Jesus im Spiegel des Neuen Testaments Der geborene Messias

23.12.2018

Warum Jesus nicht die Erwartungen der Menschen erfüllt, warum er ein Original jenseits jeder Muster ist - und warum wir deshalb nie mit ihm "fertig" sind, erklärt Professor Thomas Söding.

Die Geburt Jesu, wie sie Tim Reininger bei einem Wettbewerb des Diözesanmuseums zum Thema "Krippe" umgesetzt hat. © Diözesanmuseum Freising/Thomas Dashuber

Jesus ist ein Mensch von Fleisch und Blut – das wissen alle. Er ist der Messias, der Sohn Gottes – das sagen die Evangelien. Wie hängt beides zusammen: das wahre Menschsein Jesu und seine Gottessohnschaft?

Es gibt keine Zauberformel. Es gibt aber die Erzählungen von seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung in den Evangelien. Es gibt die frühen Bekenntnisse des Glaubens, die in der Urgemeinde entstanden sind und bis heute in der Kirche gesprochen werden. Sie wollen im Wort Jesu das Wort Gottes, im Handeln Jesu das Handeln Gottes, im Bild Jesu das Bild Gottes entdecken lassen.

Ein Anfang

Das Weihnachtsevangelium ruft in Erinnerung, dass Jesus als Jude mitten in Israel geboren wurde – in Bethlehem, dort, woher König David stammt.

Dieser Anfang ist nicht eine Nebensache, sondern eine Hauptsache seines Lebens und seiner Heilssendung. Gott bleibt sich treu. Jesus, schreibt Paulus, ist das große Ja zu allen Verheißungen Gottes (2 Kor 1,20). Auch der Glaube bei Matthäus und Lukas, dass Jesus von der Jungfrau Maria geboren worden ist, erklärt sich nur aus der unbändigen Hoffnung, dass Gott genau dort anfängt, seinen Heilswillen zu verwirklichen, wo von menschlicher Seite nicht die geringste Chance besteht.

Aber das Weihnachtsevangelium schaut nicht nur zurück, sondern auch voraus. Nach Lukas ist die Geburt Jesu die Verheißung des Friedens auf Erden. Worin er besteht und wie er gestiftet werden kann, zeigt Jesus zeit seines Lebens und noch in seinem Sterben: durch seine Krankenheilungen, seine befreiende Lehre, die im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe gipfelt.

Thomas Söding ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr- Universität Bochum. © Lichtpoesie

Nach Matthäus soll Joseph dem Kind den Namen „Jesus“ geben. Es ist ein sprechender Name. Er heißt, genau übersetzt: Gott hilft. (Gotthelf wäre eine deutsche Entsprechung.) Nach Matthäus erklärt der Engel, der Joseph im Traum erscheint: „Er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen“ (Mt 1,21). Dieses Versprechen löst Jesu ein: Er vergibt Sünden. Er gibt sein Leben für die Sünder hin, um sie mit Gott zu versöhnen. Er tut es im Vertrauen auf Gott, der den Tod besiegt – bei Jesus und durch Jesus.

Ein Weg

Die Evangelien zeigen Jesus zeit seines Lebens unterwegs. Er wartet nicht wie Johannes der Täufer, bis die Menschen mit ihren Sünden, ihren Nöten und Sorgen zu ihm kommen. Er besucht sie dort, wo sie leben und sterben, arbeiten und beten.

Der Weg Jesu zu den Menschen ist Programm. Er verkündet das Kommen des Gottesreiches, das den Menschen nahe ist. Genau dieses Kommen und diese Nähe Gottes macht Jesus offenbar. Seine Taten und seine Worte berühren die Herzen der Menschen. Für Jesus ist typisch, dass er Menschen nicht krank, sondern gesund macht. Er befreit die Besessenen von bösen Geistern. Er zeigt den Sündern den Weg der Versöhnung. Er bezieht die Ausgestoßenen in die Gemeinschaft des Volkes Gottes ein. Er baut Brücken zu den Heiden, wie beim Hauptmann von Kapharnaum, der ihn um die Heilung seines kranken Knechtes bittet. Er lehrt, wie Menschen den Willen Gottes erkennen und befolgen können: indem sie auf Menschlichkeit setzen.

Mit seinen Worten und Taten ist Jesus nicht in einer religiösen Wüste unterwegs. Im Gegenteil: Er trifft auf Hoffnungen und Enttäuschungen, auf überliefertes Wissen und revolutionäre Ideen. Viele Menschen mag ein Mensch wie Jesus kaum interessiert haben. Einige, gerade aus der Elite Israels, lehnen ihn rundweg ab. Nicht wenige aber reiben sich an ihm. Sie staunen über ihn. Sie fragen sich, wer er wirklich ist. Sie glauben ihm – und müssen noch lernen, dass sie weite Wege und tiefe Krisen vor sich haben, bevor sich ihnen der Vorgeschmack des ewigen Lebens und die Vollendung des Reiches erschließen.

Viele Fragen kommen bei denen auf, die sich mit Jesus befassen: Ist er der Messias? Der Retter? Der Davidssohn? Der Menschensohn? Der Gottessohn? An keiner Stelle sagt Jesus einfach Ja oder Nein. Denn er folgt nicht den Erwartungen der Menschen, sondern dem Plan Gottes. Er füllt kein vorgegebenes Muster aus, sondern ist selbst das Original. Deshalb wird man mit Jesus auch nicht fertig, sondern immer neu auf den Weg von Anfang an geführt.

Ein Ziel

Jesus kommt mit Gott selbst zu den Menschen in Israel und aller Welt. Er kommt in seinem irdischen Leben, und er kommt als Auferstandener zu seinen Jüngern, die ihr Glück kaum fassen können. Er kommt aber auch – hoffen alle, die an ihn glauben – in derselben Kraft der Liebe, wenn die irdische Lebenszeit zu Ende geht.

Jesus zeichnet die apokalyptischen Bilder vom Weltende, die seiner Zeit vertraut sind. Er will nicht, dass Menschen anfangen, auszurechnen, wie lang die Wartezeit noch ist; Jesus will Mut machen, jeden Augenblick als Geschenk Gottes anzunehmen und so zu nutzen, dass das Leben Sinn macht.

Der Advent ist die Zeit der Vorbereitung auf die erste und die zweite Ankunft des Messias. Sehr viele Menschen, nicht nur Christinnen und Christen, haben eine große Hoffnung: dass der Messias, wenn er endgültig kommt, das Antlitz Jesu trägt.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Advent Weihnachten

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