Programm: den Menschen begegnen, auf sie zugehen. Vorbehaltlos, offenherzig, distanzlos, auf Augenhöhe. Der „Papst zum Anfassen“ eroberte im Sturm die Herzen der Gläubigen weltweit, seine Sprache ist die der Liebe, des Verstehens und – der Barmherzigkeit. Immer galt und gilt seine besondere Aufmerksamkeit den Benachteiligten, den Kranken, den Behinderten, den Ausgestoßenen. Was anfänglich noch Aufsehen erregte ist heute päpstliches Standardprogramm, zum Beispiel die Fußwaschung von Häftlingen am Gründonnerstag in staatlichen Gefängnissen. Gemeinsame Mittagessen mit Obdachlosen im vatikanischen Gästehaus Santa Marta. Persönliche Besuche bei schwerkranken Kindern und ihren Eltern, um Trost und Zuversicht zu spenden.

Die stets sehr besondere Hinwendung, ja Zuneigung für viele tausend Behinderte auf dem Petersplatz anlässlich der päpstlichen Mittwochsaudienzen. Das ist deshalb auch echtes barmherziges Handeln, weil es authentisch ist. Man nimmt Franziskus ab, dass er die Gelähmten, die Verkrüppelten und die Aussätzigen, die er da innig umarmt und küsst, wahrhaft liebt. Sowas kann man nicht simulieren – nicht, wie er es tut.

Angst vor Veränderung

Es gibt aber auch eine andere Seite des Franziskus. Eine, die Angst macht - jedenfalls denen, die es sich seit Jahren oder Jahrzehnten auf vatikanischen Positionen bequem gemacht haben, die sich in ihrer Funktion oder aber Sinnhaftigkeit seit vielleicht ebenso langer Zeit längst überlebt haben. Dass jetzt da einer plötzlich nicht nur nachfragt, sondern aktiv ungemütlich wird, das hatten viele so nicht vorhergesehen. Mit der anfänglichen Überheblichkeit und dem Ausspruch „Der Papst will den Vatikan verändern? Der Vatikan wird den Papst verändern!“ wähnten sich viele doch weitgehend sakrosankt in ihren selbst innervatikanisch unübersichtlich gewordenen bürokratischen Machtsphären.

Reform der Kurie

Der erste wirkliche Paukenschlag kam schnell. Die Einrichtung des K9, des Kardinalsrats, den sich der Papst unmittelbar als unabhängiges Beratergremium unterstellt hatte, ließ so manche Amtsinhaber in diversen vatikanischen Dikasterien den Schreck in die Glieder fahren. Denn K9 bedeutete - mit sofortiger Wirkung - eine erhebliche Dezentralisierung vatikanisch zugeordneter Kompetenzen auf Vertreter von Ortskirchen, nämlich jenen Kardinälen, die der Papst quasi zu seinem engsten Beraterstab ernannt hatte. Gleichzeitig erfuhr das ehemals mächtige Kardinalstaatssekretariat (manche sprachen zuletzt von einem „Staat im Staate“) eine ziemlich Korrektur seines vermeintlichen Alleinstellungsmerkmals. Franziskus entließ schon spektakulär den bis dahin amtierenden Kardinalsstaatssekretär Bertone und ernannte mit Pietro Parolin wieder einen erfahrenen Diplomaten, der sich Staatssekretär seiner Heiligkeit nennen durfte – ein Titel, der auch wieder klarmachen sollte, wer hier eigentlich wem dient.

 Papst Franziskus hält die Predigt während einer heiligen Messe auf Lampedusa.
Papst Franziskus hält die Predigt während einer heiligen Messe auf Lampedusa. © KNA

"Ende der Welt" rückt ins Zentrum

Überhaupt Dezentralisierung. Dass die Begriffe Katholische Kirche und Leitungsfunktion nicht immer grundsätzlich an den Standort Vatikan gebunden sein müssen, es künftig sogar gar nicht mehr sollen, das zeigte sich auch sehr schnell an den ersten Kardinalsernennungen. Franziskus überreichte die Insignien der Kardinalswürde an Bischöfe in Diözesen, von denen man bislang teilweise nie etwas gehört hatte. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Vor allem aber machte Franziskus damit darauf aufmerksam, an wie vielen „Enden der Welt“ katholische Geistliche zusammen mit engagierten Ordensmännern und –frauen unter oftmals schwierigsten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ihrer Berufung nachkommen, nämlich das Wort Gottes zu verkünden. Und immer öfter auch an Orten, an denen dies mit erheblicher Gefahr für Leib und Leben verbunden ist.

Werte und Überzeugungen lebt er vor

Dabei fordert Papst Franziskus von seinen Leuten nichts, was er nicht selbst tun würde. Barmherzigkeit nicht nur predigen, sondern vorleben: seine aufsehenerregende erste „inneritalienische“ Pastoralreise – nicht in eine der prächtigen Kathedralen des Landes, nicht in eine der bedeutenden Diözesen, nicht an einen ehrwürdigen Wallfahrtsort. Er fährt zu den Hilflosen, den Verzweifelten, den Heimatlosen, den Gestrandeten. Lampedusa wird quasi zum Fanal seines Pontifikats, einem Aufschrei gleich gegen die Gleichgültigkeit angesichts der menschlichen Katastrophen, die sich dort unter den Augen der Weltöffentlichkeit tagtäglich ereignen.

Doch das war nur sein erster Schritt. Papst Franziskus geht zielstrebig weiter seinen Weg. Er pilgert dorthin, wo es weht tut und er fordert, nein, bittet immer wieder um Barmherzigkeit. Im Gebet zu Gott und in Appellen an die Menschheit. Da ist er kompromisslos, furchtlos, ja radikal im besten Sinne – um des Friedens willen und für das Seelenheil der Menschen. Ähnliches hat man in den historischen Überlieferungen ja auch von Franz von Assisi gehört.

Probleme anpacken

Gleichzeitig kümmert er sich auch um die Kirche in Europa, in einer Zeit, da diese – im Vergleich zu den dynamisch erstarkenden Ortskirchen in Teilen Asiens, Afrikas und Südamerikas – eher kraftlos wirkt, ängstlich, verkrampft, entmutigt. Anstatt aber länger auf die immer noch leerer werdenden Kirchenbänke zu starren, stößt Franziskus die scheinbar versiegelte Tür zu jener Kammer auf, in der die entscheidenden, aber seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil immer noch ungelösten Fragen wie sorgsam versteckt erschienen. Ehe, Familie, Sexualität, Empfängnisverhütung, der Umgang der Kirche mit Homosexuellen und wiederverheiratet Geschiedenen und, und, und …

Papst Franziskus, der gelernte Seelsorger, ist aber auch da konsequent und stellt an seine Kardinäle und Bischöfe die entscheidenden Fragen: Wisst ihr eigentlich, wie die Lebenswirklichkeit der Gläubigen heute aussieht? Die immer komplizierter werdende Arbeitswelt? Die Überforderung und Bedrohung von Ehe und Familie? Die Perspektivlosigkeit für viele Jugendliche? Die Ergebnisse einer von ihm initiierten Umfrage bei den Gläubigen weltweit schlagen im Vatikan ein wie eine Bombe. So ein Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit hatte man sich dann doch nicht vorgestellt.

Im Petersdom hat Papst Franziskus die Familiensynode eröffnet.
Im Petersdom hat Papst Franziskus die Familiensynode eröffnet. © imago

Familiensynoden, die nicht jedem schmecken

Gleich zwei Bischofssynoden befassen sich auf Veranlassung des Papstes mit diesen Fragen. Sie treffen auf erklärten Reformwillen wie aber auch auf Widerstand in den Reihen der Bischöfe. Franziskus lässt vor allem diese rechtzeitig, am Ende der ersten Synode wissen, dass die Fülle der Meinungen und Standpunkte wichtig ist für das Erkennen der Gesamtsituation. Entscheiden aber wird am Ende er, der Papst. Nur damit keine Zweifel aufkommen. Stichwort Zweifel. Auch da nimmt sich Papst Franziskus selbst nicht aus und erzählt freimütig, dass auch er nicht dagegen gefeit ist.

Wohlgemerkt: in Glaubensfragen! Das ist so mutig wie ehrlich und gleichzeitig tröstlich. Denn Franziskus wäre nicht er selbst, würde er nicht gleichzeitig das dazu passende Rezept mitliefern. „Fragen über den Glauben helfen uns, ihn zu vertiefen!“ sagt er und empfiehlt zur Überwindung von Glaubenszweifeln das Wort Gottes und die Katechese sowie den Dienst am Nächsten, also barmherziges Handeln. „Dann lösen sich viele Zweifel auf, da wir die Erfahrung der Nähe Gottes und der Wahrheit des Evangeliums machen.“ Da ist Franziskus an der Basis, ein bodenständiger Pfarrer, der weiß, wovon er redet.

Ausgelatschte Schuhe, abgewetzte Aktentasche

Das ist es dann vermutlich auch, was dieses Pontifikat jetzt schon deutlich prägt und ihm auch eines Tages wohl den entsprechenden historischen Stempel aufdrücken wird. Papst Franziskus, der gleich zwei Lasten erfolgreich schultert: Die Leitung und Reformierung einer Weltkirche sowie die sehr persönliche pastorale Fürsorge für 1,2 Milliarden Gläubige - auf einem schwierigen Pfad, den der nunmehr achtzigjährige Pontifex Maximus in seinen ausgelatschten Schuhen und mit abgewetzter Aktentasche unbeirrt weiter beschreitet. Mutig, radikal und vor allem – barmherzig. (Michael Mandlik)

Der Autor des Artikels, Michael Mandlik, war ab 1994 ARD-Vatikankorrespondent. 2005 wurde er Studioleiter im ARD-Studio Vatikan. Seit Anfang 2016 ist er Studioleiter Fernsehen des ARD-Studios Wien.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt 80. Geburtstag Papst Franziskus

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