Familien-Interview "Der Glaube gibt mir Hoffnung"

26.08.2019

Drei Generationen im Gespräch: Elli Bergold, Tochter Tanja und Enkel Leo aus dem Landkreis München sprechen darüber, was ihnen Glaube, Kirche und Werte bedeuten.

Drei Generationen (v.l.): Tanja, Leo und Elli Bergold aus Sauerlach-Arget im Landkreis München
Drei Generationen (v.l.): Tanja, Leo und Elli Bergold aus Sauerlach-Arget im Landkreis München © SMB/Schlaug

mk online: Wann waren Sie zuletzt im Gottesdienst und wie war es?

Elli Bergold (80): Am Sonntag wie fast jede Woche. Der Pfarrer aus dem Nachbardorf war da und es war ein sehr bewegender Gottesdienst.

Tanja Bergold (50): Ich war zuletzt im Juli im Gottesdienst. Und zwar nicht in meiner Heimatpfarrei, sondern in einem Ort zehn Kilometer weiter. Und ehrlich gesagt fand ich das irgendwie besonders. Weil: Man geht ja, außer man ist bei einer Hochzeit oder Taufe eingeladen, nie in eine andere Kirche.

Leo Bergold (18): Am Sonntag, da gab es eine Messe für meinen verstorbenen Opa. Es war sehr beeindruckend, ich war echt positiv überrascht, weil ich sonst nicht so oft in die Kirche gehe. Der Pfarrer hat die Messe so schön gestaltet, es war nicht so trocken wie sonst oft. Er hat aus seinem Leben erzählt und sogar einen Witz gemacht. Das fand ich lustig.

Elli Bergold
Elli Bergold © SMB/Schlaug

mk online: Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Alltag?

Elli: Eine große. Der Glaube gibt mir Halt und Stütze im Leben, er ist mein Fundament. In meinem Schlafzimmer hängt ein Kreuz aus meinem Elternhaus – so kann ich jeden Morgen, wenn ich aufstehe, Jesus begrüßen.

Tanja: Ich spreche nicht vor jedem Essen das Tischgebet, habe keine riesigen Herrgottswinkel zu Hause und lese nicht täglich in der Bibel. Der Glaube ist eher so etwas wie ein unsichtbarer Halt. Ich denke nicht ständig an ihn, aber ich weiß instinktiv: Er ist da und trägt mich.

Leo: Eine große Rolle. Ich bin sogar stolz darauf, katholisch zu sein. Der Glaube gibt mir Hoffnung. Wenn ich Stress habe, zum Beispiel vor Schulaufgaben oder so, dann bete ich: Lieber Gott, bitte lass mich ruhig bleiben und mein Bestes geben. Das hilft dann – meistens.

mk online: Schon mal überlegt, aus der Kirche auszutreten?

Elli: Das war nie eine Option.

Tanja: Ja. Das Thema sexueller Missbrauch hat mich tief getroffen. Aber beim Überlegen ist es geblieben.

Leo: Vielleicht, wenn ich einmal Kirchensteuer bezahlen muss. Aber das überlege ich mir, wenn es soweit ist.

Tanja Bergold
Tanja Bergold © SMB/Schlaug

mk online: Was schätzen Sie an der Kirche?

Elli: Ich bin Mitglied bei der Caritas und was die Kirche hier tut, ist unbezahlbar. Und die vielen Ehrenamtlichen – was wäre Deutschland, wenn es das alles nicht gäbe.

Tanja: Dass so viele Menschen in ihr so unglaublich viel Gutes tun!

Leo: Ich finde es gut, dass die Kirche ein offenes Haus ist. Ich kann dort beichten und bin auch dann willkommen, wenn ich mal Mist gebaut habe. Ich habe übrigens auch das Gefühl, dass sich die Kirche für uns junge Leute interessiert.

mk online: Was muss sich an der Kirche ändern?

Elli: Früher hatte man noch eine ganz andere Beziehung zum Pfarrer, der war zum Kaffetrinken da, stand nach der Kirche draußen und hat mit den Menschen gesprochen. Heute verschwindet der Pfarrer und ist weg. Das ist schade. Es muss wieder mehr Seelsorge stattfinden, mehr Beziehung zu den Menschen. Die Verantwortlichen haben zwar eine wöchentliche Sprechstunde, wohnen aber sonst in einer Art Elfenbeinturm.

Tanja: Handeln statt reden und die heißen Themen endlich anpacken: Umgang mit Sexualität, Zölibat, mehr Demokratie und Transparenz, echte Mitwirkung von Frauen. Und nicht darauf warten, dass die Gläubigen in die Kirche kommen. Der Prophet muss zum Berg!

Leo: Die Skandale sollen aufhören! Außerdem soll klar sein, dass die gesamte Kirchensteuer für die Armen verwendet wird und nicht für teure Wohnungen oder Autos.

Leo Bergold
Leo Bergold © SMB/Schlaug

mk online: Was haben Ihnen Ihre Eltern im Glauben mitgegeben?

Elli: Bei uns war die Religion sehr wichtig. Meine Brüder waren Ministranten, ich habe im Kirchenchor mitgesungen. Das war ein großes Fundament und verlässt einen nicht. Ich habe mich mal eine Zeit lang vom Glauben entfernt, aber bestimmt auch durch diese familiäre Prägung wieder zurückgefunden.

Tanja: Immer auch an die Schwächeren denken und konkret etwas für sie tun. Entweder durch ehrenamtliche Arbeit oder Spenden. Das wurde zu Hause vorgelebt. Und: Nicht schweigen über Missstände, sondern – Vorbild Jesus – den Mund aufmachen! Wegschauen oder Resignieren ist keine Option!

Leo: Nie nur an sich denken. Ich spende immer im Advent an andere, manchmal auch an eine Tierschutzorganisation. Und ich helfe in meiner Familie, wenn sie mich braucht. Das mach ich gerne.


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