Vielfalt in der Kirche Der Exodus als Coming Out

14.04.2020

Die katholische Kirche tut sich oft schwer mit dem Thema Homosexualität. Dabei kann man die Bibel auch queer lesen.

Offene Bibel auf Holztisch
Die Bibel will ausgelegt werden. © Halfpoint - stock.adobe.com

München – „Es gibt also eine Art Beerdigungsritus für Haustiere, aber keine Segnung für schwule Paare? Da kann man schon die Aufregung von manchen verstehen“; sagt Dr. Robert Mucha. Der 32-Jährige ist katholischer Theologe und Fachbereichsleiter Philosophie und Religion der Volkshochschule München. Dass die katholische Kirche sich mit Homosexualität schwer tut, ist nichts Neues. Denn im Katechismus steht immer noch: Homosexuellen Menschen soll man mit „Achtung, Mitleid und Takt begegnen“. „Aus Mitleid und Takt kann man keine Pastoral machen“, sagt dazu Mucha und hat deswegen einen Vortrag mit dem Titel „Die Bibel queer lesen“ organisiert. Denn Bedarf ist freilich da, Homosexualität ist längst auch in der Kirche angekommen.

Ein Bund vor Gott

Aber wie kann man denn die Bibel queer lesen? Letztendlich, erklärt Mucha, ist das nur Hermeneutik. Also eine ganz klassische Methode zum tieferen Verständnis der Bibel. Man liest immer wieder unter neuen Vorzeichen einen Text mit jeweils neuen Erkenntnissen und Blickwinkeln und so erschließt sich einem ein tieferer Sinn. Beim Bibel queer lesen, liegt dementsprechend der Fokus auf den „queeren Inhalten“. Und die Bibel bringe das mit, sagt Mucha.

Zum Beispiel gibt es die Liebe zwischen David und Jonathan. Jonathan pflegte eine sehr enge Beziehung zu seinem Schwager, die sich leicht als homosexuelle Beziehung deuten lässt: Sie haben „einen Bund vor dem HERRN geschlossen“ (1 Sam 20,8) und Jonathan „liebte ihn wie sein eigenes Leben“ (1 Sam 20,17). Auch schützt Jonathan David vor den mörderischen Plänen Sauls. Um dort Homoerotik zu lesen, braucht es nicht viel Fantasie.

Ein offenes Werk

Aber letztendlich geht es weniger um konkrete Bibelstellen, sondern Versuche, Bibelgeschichten in den eigenen Lebensalltag zu übersetzen, wie man es auch in Exerzitien macht. „Was in der Bibel steht, ist nicht gesetzt, sondern hat etwas mit Auslegung und Tradition zu tun“, erklärt Mucha. Für niemanden steht am Ende einer queeren Bibellektüre die Sensation, Jesus sei schwul gewesen und Paulus eine Frau im Körper eines Mannes. Das ist aber auch nicht Sinn der Sache. Die Bibel ist ein sehr offenes Werk, wenig ist wirklich unumstößlich und vieles schlicht Auslegungssache. So lässt sich zum Beispiel der Exodus des Volks Israel durchaus als Metapher für ein Coming Out eines Homosexuellen lesen.

„Wir wollen in einen Austausch kommen, denn wir wollen ja alle zusammen in die Zukunft gehen“, sagt Mucha. Ganz in dem Sinne, dass Dinge Auslegungssache sind und nicht festgeschrieben. „Uneindeutigkeit ist eigentlich sehr katholisch“, sagt er. Denn „katholisch“ bedeute ja allumfassend und dazu gehören auch alle Gegensätze und alle Ambivalenzen des modernen Lebens. „Wir dürfen Kirche schon mal etwas größer denken“, hält Mucha fest. Und vielleicht können wir Kirche ja auch queer denken.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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