500. Todestag Der einzige da Vinci in Deutschland

01.05.2019

Am 2. Mai 1519 ist eines der größten Genies der Menschheit gestorben: Leonardo da Vinci. Und München hat zwar nicht die Mona Lisa zu bieten, aber etwas, was es weder in Berlin, Wien noch in Dresden gibt.

Unauffälliges Meisterwerk in der Alten Pinakothek: Leonardo da Vincis Madonna mit der Nelke
Unauffälliges Meisterwerk in der Alten Pinakothek: Leonardo da Vincis Madonna mit der Nelke. © Alte Pinakothek

München – Wer genau hinsieht, erkennt auf dem Gemälde ein paar faltige Stellen. Die Madonna mit der Nelke in der Alten Pinakothek ist das einzige Gemälde Leonardo da Vincis, das in einem deutschen Museum zu finden ist. Die Runzeln machen deutlich, dass es ein Frühwerk des weltberühmten Künstlers ist, das im Saal IV hängt. „Es gehört wahrscheinlich zu den ersten drei Gemälden, die von Leonardo da Vinci überliefert sind“, erklärt Andreas Schumacher. „Er hat zu viel Öl dafür genommen.“ Denn der Künstler hat mit einer damals noch jungen Technik gearbeitet. Statt die Farbpigmente mit Eigelb und Eiweiß zu binden, verwendete er Öl. Damit lassen sich Licht und Schatten anders und vielfältiger gestalten, weichere Übergänge schaffen. Aber da Vinci hatte noch zu wenig Erfahrung damit. Das Bild ist um 1475 in Florenz entstanden: Es zeigt eine Madonna, die dem Jesusknaben eine rote Nelke reicht, nach der er greift. Die Blume steht für das Leid, das er erdulden wird. Denn die Kapseln der Nelke erinnern an Nägel und mit denen ist Christus ans Kreuz geschlagen worden.

Besondere Lebensnähe

Das Motiv ist geläufig. Leonardo da Vinci malt es aber so lebensnah, wie man das zuvor nicht gekannt hat. Der Jesusknabe ist wirklich ein Säugling mit rosiger Babyhaut und Marias Gesichtsausdruck spiegelt ihre tiefe innere Bewegung wider, die Landschaft im Hintergrund zieht den Blick des Betrachters in die Tiefe. Das Gemälde in München stammt sicher aus seiner Hand, dafür spricht nicht nur der Stil, der bereits auf die Mona Lisa vorausweist, es gibt dafür auch eine schriftliche Quelle. Die spricht auch von der perfekt gemalten Glasvase und dem Bergkristall, den die Madonna trägt und die Symbole für ihre unversehrte Reinheit und Jungfräulichkeit sind. Da Vinci wollte zeigen, was er in der Werkstatt seines Lehrers Andrea del Verrocchio gelernt hat. „Er packt das Bild tatsächlich mit Bravourstücken etwas voll“, erläutert Andreas Schumacher. Das hat der Künstler auch selbst gemerkt und auf einiges sogar verzichtet. Röntgenuntersuchungen haben gezeigt, dass Da Vinci selbst die schon vorgezeichnete Musterung des Fußbodens und geometrische Muster an den Fenstern weggelassen hat.

Audio

Zum Nachhören

Beitrag über die Madonna mit der Nelke im Münchner Kirchenradio

Meisterwerk mit zu viel Öl. Der frühe da Vinci war technisch noch nicht ausgereift.
Meisterwerk mit zu viel Öl. Der frühe da Vinci war technisch noch nicht ausgereift. © Alte Pinakothek

Empfindliche Madonna

Weil er auch die Technik der Ölmalerei noch nicht perfekt beherrschte, haften die Farben nur schwach auf der Holztafel. Die Madonna mit der Nelke ist deshalb empfindlich und wird auch nie ausgeliehen. Nicht einmal nach Paris. Dort zeigt der Louvre im Herbst eine große Ausstellung zum 500. Todestag des Genies. Die Medicis haben es wohl als Andachtsbild für ein Schlafzimmer in Auftrag gegeben. Die Glaskugeln, die am Kissen des Jesuskindes zu sehen sind, könnten ein Hinweis auf das Wappen der Medici sein, das von sechs Bällen bestimmt wird. Ein solcher Auftrag war aber nicht nur eine religiöse Angelegenheit. „Man gab sich damit auch als Kunstexperte zu erkennen“, so Andreas Schumacher. Die Florentinische Herrscherfamilie zeigte, dass ihr die ungeheure Begabung da Vincis klar war. Wie das Bild nach Bayern gefunden hat, liegt im Dunkeln. Papst Clemens VII., der aus der Familie der Medici stammt, hat die Madonna mit der Nelke mit nach Rom genommen.

Herkunft liegt im Dunkeln

1527 haben deutsche Landsknechte die Stadt verwüstet und geplündert. Vielleicht ist die Madonna von einem Soldaten über die Alpen gebracht worden. Vielleicht wurde sie aber auch ins damals mächtige Augsburg verkauft oder verschenkt. „Wir wissen es nicht“, sagt Andreas Schumachher. „Aber es gibt eine sehr genaue frühe Kopie aus dem 16. Jahrhundert, die nachweisbar in Augsburg entstanden ist.“ Richtig greifbar wird es erst wieder 300 Jahre später. Jedenfalls bringt es der Günzburger Arzt Albert Haug 1889 in die Alte Pinakothek. Dort erkennt der Direktor schnell, was für einen Schatz er da in Händen hält. Für 800 Mark kauft er das Bild, obwohl es auf dem Kunstmarkt mehrere tausend Mark brächte. Der Direktor hatte deshalb wohl ein schlechtes Gewissen und verschaffte Haug noch einen Rittertitel. „Es ist überliefert, dass den Doktor dieser Orden nicht besonders interessiert hat, verständlicherweise“, bemerkt Andreas Schumacher.

Ein Hauch Mona Lisa

Doch durch das Bild besitzt München einen einzigartigen Schatz. Und wer es genau anschaut, spürt einen Hauch der Mona Lisa. Zum einen erinnert die lebensnahe Darstellung der Madonna an das weltberühmte Gemälde von Leonardo da Vinci. Zum anderen zeigt das Münchner Bild einen ähnlichen Landschaftshintergrund wie die Mona Lisa im Louvre.

Zum 500. Todestag Leonardo da Vincis hebt die Alte Pinakothek das Bild nicht hervor. Kunstfreunde müssen die Madonna mit der Nelke im Saal IV fast suchen. Es hängt zwischen Werken von Raffael und Botticelli und ist kleiner als andere Gemälde. Andreas Schumacher findet das aber nicht schlimm: „So ist es doch auch schön, dass Leonardo fast ein wenig unauffällig dabei ist und dann eine Überraschung bietet und zu entdecken ist. Und ein bisschen würdigt das Museum seinen Schatz dann doch. Zum Todestag Leonardo da Vincis gibt es eine Führung zu diesem ganz besonderen Gemälde.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

© Alte Pinakothek

München am Mittag Ein echter Da Vinci in München

Am 2. Mai 1519, also heute vor 500 Jahren, ist eines der größten Genies der Menschheit gestorben: Leonardo da Vinci. Und München hat zwar nicht die Mona Lisa zu bieten, aber etwas, was es weder in...

02.05.2019

Besucher testen die Kunstinstallation "Waschende Hände" im Münchner Dom.
© Kiderle

Beginn der Fastenzeit "Waschende Hände" beim Aschermittwoch der Künstler

Warum genau benötigen Künstler einen eigenen Aschermittwoch? Dieser Frage ist unser Autor Thomas Stöppler im Münchner Liebfrauendom nachgegangen.

07.03.2019

Die Schergen foltern Jesus. (Fastenkrippe um 1780)
© SMB

Bayerisches Nationalmuseum Fastenkrippen: Von putzig bis grausam

Unser Autor kennt Krippen nur unter dem Weihnachtsbaum. Dabei stellen Krippen auch noch ganz andere Geschichten der Bibel dar, wie er bei einer Führung durch die Krippenausstellung im Bayerischen...

07.03.2019

Dramatische Kampfszenen mit fantastischen Fabelwesen sind auf der Säule abgebildet.
© DMF/Dashuber

Krypta des Freisinger Doms Dämonische Mächte auf Bestiensäule

Ein festes Element aller Maskerade ist der uralte Kampf zwischen Gut und Böse – dämonische Masken erinnern daran. Eine besondere Darstellung dieser Auseinandersetzung finden wir auf der „Bestiensäule“...

18.02.2019

Hausmadonna in der Münchner Altstadt
© SMB/Schlaug

Hausmadonnen in München Das schöne Bild der reinen Liebe

Wie die Gottesmutter Maria auf viele Münchner Hausfassaden kam, lesen Sie hier - mit Bildergalerie und Video.

04.12.2018

Unser Umgang mit dem Tod In der Kunst verewigt

Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang. Das diagnostizierte Hippokrates, der sich als Arzt auskannte mit der Kürze des Lebens. Anders als die Heilkunde vermag es die Kunst wie die Religion, den...

29.10.2013

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren